Wilhelm-Wagenfeld-Schule

Zwölftklässler entwickeln Idee von klimaneutraler Gesellschaft

Ein Konzept für eine klimaneutrale Gesellschaft haben Zwölftklässler der Wilhelm Wagenfeld Schule entwickelt und das nur in einer Projektwoche!
04.01.2020, 21:20
Lesedauer: 5 Min
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Zwölftklässler entwickeln Idee von klimaneutraler Gesellschaft
Von Sigrid Schuer
Zwölftklässler entwickeln Idee von klimaneutraler Gesellschaft

Stellten ihr gemeinsames Projekt vor, das zum besten der Projektwoche gekürt wurde (von links): Lilian Richter, Christian Brenskott, Robert Kaluza und Gina Maria Emshoff.

Roland Scheitz

Der Klima-Gipfel von Madrid ist kurz vor dem Jahreswechsel kläglich gescheitert. Das sorgt bei den jugendlichen Fridays-for-Future-Aktivisten in aller Welt für Unmut. Und natürlich auch in Bremen. Nicht zuletzt bei den Zwölftklässlern der Wilhelm-Wagenfeld-Schule. „Wir können das nicht begreifen, dass die Politiker überall auf der Erde in Sachen Klima kaum einen Schritt vorankommen. Uns ist es doch auch innerhalb von nur einer Woche gelungen, das Konzept für eine klimaneutrale Gesellschaft zu entwickeln“, sagt Robert Kaluza. Tja, warum eigentlich? ließe sich da fragen.

Das Vertrauen in die Demokratie schwindet allmählich bei den Schülerinnen und Schülern. Sie setzen in ihrem Konzept dagegen eher auf eine parlamentarische Wahlmonarchie. „Denn wir möchten, dass Entscheidungen möglichst schnell getroffen werden, und zwar ohne das Lobbyisten in dem Maße, wie es jetzt der Fall ist, Einfluss nehmen können“, betonen sie. „Entscheidungen sollen demokratisch getroffen werden, die Zustimmung oder Ablehnung soll durch den gewählten Monarchen erfolgen, damit das konkrete, direkte Handeln schneller geht“.

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Ihr Konzept haben Robert Kaluza, Gina Maria Emshoff (beide aus Walle), Lilian Richter (Delmenhorst) und Christian Brenskott (Osterholz-Tenever) im November 2019 an vier Tagen im Rahmen des Wahlpflichtbereiches einer Projektmanagement-Woche erarbeitet. Am letzten Tag präsentierten sie das Konzept schließlich. „Eigentlich ist die Maßgabe gewesen, als Werbe-Agentur Wunderwelten zu kreieren. Aber uns ist es wichtig gewesen, uns mit den heutigen Problemen wie Klimawandel, Plastikmüll und Überbevölkerung auseinanderzusetzen. Uns ging es darum, Lösungen zu finden, die funktionieren, damit Wunder in Erfüllung gehen“, erzählt Gina Maria Emshoff. Wie sie es geschafft haben, das Konzept ihrer Neo World zu entwickeln? „Durch intensive Recherche in wissenschaftlichen Publikationen und im Internet. Viele Ansätze unserer Neo World existieren nämlich bereits, sie werden nur aus unerfindlichen Gründen nicht umgesetzt“, betont Robert Kaluza.

„Wir haben keine Zeit mehr"

Da sind sie sich ganz einig mit Greta Thunberg. Die schwedische Klima-Aktivistin untermauert ihren Protest immer wieder mit wissenschaftlichen Studien. Mit Greta sind sie einer Meinung: „Wir wollen nicht, dass es bald zu spät ist. Denn wir haben keine Zeit mehr. Wir haben das Gefühl, dass überhaupt nichts passiert.“ Und wie halten es die vier Zwölftklässler selbst mit der für ihre Generation ja eigentlich normalen Vielfliegerei und dem ökologischen Fußabdruck? Auch hier ist das Quartett pragmatisch ausgerichtet: „Wir verreisen innerhalb Deutschlands oder Europas und das per Bahn oder Bus. Oder wir bilden Fahrgemeinschaften. Schließlich gibt es hier so viele, schöne Ecken zu entdecken, die wir noch gar nicht kennen“, sagt Gina Maria Emshoff. Und auch ihre Eltern legten viel Wert auf eine nachhaltige Lebensweise.

Die Projekt-Idee, die die Zwölftklässler an der Wilhelm-Wagenfeld-Schule entwickelt haben, erinnert entfernt an Thomas Morus’ Utopia, jene ideale Welt einer Sozialutopie, die der Brite 1516 entwarf und in der Profitgier keine Chance hat. Und einige Ansätze ihrer idealen Welt ließen sich durchaus auf Bremen übertragen, da sind sie sich ganz sicher. Neo World, das ist der Name, den die Zwölftklässler ihrer idealen Welt gegeben haben. „Es soll eine Nation sein, in der die Leute den nachhaltigen Lebensstil, den sie leben wollen, auch tatsächlich leben können, und zwar ohne durch die Politik daran gehindert zu werden“, erläutert Gina Maria Emshoff. Neo World ist eine Insel, die aus dem Plastik besteht, das jetzt schon in den Ozeanen schwimmt und inzwischen die Größe eines Kontinents angenommen hat.

