ZZZ-Gründer Oliver Hasemann und Daniel Schnier beim „Stadtgespräch“ – diesmal in der Bahnhofsvorstadt

Zwischennutzung ist absolut „hip“

In Bremen gibt es reichlich verwaiste Büros oder Ladenlokale. Es spricht vieles dafür, sie lieber befristet zu einem niedrigeren Preis zu vermieten, als sie dauerhaft leer stehen zu lassen. Oliver Hasemann und Daniel Schnier werben mit ihrer ZwischenZeitZentrale seit Jahren für diese Idee. Bei einem Gesprächsabend erklärten sie, warum „Second Hand Spaces“ in der Stadt Zukunft haben.
16.02.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten
Zwischennutzung ist absolut „hip“

Daniel Schnier von der ZwischenZeitZentrale während der Eröffnung des zwischenzeitlichen Geschäfts „Glasbox“ an der Contrescarpe, das als eines der erfolgreichen Beispiele für unkonventionell genutzte „Zwischenräume“ gilt.AVE·

Roland Scheitz

In Bremen gibt es reichlich verwaiste Büros oder Ladenlokale. Es spricht vieles dafür, sie lieber befristet zu einem niedrigeren Preis zu vermieten, als sie dauerhaft leer stehen zu lassen. Oliver Hasemann und Daniel Schnier werben mit ihrer ZwischenZeitZentrale seit Jahren für diese Idee. Bei einem Gesprächsabend erklärten sie, warum „Second Hand Spaces“ in der Stadt Zukunft haben.

Leer stehende Gebäude beleben, auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist: Davon profitieren nicht nur die Zwischennutzer, sondern die ganze Stadt. Das war in Kurzfassung die Bilanz des Gesprächsabends mit Oliver Hasemann und Daniel Schnier. Die beiden Gründer der Bremer ZwischenZeitZentrale wünschen sich, dass mehr private Eigentümer ihre Vorbehalte ablegen. Stadtentwickler Tom Lecke-Lopatta hofft, dass die Wertschätzung für die Bestandserhaltung steigt. Denn besonders für junge Leute machten solch unkonventionell nutzbare „Zwischenräume“ eine Stadt attraktiv.

Das „Stadtgespräch in Findorff“ fand diesmal ausnahmsweise nicht dortselbst statt, sondern etwas außerhalb der Stadtteilgrenzen. Der große Besprechungsraum im Siemenshochhaus war allerdings angemessen und bis auf den letzten Platz besetzt. Gesprächspartner waren Oliver Hasemann und Daniel Schnier, die mit ihrer ZwischenZeitZentrale (ZZZ) seit 2009 im Auftrag der Stadt leer stehende Immobilien mit neuen Nutzern und kreativen Ideen bevölkern. Das können Künstler sein, die eine Ausstellungsfläche suchen, oder auch Existenzgründer, die für ihre Geschäftsidee eine finanzierbare Startposition benötigen. Kurz und gut: Die Zwischen-Mieter profitieren von einem günstigen Mietpreis, für die Besitzer hat die Konstruktion den Vorteil, dass sich jemand um die Immobilien kümmert. Zu den erfolgreichen Beispielen zeitlich begrenzter Nutzung gehörten laut Architekt Schnier die „Kleider tauschen Leute“-Boutique im Lloyd-Hof, das „Glasbox“-Ladenlokal in der Bahnhofsvorstadt oder der „Palast der Produktion“ in Blumenthal.

Plantage 9 ist das Vorzeigeobjekt

Wer mehr darüber erfahren möchte, der kann auf den Seiten www.zzz-bremen.de im Internet stöbern. Die ZZZ-Gründer werden für Workshops und Vorträge in der ganzen Republik gebucht, haben mit „Second Hand Spaces“ mittlerweile ein Buch herausgegeben und sagen: „Das Thema gewinnt immer mehr an Relevanz.“

Dass ZZZ-Vorzeigeobjekt ist in Findorff die Plantage 9. Nach dem Auszug eines Findorffer Unternehmens hatte die Stadt das Areal erworben – ursprünglich mit der Absicht, den Altbau abzureißen und eine Durchgangsstraße zu errichten. Das steht mittlerweile nicht mehr zur Debatte. Die Mietergemeinschaft von mehr als 30 ansässigen Künstlern, Kreativen und Jungunternehmern betreibt das Haus seit einigen Jahren über einen eigenen Verein. Auf eine ähnliche Verstetigung hofften Hasemann und Schnier im eigenen Fall umsonst: Seit kurzem steht fest, dass das ZZZ-Büro und alle anderen Mieter der „Abfertigung“ am Hansator ausziehen müssen. Eine Alternative ist mit der ehemaligen Hemelinger Wurstfabrik Könecke wohl gefunden, berichteten sie.

Ehemalige Ladenlokale, Büros oder Gewerbeimmobilien, „mit denen niemand etwas anfangen kann“, gebe es in der Stadt genug, sagt Raumplaner Hasemann. Ein Problem sei es allerdings häufig, private Eigentümer von der Idee zu überzeugen – obwohl Fristen, Pflichten, Finanzen vertraglich genau geregelt würden. „Unsere Hausbesetzer fragen erst brav, was sie besetzen dürfen“, so Schnier. Einen engagierten Fürsprecher haben die Zwischennutzer dagegen in Tom Lecke-Lopatta aus dem Bauressort. Er erinnerte daran, dass auch die etablierten Kulturzentren Schlachthof und Lagerhaus einst auf unkonventionelle Weise entstanden. Experimentelle Orte, die eine Stadt „hip“ machten, seien ein wesentlicher Faktor im „existenziellen Kampf der Kommunen um junge Leute“, so der Stadtentwickler. In der Stadt müsse das Bewusstsein steigen, „dass es wichtiger ist, Altes zu pflegen und zu erhalten als nur Neues zu bauen“, lautet sein Appell.

Eine ganz bestimmte Brachfläche hat seit einiger Zeit die „Begeno“ im Visier. Die Bürger-Energie-Genossenschaft, die im vergangenen Jahr in Findorff gegründet wurde, möchte gerne auf dem Bahngelände zwischen den Tunneln Hemmstraße und Münchener Straße einen Solarpark mit Freizeitfläche errichten. Gespräche mit der Deutschen Bahn sind im Gange, er sei „optimistisch“ , dass das Projekt innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre umgesetzt werden könne, berichtete Begeno-Vertreter Klaus Prietzel.

Die „Stadtgespräche in Findorff“ sind eine Veranstaltungsreihe der Initiative „Leben in Findorff“. In unregelmäßigen Abständen lädt die Initiative seit zwei Jahren Gäste aus Kultur, Politik und Wirtschaft ein. Zum nächsten „Stadtgespräch“ am Mittwoch, 18. März, ist die Bremer Stadtbaudirektorin Iris Reuther angekündigt.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+