Besuch des Bundespräsidenten Zwischen Erinnerungskultur und Zukunftsperspektiven

Am zweiten Tag seines Bremen-Besuchs besuchte Frank-Walter Steinmeier unter anderem das Firmengelände von Kröger-Bau, wo die Auszubildenden auf einer eigens eingerichteten Schau-Baustelle ein Stück Mauer hochzogen.
28.02.2018, 22:28
Lesedauer: 7 Min
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Von Kristin Hermann Michael Brandt

Eiseskalt ist es am Morgen auf dem Firmengelände von Kröger-Bau. Als der Fahrzeugtross des Bundespräsidenten auf das Grundstück in Blumenthal biegt, steht Bauunternehmer Jan-Gerd Kröger mit seinen Auszubildenden bereit. Für die Azubis Melanie Cordes und Ilja Stublla sowie den Stahlbetonbauer Jonas Schaffarczyk ist das Rumstehen ein harter Job.

Sie tragen als traditionelle Zunftkleidung nur weiße Hemde und Cordwesten – bei minus elf Grad. "Gefühlt sind es minus 18", sagt einer der Sicherheitsbeamten, die Frank-Walter Steinmeier am zweiten Tag seines Bremen-Besuchs begleiten. Fachfragen zu modernen Mauertechniken, Kalksandstein und Fugenkleber bestimmen diesen ersten Termin des Tages.

Frank-Walter Steinmeier, seine Frau Elke Büdenbender und Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) verfolgen, wie die Auszubildenden auf einer eigens eingerichteten Schau-Baustelle ein Stück Mauer hochziehen. Anders als in der Vergangenheit werden heute deutlich größere Steine mit maschineller Hilfe aufeinander gesetzt und verklebt. Und die Kalksandstein-Elemente, erklärt Schaffarczyk den Gästen, kommen auch passgenau auf die Baustelle. Steinmeier schaut sich die Vorführung an, fragt nach, wiegt einen Stein in der Hand.

Melanie Cordes stammt aus der Wesermarsch, ist 20 Jahre alt und am Endes des ersten Ausbildungsjahres. Frauen in diesem Job, sagt ihr Chef Jan-Gerd Kröger, sind die absolute Ausnahme. Die Auszubildende ist in der Rückschau auf die bisherige Ausbildung aber weiterhin überzeugt: "Es war die richtige Entscheidung." Ihr Ziel sei es, den Polierschein zu machen. "Es interessiert mich, wie Häuser von Grund auf geplant werden."

Später sitzt sie mit Ilja Stublla und weiteren mit am Tisch, als Jan-Gerd Kröger den Bundespräsidenten in die Firmenräume und damit endlich in die Wärme bittet. Die Polizisten nutzen die Gelegenheit, sich die klammen Finger an einem Becher Kaffee zu wärmen. Kröger, in dessen Betrieb in Blumenthal 50 Beschäftigte arbeiten, klagt wie viele andere über die Probleme, Nachwuchs zu finden: "Die Wertigkeit der dualen Ausbildung muss wieder mehr in den Fokus." Eine weitere Forderung des Arbeitgebers: Die Berufsschule müsse sich den Veränderungen auf den Baustellen schneller anpassen.

Ein Gang über das Gelände

Ortswechsel: Mit Spürhunden patrouillieren Sicherheitsbeamte über das Gelände vom Denkort Bunker Valentin. In einer Stunde werden Steinmeier und Büdenbender eintreffen, um sich über die Geschichte des Erinnerungsortes zu informieren. Etwa 150.000 Quadratmetern müssen die Polizisten vorab inspizieren, "davon etwa 50.000 im Bunker selbst", sagt Denkort-Leiter Marcus Meyer. Die Fahrzeuge treffen ein. Das Protokoll sieht zunächst einen Gang über das Gelände vor. Fröstelnd betreten die Gäste danach das Besucherzentrum.

