Detlef Stein und Lucy Jarnach widmen sich der Freundschaft von Caspar David Friedrich mit Carl Gustav Carus

Zwei verwandte Künstlerseelen

Noch bis Sonntag, 15. März, ist in der Galerie im Park die wegweisende Ausstellung „Die Kunst krank zu sein. Der Arzt, Naturforscher und Künstler Carl Gustav Carus“ zu sehen. Die Idee dazu stammt von Detlef Stein, der die Schau auch kuratiert hat. Jetzt gab der promovierte Kunsthistoriker mit der Münchner Pianistin Lucy Jarnach im Haus im Park in Kooperation mit der Kunsthalle Bremen ein Vortragskonzert zur Künstlerfreundschaft zwischen Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus.
19.02.2015, 00:00
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Von Sigrid Schuer
Zwei verwandte Künstlerseelen

Lucy Jarnach spielte Klavierwerke von Schubert und Liszt, Kunsthistoriker Detlef Stein erzählte facettenreich von der Freundschaft der ungleichen Künstler Friedrich und Carus.

Petra Stubbe

Noch bis Sonntag, 15. März, ist in der Galerie im Park die wegweisende Ausstellung „Die Kunst krank zu sein. Der Arzt, Naturforscher und Künstler Carl Gustav Carus“ zu sehen. Die Idee dazu stammt von Detlef Stein, der die Schau auch kuratiert hat. Jetzt gab der promovierte Kunsthistoriker mit der Münchner Pianistin Lucy Jarnach im Haus im Park in Kooperation mit der Kunsthalle Bremen ein Vortragskonzert zur Künstlerfreundschaft zwischen Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus.

Der 1774 in Greifswald geborene Caspar David Friedrich gilt als der Maler der deutschen Romantik, der berühmt gewordene Natur-Ansichten des Elbsandsteingebirges rund um Dresden, aber auch der Kreidefelsen auf Rügen schuf. „Erst 1974, hundert Jahre nach der Geburt von Caspar David Friedrich, widmete ihm die Hamburger Kunsthalle eine große Retrospektive und leitete damit die Wiederentdeckung seines Schaffens ein“, erläutert Detlef Stein, der in der Neustadt lebt. Ähnlich erging es dem universal talentierten Carl Gustav Carus, mit dem den Maler der Romantik eine enge Künstlerfreundschaft verband. Er starb im Jahr 1869 im Alter von 80 Jahren fast vergessen.

Das besondere Interesse Detlef Steins, der als Kunsthistoriker über Joseph Beuys promovierte, gilt im besonderen Maß der deutschen Romantik. Intensiv hat er sich auf Rügen und rund um Dresden auf die Spurensuche zu Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus begeben. Für die Kunsthalle hat er mit dem Pianisten Markus Goede auch eine CD dazu produziert. Es darf wohl als Steins Verdienst bezeichnet werden, dass er das Werk des Arztes, Naturforschers und Künstlers Carus wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, so in der von ihm maßgeblich kuratierten Ausstellung „Die Kunst krank zu sein“, die noch bis Sonntag, 15. März, in der Galerie im Park zu sehen ist.

Die Schau ist genauso facettenreich konzipiert wie die schillernde, intellektuelle Persönlichkeit von Carus, der im 19. Jahrhundert im Kunstmekka Dresden zum gefeierten Mittelpunkt des Geisteslebens avancierte, wie Detlef Stein plastisch schilderte. Größen wie Wilhelm Tieck und August Schlegel gingen in seiner noblen „Villa Cara“ aus und ein. Gefeierter Gast seiner schöngeistigen Salons war aber auch die berühmte Pianistin Clara Wieck-Schumann.

Einen intensiven, überaus kenntnisreichen Einblick in diese untergegangene, universal gebildete, schöngeistige Welt gaben Detlef Stein und Lucy Jarnach im Haus im Park mit einem Gesamtkunstwerk aus Texten, Zitaten und Klaviermusik der Romantik unter dem Titel „Dieser Maler weiß, was er macht, und jener fühlt, was er macht – Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus. Eine Künstlerfreundschaft“. Die Münchner Pianistin lotete mit ihrer ebenso sensiblen wie facettenreichen Interpretation der Klavierwerke von Schubert und Liszt, gipfelnd in der Nocturne cis-moll, op 27/1 von Chopin, die komplexe Seelenverwandschaft der beiden eigentlich so gegensätzlichen Künstlerfreunde aus. Mal aufbrausend leidenschaftlich, dann wieder von melancholischer Poesie umflort, wie in der abschließenden Nocturne von Chopin. Stein ließ dazu immer wieder die verwunschenen Gemälde und Zeichnungen von Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus einblenden.

