Sozialer Wohnungsbau Zwei Zimmer, Küche, Bad - unbezahlbar

Immer mehr Bremer müssen offenbar aus ihrer Wohnung ausziehen, weil für sie die Miete unbezahlbar geworden ist. Zahlen, die das belegen, gibt es nicht – aber Mieter, die von ihrer Not berichten.
06.11.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Zwei Zimmer, Küche, Bad - unbezahlbar
Von Christian Weth

Immer mehr Bremer müssen aus ihrer Wohnung ausziehen, weil für sie die Miete unbezahlbar geworden ist. Davon gehen die Grünen aus. Ihnen reicht das Wohnbauprogramm des Senats nicht. Es helfe in der Zukunft und damit zu spät.

Schon längst sei eine Verdrängung von Menschen mit weniger Geld an den Rand der Stadt erkennbar. Die Arbeitnehmerkammer bezweifelt, dass die Quote an neuen Sozialwohnungen ausreicht. Zahlen, die das belegen, gibt es nicht – aber Mieter, die von ihrer Not berichten.

Die werdende Mutter will anonym bleiben, genauso wie die Rentnerin, der Mann aus der Neustadt, die junge Familie. Was sie erzählen, ist intim und immer gleich: Sie müssen aus ihrer Wohnung ausziehen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können. Oder sie wohnen zu zweit, zu dritt, zu viert auf 65 oder weniger Quadratmeter, weil sie nichts Größeres finden, das für sie bezahlbar wäre.

70 Prozent des Einkommens für Miete

Die werdende Mutter geht davon aus, dass sie ihre Wohnung mit Glück noch zwei Jahre halten kann. Die Rentnerin, dass sie notgedrungen in ein günstigeres Quartier am Stadtrand ziehen muss. Der Mann aus der Neustadt, dass er Bremen verlassen wird. Genauso wie die junge Familie.

Es sind Menschen unter ihnen, die wenig Geld haben, zum Teil so wenig, dass sie mehrere Jobs haben, um die Miete bezahlen zu können. Es sind aber auch andere darunter, die ein Einkommen haben, das als durchschnittlich gilt – und das trotzdem nicht mehr ausreicht. Manche geben inzwischen die Hälfte ihres Geldes für die Miete aus. In einem Fall sind es sogar nahezu 70 Prozent des Einkommens.

Sie wohnen alle ähnlich: Zwei Zimmer, Küche, Bad ist die Regel, mal im Erdgeschoss, mal in einer oberen Etage, aber immer in einem Mehrfamilienhaus. Nichts Besonderes könnte man meinen, und doch sind die vier Wände für einige mittlerweile unbezahlbar geworden. Oder drohen es zu werden.

Zusätzliche Wohnungen bis 2020

Den Grünen bereitet die Bremer Wohnungspolitik deshalb große Sorgen. Einerseits finden sie es gut, dass der Senat 14 000 neue Wohnungen schaffen will, von denen jede vierte für Menschen mit wenig Geld sein soll. Andererseits geht ihnen das Vorhaben nicht weit genug. Statt in die Bestandswohnungen werde in die Zukunft investiert.

Die zusätzlichen Wohneinheiten sollen bis 2020 entstehen. Und das sei noch lange hin, zu lange, wie Susanne Wendland sagt. Die sozialpolitische Sprecherin der Grünen sieht schon jetzt dringenden Handlungsbedarf. Bereits heute würden viele Menschen aus der Mittelschicht oder mit geringem Einkommen an den Rand der Stadt verdrängt, weil sie die Mieten in zentrumsnäheren Quartieren nicht mehr zahlen könnten.

Wer notgedrungen wohin umzieht, weil die Wohnung zu teuer wurde, ist für Wendland längst ausgemacht: Der Schwachhauser zieht entweder in die Neustadt oder nach Findorff, der Neustädter oder der Findorffer nach Woltmershausen oder Hemelingen, der Hemelinger oder Woltmershauser nach Walle oder Gröpelingen. Es ginge immer in den nächstgünstigeren Stadtteil. Und zwar so lange, bis die Stadtgrenze erreicht sei, wo der Quadratmeter sechs bis sieben Euro koste wie in Gröpelingen statt zehn bis 14 Euro wie in Schwachhausen.

Bestand an Wohnungen schrumpft

Die Arbeitnehmerkammer beobachtet ähnliche Strömungen innerhalb Bremens. Konkrete Zahlen, wie viele Menschen in welche Stadtteile abgewandert sind, hat sie allerdings ebenso wenig wie Grünen-Politikerin Wendland. Beide berufen sich auf Gespräche mit Mietern beziehungsweise nicht repräsentative Umfragen. „Es gibt keine Studie über einen Verdrängungsprozess“, sagt Kai-Ole Hausen. Der Referent der Kammer hat aber eine andere Untersuchung, die für ihn ein Indiz dafür ist, das es diesen Prozess geben könnte.

Seit Längerem geht die Kammer der Frage nach, ob die Zahl der Sozialwohnungen in Bremen ausreicht. Sie glaubt das nicht und begründet ihre Einschätzung mit dem kontinuierlich schrumpfenden Bestand an Wohnungen, die für Menschen mit geringem Einkommen vorgehalten werden. Hausen rechnet damit, dass sich der Trend weiter fortsetzen wird: dass es bis 2015 noch 7900 sozial geförderte Wohneinheiten geben wird, bis 2020 lediglich 5500. Zugleich registriert die Kammer eine steigende Zahl an Arbeitnehmern, die immer mehr Geld für Miete ausgeben müssen. Hausen glaubt deshalb, dass die Quote von 25 Prozent, die Bremen für neue Sozialwohnungen vorsieht, nicht reichen wird.

Baubehörde weist Kritik zurück

Das schließt auch Reinhard Josties nicht aus. Der Geschäftsführer des Mietervereins bestätigt einen steigenden Bedarf an günstigen Wohnungen. Darum sei es gut, dass der Senat Mieterhöhungen zumindest teilweise begrenzt habe. Noch besser wäre es jedoch gewesen, wenn er zugleich die Einkommensgrenze für Menschen, die eine Sozialwohnung benötigen, herabgesetzt hätte. Josties: „Die ist noch immer so hoch, dass sich viele Rentner solch eine Wohnung gar nicht leisten können.“

Die Baubehörde weist jegliche Kritik am Förderprogramm zurück. Noch nie habe es eine Quote für den sozialen Wohnungsbau gegeben, die so hoch gewesen sei wie jetzt, sagt Ressortsprecher Jens Tittmann. Er sei fest davon überzeugt, dass sie reichen werde. Peter Sakuth, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der freien und privaten Wohnungsunternehmen, sieht das ähnlich. Mit einem Unterschied: „Es muss schneller gebaut werden.“ Die Entscheidungsprozesse in der Behörde seien zu schwerfällig. „Für den Büropark Oberneuland, wo ebenfalls günstiges Wohnen möglich werden soll, ist noch kein Stein bewegt worden.“ Dabei stünden die Investoren schon lange bereit.

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