Interessenten wollen Geschäfte des BAW-Instituts in neuem Rahmen weiterführen / Handelskammer favorisiert HWWI-Ableger an der Weser

Zwei Retter für die Bremer Regionalforschung

Bremen. Das Schicksal des Bremer Regionalforschungsinstituts BAW schien besiegelt zu sein. Nun gibt es offenbar gleich zwei Interessenten, die dessen Geschäfte in neuem Rahmen weiterführen wollen: Die Universität Bremen und das Hamburgische WeltwirtschaftsInstitut (HWWI) des Ökonomen Thomas Straubhaar haben dem BAW-Aufsichtsrat je einen sogenannten Letter of Intend geschickt, in dem sie eine entsprechende Absicht erklären.
10.11.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Annemarie Struss-v.Poellnitz

Bremen. Das Schicksal des Bremer Regionalforschungsinstituts BAW schien besiegelt zu sein. Nun gibt es offenbar gleich zwei Interessenten, die dessen Geschäfte in neuem Rahmen weiterführen wollen: Die Universität Bremen und das Hamburgische WeltwirtschaftsInstitut (HWWI) des Ökonomen Thomas Straubhaar haben dem BAW-Aufsichtsrat je einen sogenannten Letter of Intend geschickt, in dem sie eine entsprechende Absicht erklären.

Der Aufsichtsratsvorsitzende des BAW, Sparkassenchef Tim Nesemann, bestätigte auf Nachfrage, dass die beiden Angebote eingegangen seien. Sie müssten allerdings noch auf der morgigen Aufsichtsratssitzung und auf der Gesellschafterversammlung geprüft werden. 'Ich bin sehr froh, dass es jetzt gleich mehrere Optionen gibt', sagt Nesemann.

Eine Offerte kommt von der Universität Bremen. Rektor Wilfried Müller könnte sich gut vorstellen, die Projekte des BAW unter dem Dach des Fachbereichs 7, Wirtschaftswissenschaften, zu übernehmen, 'wenn die Auftraggeber zustimmen - das ist nicht selbstverständlich', betont Müller. Auch die Finanzierung der Projekte nach der beschlossenen Liquidation des BAW müsse sichergestellt sein. 'Die Verantwortlichen müssen alles dafür tun, um die Projekte erfolgreich zu Ende zu führen', sagt der Uni-Rektor, nach Möglichkeit von den bisherigen Mitarbeitern des BAW, wenn daraus nicht ein Anspruch auf eine unbefristete Anstellung an der Universität hergeleitet würde. Denn das sei nicht finanzierbar, ebenso wenig wie eine eigene Professur für Regionalforschung, was sich einige Akteure dem Vernehmen nach wohl wünschen. Vorerst gehe es vor allem um die Absicherung der bestehenden Aufträge, so Müller.

Die Absichten der Hamburger scheinen weiter zu gehen. Demnach hat HWWI-Chef Thomas Straubhaar in Gesprächen mit Handelskammerhauptgeschäftsführer Matthias Fonger und Wirtschaftsstaatsrat Heiner Heseler offenbar durchblicken lassen, man könne sich auch eine Art HWWI-Zweigstelle in Bremen mit Schwerpunkt Regionalforschung vorstellen. Straubhaar war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, hatte aber früher bereits geäußert, er sähe in Bremen gute Perspektiven. Sein Mitgeschäftsführer Gunnar Geyer bestätigte lediglich, man habe einen Letter of Intend nach Bremen geschickt, wolle zu den Details aber derzeit nichts sagen.

Matthias Fonger findet die Aussicht auf eine Bremer Zweigstelle des HWWI mit seinem prominenten Chef Straubhaar offenbar sehr attraktiv. Schon als bekannt wurde, dass das BAW aufgelöst werden soll, hatte Fonger betont, die Wirtschaft in der Region habe ein Interesse daran, die Kompetenz für Regionalforschung zu erhalten. 'Das BAW hat ja nicht nur Aufträge für das Land Bremen bearbeitet, sondern auch für die Kammer, für die Metropolregion und für einzelne Unternehmen', so Fonger. Man müsse nun prüfen, ob eine Finanzierung sichergestellt werden könne, ähnlich wie in Hamburg für das HWWI.

