Polizei-Spezialeinheiten übten in Bremen Zwei Tage Training für Großlagen

Polizisten von Spezialeinheiten aus ganz Deutschland und aus Österreich haben sich zwei Tage lang in Bremen gemessen. Sie trainierten für Großlagen wie Demonstrationen oder Hochrisikospiele beim Fußball.
19.06.2019, 10:57
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Sabine Doll

Der dunkle Punkt am Himmel wird immer größer. Und es wird lauter, je näher der Hubschrauber dem Europahafen kommt. Gut acht Meter über dem Becken bleibt er in der Luft stehen. Die Wasseroberfläche, vorher fast so glatt wie ein Spiegel, ist aufgepeitscht, der Wassernebel aus Millionen kleinster Tröpfchen wird vom Wind der Rotorblätter über das Becken gefegt. Jetzt geht's los: Ein Polizist nach dem anderen springt aus dem Hubschrauber in das aufgeschäumte Wasser.

Einer nach dem anderen, in voller Montur, inklusive Schuhen. Kerzengerade oder leicht gekrümmt, die Arme am Körper oder nach oben gereckt. Die zehn Männer wissen, was sie tun. Und sie tun es "wahnsinnig gerne", wie später einer von ihnen, der Hamburger Polizist Sören Göttsche, tropfnass und ein wenig abgekämpft versichert. Abgekämpft, aber mit einem zufriedenen Lächeln.

Zurück zum Hubschrauber. Der dreht ab und überlässt die zehn Männer ihrem Schicksal. Je fünf Polizisten bilden ein Team, sie sind Mitglieder der Beweis- und Festnahmeeinheiten – kurz: BFE – in ihren Bundesländern. Polizisten dieser Einheiten sind speziell geschult und ausgerüstet. Die beiden Teams, die sich an diesem Mittwoch als erste einen Wettstreit um Punkte liefern, kommen aus Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Insgesamt treten 20 Mannschaften bei der länderübergreifenden Vergleichsübung in Bremen an. Die Teilnehmer kommen aus dem gesamten Bundesgebiet, außerdem sind Beamte der Wiener Einsatzgruppe Alarmbeteiligung aus Österreich dabei.

Fitness spielt große Rolle

"Sie trainieren für den Ernstfall, für sogenannte Großlagen. Das sind etwa Hochrisikospiele beim Fußball, Großdemos und Versammlungen, überall dort, wo mit gewalttätigen Auseinandersetzungen gerechnet wird", sagt der Bremer Polizist Tilo Koch, der früher selbst zu einer Beweis- und Festnahmeeinheit gehörte. Ihre Hauptaufgabe ist es, Täter in Großlagen beweissicher festzunehmen. Koch weiß, was diesen Spezialisten der Polizei abverlangt wird, körperlich und auch mental. "Die körperliche Fitness spielt natürlich eine große Rolle", sagt er. "Aber genauso wichtig ist Stressresistenz. Es nützt nichts, wenn jemand fit ist, aber in hochstressigen Situationen keinen kühlen Kopf bewahren kann."

Auftakt war in Bremerhaven

Fitness und Stressresistenz, in Ausnahmesituationen klare Entscheidungen treffen – das ist ein Bestandteil der Vergleichsübungen, die alle zwei Jahre organisiert werden. Dieses Mal ist Bremen dran, weil das Team aus dem kleinsten Bundesland 2017 in Magdeburg Sieger war. Der Ausrichter nimmt traditionell nicht an der Übung teil. 2008 hat Bremen ebenfalls gewonnen, und auch ein dritter Platz war schon dabei. "Man kann sagen, dass wir immer im oberen Drittel dabei sind, ziemlich erfolgreich also", sagt Polizeisprecherin Jana Schmidt. Lagen und Einsätze werden trainiert, die so auch in der Realität vorkommen können. Zehn Übungen sind es insgesamt, in denen sich die Polizisten an den zwei Tagen im kleinsten Bundesland messen. Auftakt war am Dienstag in Bremerhaven. Der Großteil findet allerdings unter Verschluss statt. "Weil die Übungen taktisch geprägt sind", sagt Schmidt.

Die Polizisten im Wasser sind zu ihrer nächsten Station geschwommen: Ein Schlauchboot treibt kieloben. Die Aufgabe: das Boot umdrehen und zu einer ertrinkenden Person – einer Puppe – rudern, sie ins Schlauchboot hieven und mit der Wiederbelebung beginnen. Mecklenburg-Vorpommern ist gut im Geschäft, die Puppe liegt bereits im Boot. Hamburg kommt irgendwie nicht vom Fleck. "Sie haben nicht gesehen, dass das Boot noch mit einem Seil festgemacht war", sagt Polizist Koch. Jetzt klappt's, Hamburg rudert.

Innensenator: Herausragende Leistungen

Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) als oberster Dienstherr der Polizei verfolgt den Wettbewerb im Wasser gespannt: "Das sind herausragende Leistungen, die die Einsatzkräfte da vollbringen. Sie erfordern auch Mut, zum Beispiel der Sprung aus dem Hubschrauber." Der Senator ist stolz darauf, dass Bremen die länderübergreifende und die damit bundesweit größte Polizeiübung ausrichtet: "Das haben wir nicht alle Tage, und es ist auch mit großem Aufwand verbunden." Aufwand, der laut Mäurer einen ernsten Hintergrund hat. "Wir investieren in diesen Bereich und in diese Einheiten, weil sie unverzichtbar sind. Dafür müssen sie entsprechend trainiert werden."

Etwa, indem sie mit einem Teammitglied auf einer Trage durch einen schmalen Holztunnel kriechen – gegen den Wasserstrahl aus einem Feuerwehrschlauch, der in die Öffnung am anderen Ende gehalten wird. Oder ein nasses, 150 Meter langes und 250 Kilogramm schweres Schiffstau gemeinsam einen kleinen Parcours entlangschleppen. Sören Göttsche und sein Hamburger Team können den Rückstand zwar nicht mehr aufholen, an der Motivation ändert das aber nichts: " Wir wissen genau, wofür wir hier trainieren und wie wichtig unsere Arbeit ist. Natürlich ist das anstrengend und man denkt auch mal, man kann etwas nicht. Es ist aber das beste Gefühl, wenn man es dann schafft", sagt der Polizist.

++ Dieser Artikel wurde um 19.07 Uhr aktualisiert ++

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+