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Um die notwendige Stabilität zu erreichen, soll die Plastik-Insel auf Stelzen, ähnlich den Bohrinseln, auf dem Meeresgrund verankert, dann mit Beton ummantelt und abschließend mit einer Schicht aus Erde und Kies versehen werden, damit auch Leitungen und Rohre verlegt werden können. Denn die Bewohner haben das Recht auf ein Grundstück, das es ihnen ermöglicht, selbst Obst und Gemüse anbauen und sich so gegebenenfalls selbst versorgen zu können. Eine vegane Ernährungsweise wird dabei bevorzugt.

Beim Hausbau möchten sich die Schülerinnen und Schüler an einer Bauweise orientieren, wie sie jetzt schon in Nigeria praktiziert wird: Dort werden Plastikflaschen mit Sand gefüllt und mit Lehm verputzt. Die Arbeitszeit auf Neo World soll in einer Fünf-Tage-Woche lediglich vier Stunden täglich betragen, ein probates Mittel, um dem weit verbreiteten Phänomen der Burnout-Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. In der verbleibenden Zeit ist es gesetzlich vorgeschrieben, einen Teil für die Gesellschaft beizutragen, wie einen Baum zu pflanzen oder ein Feld zu bewässern und zu pflegen. Verpflichtend ist auch der Besuch einer Bildungseinrichtung bis zum 16. Lebensjahr.

Ein striktes Plastikverbot

Auch wenn die Insel aus Plastikmüll entstanden ist, dürfen keine Produkte hergestellt werden, die biologisch nicht abbaubar sind. „Es gilt ein striktes Plastikverbot. Technologie wie gebrauchte Laptops, Smartphones und Tablets sind allerdings erlaubt und sollten auch genutzt werden. Denn wir wollen ja nicht zurück in die Steinzeit fallen“, erläutert die Schüler-Gruppe. Der Energie-Bedarf von Neo World soll über Solar- und Wind-Energie gedeckt werden.

Denkbar seien auch Wellenkraftwerke, also Windkraftwerke unter Wasser, deren technische Umsetzbarkeit bereits jetzt weit fortgeschritten sei, so die Gruppe. Neo World ist auf Selbstversorgung ausgelegt. Es werden keine Ressourcen von außerhalb importiert und keine Ressourcen aus Neo World exportiert. Eine Ausnahme gibt es: Neue Technologien wie der Hyperloop dürfen importiert werden. „Dieser klimaneutrale Hochgeschwindigkeitszug für den Fernverkehr, der nur mit Luftdruck fährt, befindet sich schon in der Forschung und Entwicklung“, erläutert Robert Kaluza. Genauso wie mit Wasserstoff betriebene Busse für den öffentlichen Nahverkehr.

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Und die Zwölftklässler wollen jene Quellen ausschalten, die auch in unserer realen Welt für Auseinandersetzungen und Verwerfungen sorgen: So heißt es in der Gesetzgebung von Neo World: „Das Ausleben einer Religion ist verboten. Jedoch wird eine agnostische Sichtweise geduldet!“ Und weiter: „Radikale Gruppierungen sind verboten. Dazu zählen zum Beispiel Sekten, Nationalsozialisten, Feministen und jede Art von aktiver Auslebung einer bestimmten radikalen Meinung“. Und noch eine weitere Quelle für Ungemach und Verwerfungen hat auf der idealtypischen Insel nichts zu suchen: Auf Neo World dürfen keine Rauschmittel konsumiert werden und dazu gehören auch Alkohol und Zigaretten.

Insel ohne Schusswaffen

Auf der Insel wird es weder eigenes Militär noch tödliche Schusswaffen geben. Allerdings darf die Polizei in Ausnahmefällen mit Gewalt eingreifen, um mögliche Schäden an Volk und Staat zu verhindern. Dabei sollen allerdings keinerlei Schusswaffen benutzt werden. Wie überhaupt auf der gesamten Insel striktes Waffenverbot inklusive Schusswaffenverbot für die Polizei gilt. Ein Verstoß gegen die Lex Neo World wird mit der Höchststrafe geahndet: Verstößt jemand gegen die Allgemeine Ordnung muss er oder sie die Insel verlassen. Und noch eines: Besucher, die sich zuvor bei der Regierung angemeldet haben, sind zwar willkommen. Tourismus oder gar Massen-Tourismus ist hingegen verboten.

Übrigens: Sowohl Lehrer- und Schülerschaft der Wilhelm-Wagenfeld-Schule seien sprachlos und begeistert von ihrem Projekt der klimaneutralen Gesellschaft gewesen, freut sich das Quartett. Prompt sei es zum
besten Projekt der Projektwoche gekürt worden. Klingt nach einem Denkanstoß für die Politik.

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