Thomas Köcher, Leiter der Bremer Landeszentrale für politische Bildung, stellt dem Ehepaar den 19-jährigen Syrer Moaz Alrifaei vor. Der lebt seit 2015 in Deutschland und arbeitet zweimal pro Monat im Bunker. "Wir könnten das Ganze ohne die Ehrenamtlichen gar nicht finanzieren", erzählt Köcher. Alrifaei ist begeistert von der Begegnung mit dem Bundespräsidenten und sagt später freudestrahlend: "Wir haben nicht viel gesprochen, aber es war schön, ich habe mich gefreut."

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An der ehemaligen Betonmischanlage frieren zwei Schülerinnen schon einige Zeit im eisigen Wind, als der Präsident dort eintrifft. Die 14-jährige Madelaine Schweinfurth und die 17-jährige Finja Schäfermeier arbeiten seit zwei Jahren als Juniorguides und führen Jugendliche durch den Bunker. Schweinfurth erzählt dem Präsidentenpaar, dass an dieser Stelle auf 45 Kilo abgemagerte Strafgefangene 50 Kilo schwere Zementsäcke treppauf schleppen mussten.

Für die Opfer des Naziterrors legen Steinmeier und Bürgermeister Sieling im Anschluss am Mahnmal zwei Kränze nieder. "Hier ist der Ort, wo man erkennt, was es heißt, Demokratie zu verlieren", betont Steinmeier anschließend. Irma Weiß aus Farge-Rekum hatte den Präsidenten vor der Kranzniederlegung schon aus der Ferne erspäht und ihrem Mann Harri zugerufen: "Oh, jetzt kommt er. Man sieht schon die weißem Haare. Hol die Kamera raus."

Ein Foto mit dem Bundespräsidenten

Um als gemeiner Bürger die Aufmerksamkeit oder gar ein Foto mit dem Bundespräsidenten zu bekommen, braucht es ein wenig Glück. Das bekommen auch diejenigen zu spüren, die sich am Nachmittag vor dem Historischen Museum in Bremerhaven versammelt haben und noch immer bei Minustemperaturen auf ein Foto mit Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender hoffen. Der Bundespräsident ist direkt aus Bremen-Nord in Richtung Seestadt gefahren.

Für einige der Bremerhavener ist es eine Selbstverständlichkeit, hier auf ihn zu warten. "Wir wohnen hier um die Ecke. Ich will unbedingt versuchen, dass meine Kinder ein Bild mit ihm bekommen", sagt Lutz Diekena. Seine Kinder wirken jedoch etwas verschreckt, was vor allem an der Polizeieskorte und den einschüchternden Personenschützern liegen dürfte, die Steinmeier nicht von der Seite weichen.

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Doch die Sicherheitsmänner entpuppen sich als das Gegenteil und führen das Staatsoberhaupt direkt zu der Familie. Sogar Diekena darf mit auf das Foto. "Einfach klasse", sagt er danach. Klasse hat auch eine andere Aktion, die sich kurz nach dem Foto abspielt. Ein Ehepaar, denen das Warten in der Kälte offenbar zu ungemütlich ist, begrüßt den Bundespräsidenten lieber mithilfe eines Megafons von seinem Balkon aus und und lädt ihn zu einer Tasse Glühwein ein.

Doch selbst wenn sie wollten, Steinmeier und Büdenbender müssen ablehnen. Zu streng ist ihr Aufenthalt in Bremerhaven getaktet, doch die Lacher hat das Ehepaar allemal auf ihrer Seite. Bevor sich Steinmeier und Büdenbender im Historischen Museum mit Schülern über ein Geschichtsprojekt austauschen, besuchen sie jedoch die Thünen-Institute für Seefischerei und Fischereiökologie im Fischereihafen.

Auch Carsten Sieling, Bremerhavens Obermeister Melf Grantz (SPD) und die Stadtverordnetenvorsteherin Brigitte Lückert sind dabei. Die Forschungseinrichtung ist erst vor kurzem aus Hamburg und anderen Teilen Deutschlands nach Bremerhaven verlegt worden, wo auch ihr Forschungsschiff liegt.

Es wird fischig

Die Institute begreifen sich selbst als eine Schnittstelle zwischen Politik und Forschung, sagt Folkhard Isermeyer, Präsident der Thünen-Institute in seiner Begrüßungsrede. Was genau das im Alltag bedeutet, erklären die Forscher anhand von zwei Beispielen: So entwickelten sie unter anderem ein Netz mit einer Art Notausgang für Fische, mit dem unerwünschter Beifang verhindert werden soll.

