Verschärfte Corona-Bedingungen

Bremer Pflegeheime: Besuchsverbote sind kein Thema

Mit organisatorischen Vorkehrungen und Hygienekonzepten sehen die Bremer Heim-Träger ihre Häuser ausreichend vor einer zweiten Corona-Welle geschützt.
18.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Pflegeheime: Besuchsverbote sind kein Thema
Von Justus Randt
Bremer Pflegeheime: Besuchsverbote sind kein Thema

Mit aktuell erneut verschärften Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus, wächst in Alten- und Pflegeheimen die Sorge, dass es wieder zu Besuchsverboten kommen könnte.

Christoph Schmidt /dpa

Die verschärften Corona-Bedingungen wecken Sorgen bei Bewohnerinnen und Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen, aber auch bei Menschen mit Beeinträchtigungen in sogenannten Einrichtungen der Eingliederungshilfe. Sie alle hat der Lockdown im Frühjahr besonders hart getroffen. Könnte es wieder zu einem Besuchsverbot kommen? Wie versuchen Behörden und Träger der Heime, sich gegen die „zweite Welle“ zu wappnen?

„Zurzeit wird alles unternommen, um Risikogruppen zu schützen, ohne Freiheitsrechte über Gebühr einzuschränken. Ich glaube, dass das gut gelingt“, sagt André Vater, Vorstandsvorsitzender der Bremer Heimstiftung, über die „hygienischen und organisatorischen Maßnahmen“. Dennoch: „Jeder kann die Infektion mitbringen – Mitarbeiter, Therapeuten, Besucher, Handwerker.“ Besuchsbeschränkungen seien grundsätzlich sehr problematisch. „Wir haben gesehen, was die Isolierung mit den Betroffenen macht, das ist ein starker Eingriff in die Grundrechte.“

Belastung für alle

André Vater setzt zunächst auf die von der Bundesregierung angekündigten Corona-Schnelltests für Heime: Sie könnten allen Betroffenen, auch den in der Pflege Beschäftigten, die stark belastet seien, „Entlastung verschaffen und ein Gefühl der Sicherheit“ fördern. „Gegenwärtig läuft bei jedem Verdacht immer gleich die große Maschinerie an: Personen werden isoliert, Beschäftigte werden aus dem Arbeitsbereich genommen. Auf die Testergebnisse muss bis zu zwei Tage gewartet werden. Beim Schnelltest geht das in einer halben Stunde.“

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Für Arnold Knigge, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege Bremen, ist klar: „Eine neue Debatte über Besuchsverbote in Heimen wäre fatal.“ Seiner Überzeugung nach reichen die bestehenden Besuchskonzepte und „hohen Hygieneanforderungen“ aus. Die Ausweitung der Schnelltests sei eine wichtige Ergänzung. Aber: „Man muss den Trägern der Einrichtungen Spielräume lassen“, sagt er mit Blick auf die mögliche Zuspitzung der Lage. „Es könnte sein, dass dann bei sehr angespannter Personalsituation der sehr hohe Aufwand, Besuche in Bewohnerzimmern zu ermöglichen, organisatorisch nicht mehr zu verkraften ist.“ So könne es dazu kommen, dass – sofern Heime die Möglichkeiten dazu haben – Besuchsbereiche eingerichtet werden.

Bedingungen verbessert

Bernd Meurer sieht gelassen nach vorn. Der Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) weist auf verbesserte Bedingungen – auch der Bremer Mitglieder – hin: „Als das Virus Deutschland im Frühjahr heimsuchte, standen uns fast keine Masken, Schutzkittel, Desinfektionsmittel und Einmalhandschuhe zur Verfügung. Diese Situation hat sich glücklicherweise vollkommen geändert.“ Die privaten Heime hätten sich frühzeitig gegen möglicherweise zu befürchtende Lieferengpässe gewappnet und seien „gut vorbereitet, um weiterhin Besuche zu empfangen“.

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Beim Martinsclub, der Wohnbereiche und Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen betreibt, „besteht absolute Alarmbereitschaft, wir rüsten maximal auf“, sagt Sprecher Benedikt Heche. 104 der Bewohner und Bewohnerinnen seien Beschäftigte der Werkstatt Bremen, gegenwärtig könnten nur 41 von ihnen arbeiten gehen. „Mehr als Hände waschen, Abstand halten, Flächen desinfizieren und aufeinander achten können wir im Moment nicht machen.“ Viele, die sonst in der Werkstatt Bremen arbeiten, verbrächten die Tage nun in ihren Zimmern. „Das sind ja keine großen Wohnungen„, sagt Heche. “Für die Betreuung bedeutet das sehr viel mehr Aufwand.“

„Soziale Isolation unzumutbar“

Der Landesbehindertenbeauftragte Arne Frankenstein fordert, sich „an örtlichen Gegebenheiten“ auszurichten. Strikte Besuchsregeln wie im Frühjahr führten zu erheblicher sozialer Isolation und seien unzumutbar. „Die Entscheidung darüber sollte nicht allein an der Wohnform festgemacht werden. Wir wissen noch gar nicht, welche Folgeprobleme daraus im Frühjahr entstanden sind. Vor allem müssen jetzt Schutzmaßnahmen konsequent umgesetzt werden.“

Wie die Gesundheits- geht auch die Sozialbehörde davon aus, dass FFP2-Masken einen guten Schutz bieten. Aus Sicht von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) bestehe „derzeit nicht die Notwendigkeit, Besuche wieder stärker zu reglementieren“, sagt ihr Sprecher Bernd Schneider. Das Ressort habe „neben der körperlichen Unversehrtheit vor allem die seelische und psychische Gesundheit“ im Blick. „Wir alle haben erlebt, welche Belastung es für Bewohnerinnen und Bewohner ist, wenn sie über Wochen und Monate von ihren Familien abgeschnitten sind.“

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