Die Fotoausstellung „Leben in zwei Welten“ im Gewerkschaftshaus zeigt Porträts von Migrantinnen

Zwischen Ghana und Tenever

Bahnhofsvorstadt·Tenever. Es sind in der Tat zwei Welten: Auf einem halben Foto ist Margaret Schmidt in einem farbenfrohen Kleid zu sehen, hinter ihr ein Fischerboot auf dem Meer und der Markt von Kumasi in Ghana. Die andere Hälfte der Tafel zeigt Margaret Schmidt vor einem Hochhaus in Tenever, in einem grauen Hemd und Jeans.
21.03.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von ISABEL D’HONE
Zwischen Ghana und Tenever

Das Team der Ausstellung aus Tenever, die jetzt im Gewerkschaftshaus am Hauptbahnhof zu sehen ist.

Roland Scheitz

Es sind in der Tat zwei Welten: Auf einem halben Foto ist Margaret Schmidt in einem farbenfrohen Kleid zu sehen, hinter ihr ein Fischerboot auf dem Meer und der Markt von Kumasi in Ghana. Die andere Hälfte der Tafel zeigt Margaret Schmidt vor einem Hochhaus in Tenever, in einem grauen Hemd und Jeans. Die Fotocollage ist Teil der Ausstellung: „Leben in zwei Welten – Ich möchte zurück und bleibe hier“, die im Erzähl-Café im Mütterzentrum Osterholz-Tenever entstanden ist und nun im DGB-Haus am Hauptbahnhof gezeigt wird. Der Verein „Arbeit und Leben“ ist Mitveranstalter.

Die Fotos erzählen die Geschichten zugewanderter Frauen, spiegeln ihre Sehnsucht nach Heimat und ihren Wunsch, sich in Bremen zu integrieren und sich eine sichere Existenz aufzubauen. Die Begleittexte erläutern den Hintergrund: Warum sind die Frauen aus ihrem Geburtsland nach Deutschland gekommen? Wie leben sie heute in Bremen? An dem Projekt haben Frauen aus Ghana, dem Kosovo, Russland, Türkei, Armenien, Syrien und Sri-Lanka teilgenommen.

Aus Liebe ist Margaret Schmidt 1986 aus Ghana nach Deutschland eingewandert. In Bayern war sie mit einem Mann verheiratet, der aus Bremen stammt, sie hat drei Kinder, einen Jungen und zwei Mädchen. „Leben ist hier besser. Finanziell, Gesundheit. Ich habe gute Erfahrungen mit anderen Menschen, mit anderen Kultur“, ist auf ihrer Tafel zu lesen. In Ghana war sie Schneiderin, in Bremen hat sie in dem Beruf keine Arbeit gefunden. Deshalb hat sie sich im Mütterzentrum Tenever weitergebildet. Später einmal möchte sie nach Ghana zurück. Einmal im Jahr fliegt sie dorthin, eine ihrer Töchter lebt dort.

Das Erzählcafé ist ein Treffpunkt von Migrantinnen aus verschiedenen Herkunftsländern. Mihdiye Akubulut leitet es seit zwei Jahren. „Wir treffen uns drei Mal die Woche. Die Frauen kommen spontan vorbei, zwischen zwölf und 30 Frauen sind wir meistens“, sagt sie. Manche sind neu, andere schon länger in Deutschland. Im Erzählcafé finden sie Unterstützung und neue Kontakte knüpfen. „Da wir alle verschiedene Sprachen sprechen, müssen wir immer übersetzen“, sagt Mihdiye Akubulut. „Ich mache das so gut ich kann, aber das ergänzt sich eigentlich ganz gut. Ich spreche Türkisch, Kurdisch und Deutsch.“

Nach der vierten Klasse ist sie nach Deutschland gekommen. „Alles, wo ich herkomme, ist zerstört“, sagt die Kurdin. Auf dem einen Foto trägt sie ein Kopftuch und traditionelle Kleidung, auf dem anderen Foto Jeans und offene Haare. Ein Foto zeigt ihr zerstörtes Elternhaus im Dorf Bacin. In Bremen wohnt die Mutter dreier Töchter in Tenever und engagiert sich dort.

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Edwin Platt entstanden. Die Umsetzung hat zwei Monate gedauert. „Wir wollten darstellen, dass die Frauen ihren Stadtteil mitbestimmt haben. Einige Frauen sind bereits sehr gut integriert und verankert in Bremen“, sagt Edwin Platt. Alije Zeqini ist mit ihrem Mann, ihren drei Töchtern und ihrem Sohn 2014 aus dem Kosovo geflohen. Nachdem sie kurze Zeit in Landsberg bei München gelebt hatte, wurde die Familie Bremen zugewiesen. Alije Zeqini hat nach dem Abitur eine Schneiderlehre gemacht. Für ein Studium hätte sie in eine Großstadt ziehen müssen. „Als Frau alleine ist das schwierig im Kosovo“, sagt sie. Nun lässt sie in Deutschland prüfen, ob ihre Bildungsabschlüsse anerkannt werden, und arbeitet solange im Mütterzentrum als Reinigungskraft. Es gefällt ihr gut in Bremen, und sie will möglichst schnell Deutsch lernen. Ihrem Hobby, der Malerei, kann sie in der Kunsthalle in einem Kursus nachgehen. Eines ihrer Bilder ist dort schon ausgestellt worden. Und auch ihre Ausstellungstafel ist zweigeteilt. Die Fotos aus dem Kosovo zeigen das zerstörte Karlovac Museum und die Bibliotheka Kombetra, das Bremer Foto den Marktplatz. „Die Bilder ihrer Heimat haben die Frauen selbst ausgesucht. Es zeigt das, was sie mit der Heimat verbinden“, sagt Christa Brämsmann, die Geschäftsführerin des Mütterzentrums Tenever. „Miteinander und voneinander lernen. Wertschätzung, Anerkennung und Selbstvertrauen gewinnen und Ängste überwinden – das wollten wir mit dem Erzählcafé und dem Projekt erreichen. Nun ist es leider beendet.“ Die anderen Frauen wünschen sich, dass es weitergeht. Mihdiye Akubulut droht scherzhaft: „Wird das Erzähl-Café nicht weitergeführt, dann streiken wir!

Die Fotoausstellung „Leben in zwei Welten – Ich möchte zurück und bleibe hier“ ist bis Mittwoch, 6. April, im DGB-Haus, Bahnhofsplatz 22, zu sehen.

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