Danach wird es fischig, im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht in die Labore der Institute, wo die Wissenschaftler Gehörsteine der Fische entnehmen, um ihr Alter festzustellen und sie noch sonstigen Krankheiten zu untersuchen. Fürs Foto legen Steinmeier und Büdenbender sogar Hand an. Besonders spannend ist dieser Moment auch für die beiden Mitarbeiterinnen, die im Labor nebenan währenddessen eine anderes Exemplar aufschneiden, sich aber nur schwer konzentrieren können – wann sonst könnte einem schließlich jeden Moment der Bundespräsident bei der Arbeit über die Schulter gucken?

Viel bekommen die anwesenden Journalisten von diesem Teil des Besuches nicht mit – schon nach kurzer Zeit müssen sie gehen. Die Mittagspause verbringt die Delegation praktisch nebenan im Seefischkochstudio, wo standesgemäß ein Fischbuffet serviert wird, verrät Carsten Sieling im Anschluss. Auch Oberbürgermeister Melf Grantz ist bis dato mit dem Besuch zufrieden. "Ich erlebe den Bundespräsidenten hier sehr bürgernah", sagt er.

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Während die Politiker noch speisen, gehen im Historischen Museum einige Schüler noch einmal den Text für ihre Darbietungen durch. Einige von ihnen werden eine kurze Theaterszene vorführen, einige andere einen Song spielen. Doch im Vordergrund des Besuches steht die Vorstellung des Projekts "Tag der Stadtgeschichte", der in Bremerhaven jährlich am Jahrestag des Bombardements vom 18. September 1944 begangen wird. An diesem Datum spüren Schülerinnen und Schüler der Vergangenheit nach, und besuchen Orte, an denen im Nationalsozialismus Verbrechen begangen wurden.

Einige der Jugendlichen sind sichtlich nervös. Die Theatergruppe steht in einer Ecke und flüstert ihren Text immer und immer wieder. Eine Hand voll soll sogar eine richtige Diskussion mit Steinmeier und seiner Frau führen. Natürlich gibt es aber auch die Schüler, denen nicht mal der Bundespräsident etwas anhaben kann – so sagen sie es zumindest. Darunter auch die Musiker. "Wir treten nicht das erste Mal auf", sagt einer von ihnen.

Peer Stindt hat sich für den heutigen Tag besonders in Schale geworfen. Er trägt über seinem Kapuzenpullover eine Krawatte. "Ein Hemd habe ich nicht, aber eine Krawatte sollte es für den Bundespräsidenten schon sein", sagt er. Das Outfit wird sich am Ende bezahlt machen. Steinmeier gratuliert Stindt bei der Diskussionsrunde persönlich zu seinem 18. Geburtstag, denn auch der ist an diesem Tag.

Positive Entwicklung in den vergangenen Jahren

Als die schwarzen Limousinen dann endlich vor dem Gebäude vorfahren, sind jedoch alle Schüler ganz bei der Sache. Bevor es ins Gespräch miteinander geht, tragen sich Frank-Walter Steinmeier und seine Frau in das Goldene Buch der Stadt ein. Und es gibt Geschenke: Der Bundespräsident bekommt einen Entwurf der Alexander von Humboldt II. Das Schiff ist das Flaggschiff der Sail 2020, bei der Steinmeier Schirmherr ist. Ehefrau Elke Büdenbender erhält eine Patenschaft vom Zoo Bremerhaven für Pinguin Alex.

Steinmeier kündigt zudem an, Ende Juni wieder nach Bremerhaven zu reisen – im Schlepptau eine Delegation von 150 Diplomaten. "Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt", sagt er. Für einen Teil Bremerhavens mag das zutreffen. Lehe stand allerdings nicht auf der Agenda des Bundespräsidenten. Der Stadtteil belegt regelmäßig den ersten Platz im Ranking um die ärmsten Stadtteile Deutschlands. "Vielleicht bei seinem nächsten Besuch", sagt Carsten Sieling und gestand ein, dass auch diese Seiten zu der Seestadt gehören.

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