Studien zur Freiwilligenarbeit Ein Ehrenamt macht nicht automatisch glücklich

Forschende der Universität Vechta und Bochum haben Daten von repräsentativen Bevölkerungsbefragungen ausgewertet und widerlegen die Annahme, dass freiwilliges Engagement das persönliche Wohlbefinden steigert.
25.01.2022, 16:36
Lesedauer: 2 Min
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Ein Ehrenamt macht nicht automatisch glücklich
Von Ulrike Troue

Gemeinhin gilt: Wer sich ehrenamtlich engagiert, tut sich und anderen gut. Denn unsere sozialen Beziehungen tragen nach Erkenntnissen der Positiven Psychologie zum persönlichen und sogar gesellschaftlichen Glück bei. Diesen Zusammenhang stellen zwei aktuelle Studien infrage. Sie kommen zu dem Ergebnis: Freiwilligenarbeit hat kaum Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden.

Zehntausende Datensätze analysiert

Drei Forschende der Universitäten Vechta und Bochum haben dafür bereits bestehende Datensätze von repräsentativen Bevölkerungsbefragungen von insgesamt 36.270 Personen ausgewertet. Sie stammen aus dem Sozioökonomischen Panel in Deutschland und dem British Household Panel Survey in England, die seit 1984 beziehungsweise 1991 durchgeführt werden. Es sind Wiederholungsbefragungen, bei denen dieselben Personen über mehrere Jahre jährlich interviewt werden. Angesichts dieser großen Stichproben werden die Studien, die in den Fachzeitschriften "Journal of Happiness Studies" und im "Social Indicators Research" erschienen sind, als wissenschaftlich solide betrachtet.

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Die Autoren Matthias Lühr als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Professorin Maria K. Pavlova von der Universität Vechta sowie Maike Luhmann als Professorin an der Universität Bochum haben gezielt die Datensätze von Menschen untersucht, die sich ehrenamtlich engagieren. Dabei haben sie deren Angaben zur Häufigkeit politischer ehrenamtlicher Tätigkeit, zum Beispiel in Parteien oder Bürgerinitiativen, und ihre Auskünfte zu Freiwilligenarbeit, die sich nicht dem politischen Bereich zuordnen lässt, etwa in Kirchen oder Vereinen, näher betrachtet.

Gezielt haben sie die Angaben zur Lebenszufriedenheit, zum emotionalen Wohlbefinden, zur Einsamkeit und zur Kontrollüberzeugung, also der Annahme, wie selbstbestimmt man ist, ausgewertet. Außerdem sind die Antworten der Freiwilligen auf die Frage, ob sie sich durch ihr Engagement weniger einsam fühlen würden, in die Studien eingeflossen. Die Autoren wollten herausfinden, ob sie sich in den Jahren glücklicher gefühlt haben, in denen sie sich vergleichsweise mehr (oder überhaupt) ehrenamtlich engagiert haben im Vergleich zu Phasen mit geringerem oder keinem bürgerschaftlichen Einsatz. 

Andere Faktoren steigern Wohlbefinden mehr

Die Forschenden kamen zu dem Ergebnis: Ältere Erwachsene in Deutschland und England waren in den Jahren, in denen sie sich in einem nichtpolitischen Bereich ehrenamtlich tätig waren, zufriedener als vorher. Aber ihr Wohlbefinden war ihren Angaben zufolge nur geringfügig besser als in der Zeit davor. Andere Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel gemeinsam mit Freunden oder Bekannten etwas zu unternehmen, hat sich stärker und vielseitiger auf ihr Glücksgefühl ausgewirkt. Lühr, Pavlova und Luhmann sehen die in der Bevölkerung und Wissenschaft weitverbreitete Vorstellung, dass ehrenamtliche Tätigkeit dem Leben der engagierten Person Struktur und Sinn gibt und sie somit zu einem glücklicheren und zufriedeneren Menschen macht, daher im Großen und Ganzen widerlegt.

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Aber sie schließen nicht grundsätzlich aus, dass bürgerschaftliches Engagement sich positiv auf die persönliche Zufriedenheit auswirkt. Es sei gut möglich, betonen die Forschenden, dass freiwilliger Einsatz in bestimmten Zusammenhängen glücklicher mache. Das hänge aber von den Bedürfnissen des Einzelnen, vom Umfeld, von der Tätigkeit und dem gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhang ab. Wer sich ehrenamtlich engagieren will, sollte demzufolge nicht erwarten, dass freiwilliger Einsatz ihn glücklicher macht, sondern sich bewusst machen, dass der eigentliche Sinn des Ehrenamtes darin liegt, dass man einen persönlichen Beitrag zum Gemeinwohl und zu demokratischen Prozessen in der Gesellschaft leistet. Und der hat wenig mit Eigennutz zu tun.

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