Der Kunsthistoriker zeichnete romantisch empfindsam den vorwiegend tragischen Lebensweg Caspar David Friedrichs nach, der nicht ohne Grund zum schwermütigen Eigenbrötler wurde, während sich Carus äußerst geschickt und elegant auf dem aristokratisch geprägten, gesellschaftlichen Parkett Dresdens bewegte. 1840 starb der bereits zu Lebzeiten in Vergessenheit geratene, große Maler, der seit seinem zweiten, schweren Schlaganfall kaum noch arbeiten konnte, in dem Bewusstsein, seine Familie verarmt zurücklassen zu müssen.

Carl Gustav Carus würde man heute wohl als Überflieger bezeichnen, schon im zarten Alter von 15 Jahren nahm er seine vielfältigen, naturwissenschaftlichen Studien auf, wechselte dann ins Fach Medizin, um schon mit 22 Jahren zu promovieren und sich drei Jahre später zu habilitieren. Der 15 Jahre ältere Caspar David Friedrich hatte dagegen sein Malstudium erst mit 20 Jahren an der Königlichen Kunstakademie Kopenhagen aufgenommen. Carus, der es ab 1827 zu einer glänzenden Karriere als Leibarzt und Hofrat der sächsischen Könige gebracht hatte, „stand ihm bis zum Schluss in treuester Weise als loyaler Freund bei, der als Vorsitzender des sächsischen Kunstvereins Werke von Friedrich ankaufte“, erläuterte Stein. Obwohl es ihm der glühende, mit Revolutionären paktierende Demokrat, der sich zuweilen eher schroff als diplomatisch und schon gar nicht opportunistisch verhielt, nicht immer leicht gemacht habe. „Um die Menschen nicht zu hassen, muss ich den Umgang mit ihnen lassen“, befand Caspar David Friedrich.

Sichtlich ergriffen hatte Detlef Stein zuvor von dem einschneidensten Erlebnis berichtet, das Caspar David Friedrich sein Leben lang prägen sollte. Als kleiner Junge war er mit seinem Bruder auf dem zugefrorenen Greifswalder Bodden Schlittschuhlaufen gegangen. Er brach in das Eis ein, sein Bruder rettete ihm das Leben, um den Preis, dass er selbst in dem eisigen Wasser ertrank. Friedrich, der das mitansehen musste, soll später einen Selbstmordversuch unternommen haben. „Man sagt, dass der markante rot-blonde Bart, den er sich zulegte, die Narbe dieses Selbstmordversuches kaschieren sollte“, sagte Detlef Stein.

Ein ähnlich traumatisches Erlebnis sei für den gebürtigen Leipziger Carl Gustav Carus 1813 das grausame Erlebnis der Völkerschlacht bei Leipzig gewesen. „Hier werden ganze Generationen in den Tod geschickt. Ein einzelnes Leben hat auf der großen Rechentafel der Welt keine Bedeutung“, notierte der sozial engagierte Carus resigniert, der auch unentgeltlich als Armenarzt arbeitete. Die Kunst und seine Malerei seien für das Universaltalent Mittel zur Seelenreinigung gewesen, somit sei er ein Vorreiter der Kunsttherapie gewesen,erklärte Stein weiter.

Zu Differenzen zwischen den beiden Freunden Friedrich und Carus, die gemeinsam das Elbsandsteingebirge durchstreiften, um ihre Skizzenbücher zu füllen und dann im Atelier weiterzuarbeiten, war es nicht zuletzt wegen unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen gekommen. Ganz so wie es Emile Zola formuliert habe: „Landschaft ist Natur durch ein Temperament gesehen“, betonte der Kunsthistoriker Stein. So arbeitete Friedrich nach dem Credo: „Er soll nicht malen was er vor sich sieht, sondern was er in sich sieht!“ Der protestantische Christ habe immer wieder die Natureinsamkeit als pantheistischen Andachtsort aufgesucht, resümierte Detlef Stein.

Kombinierte Führungen, die um 15 Uhr in der Kunsthalle Bremen beginnen und in der Galerie im Park, Züricher Straße 40, fortgesetzt werden, gibt es am Donnerstag, 19. Februar, und Donnerstag, 5. März. Die Teilnahme kostet inklusive Eintritt 5 Euro, 2,50 Euro ermäßigt. Die Ausstellung „Die Kunst krank zu sein. Der Arzt, Naturforscher und Künstler Carl Gustav Carus“ ist bis 15. März in der Galerie im Park zu sehen, mittwochs bis sonntags, 11 bis 18 Uhr, Eintritt 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Mehr auf www.kulturambulanz.de.

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