Neues Gesellschaftermodell

Das Straubhaar-Institut hat mehrere Gesellschafter, darunter die Handelskammer Hamburg, die Universität und Unternehmen wie die Berenberg Bank, die Haspa und Kühne+Nagel. Ein ähnliches Modell, etwa in Form eines Fördervereins, sei auch für Bremen denkbar. 'Klar ist: Es dürfen keine Gelder des HWWI von Hamburg nach Bremen transferiert werden. Wenn hier ein eigenes HWWI-Institut entsteht, muss das selbstständig finanzierbar sein', sagt Fonger. Voraussetzung sei eine projektunabhängige Basisfinanzierung. Das gelte im Übrigen auch für eine ebenfalls denkbare Konstruktion unter dem Dach der Universität. Ein Plus für eine Lösung mit Straubhaar ist für Fonger die Möglichkeit, Verwaltungs- und Vertriebsstrukturen der Hamburger mit zu nutzen: 'Das hätte schon einen gewissen Charme.'

Das HWWI müsse allerdings zunächst mit seinen Gesellschaftern sprechen. Sollte sich eine attraktive Lösung finden, könnte wie in Hamburg auch in Bremen die Universität mit dabei sein, sagt Fonger. Die Handelskammer wolle sich jedenfalls an der Finanzierung beteiligen. Unirektor Wilfried Müller will sich zu einer möglichen Kooperation mit dem HWWI in Bremen noch nicht äußern. Seine Aufgabe als Rektor sei es, dafür zu sorgen, dass die Projekte in Bremen bleiben und fortgeführt werden können, sagt Müller. Welches der beiden Angebote schließlich weiterverfolgt wird, darüber fällt morgen, wenn Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung tagen, wohl zumindest eine Richtungsentscheidung.

Klar ist: Die alte BAW-Trägergesellschaft wird unwiderruflich zum Ende des Jahres aufgelöst. Die Sparkassen Bremen und Bremerhaven halten darin gemeinsam die Hälfte der Anteile. Mit 25 Prozent ist das Land Bremen über die Wirtschaftsförderung WFB beteiligt, und 25 Prozent hält eine Gruppe Bremer Unternehmer um Bernd-Artin Wessels. Für eine künftige Lösung könnten sich dann ganz neue Konstellationen ergeben.

Ob Wessels und seine Partner dann noch dabei sind, ist fraglich. 'Wenn es zu der großen Hamburger Lösung kommt, müssen wir überlegen, ob eine Beteiligung unserer kleinen Gesellschaft noch sinnvoll ist', sagt Wessels. Das werde heute auf der Sitzung der HanseProjekt beraten, einer Beratungs- und Projektentwicklungsgesellschaft, deren Mitglieder neben Wessels die Sparkasse Bremen, die Unternehmer Uwe Hollweg und Friedrich Lürßen sowie der BAW-Geschäftsführer Nikolay Lutsky sind.

Wer immer die Geschäfte des BAW fortführen wird: Staatsrat Heiner Heseler ist schon jetzt zufrieden. Das ehemals staatliche Institut war schon im Frühjahr in massive Zahlungsschwierigkeiten geraten. Nur ein Überbrückungskredit der Bremer Aufbaubank hatte das Überleben ermöglicht. Für die Trickserei bei der Bewilligung dieses Kredites hatte Heseler (SPD) vom Grünen Koalitionspartner kräftige verbale Prügel bezogen. Doch durch die aktuelle Entwicklung sieht er sich bestätigt: 'Es war richtig, dadurch haben wir Zeit gewonnen', sagt Heseler. Das zahle sich jetzt aus.

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