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Aus Verantwortung wurde Freundschaft

Josie Majetic 01.06.2016 0 Kommentare

Doch ohne Duldung oder Asyl wird Qurbani, der aus Afghanistan stammt, keine Schule besuchen dürfen, keine Ausbildung beginnen und auch nicht als Torwart für den Fußballverein spielen, bei dem er mittrainiert. Denn er hat keine Papiere, keinen Status und kann derzeit keinen Vormund bekommen. Er wurde vom Jugendamt auf 18 Jahre geschätzt. Wäre es anders, ständen gleich zwei ehrenamtliche Vormünder bereit. Julia Gelhaar und Simon Dax sind mit 22 und 23 Jahren nur ein wenig älter als er. Trotzdem übernehmen sie Verantwortung. „Hamid ist ein Aushängeschild für gelingende Integration“, sagt Gelhaar. „Jetzt, wo er sich seit einem Jahr einen Freundeskreis aufgebaut hat, würde er als Erwachsener nach dem Verteilungsschlüssel behandelt und wieder weggeschickt werden, etwa nach Leipzig, wo er wieder von vorn anfangen müsste.“ Gelhaar hat Widerspruch eingelegt gegen die Einschätzung des Jugendamts und in einem Brief ihren Wunsch beschrieben, Qurbani nicht aus seinem vertrauten Umfeld zu reißen.

Julia Gelhaar studiert Rechtswissenschaften. Zusammen mit ihrem Freund Simon Dax, der Politikwissenschaften studiert, sind sie ehrenamtliche Mentoren. Sie kennen Qurbani so gut wie wohl sonst kaum ein Bremer. Sie engagieren sich seit einem Jahr für Qurbani und zwei weitere unbegleitete Minderjährige aus Afghanistan. Etwa 30 Stunden im Monat verbringt das Paar mit den Dreien. Sie treffen sich zum Schnacken, zum Deutsch üben und Hausaufgaben machen, zum geselligen Kochen oder Grillen. Sie versuchen, sich und den anderen eine schöne Zeit zu machen.

„Die Jungs leben in Unsicherheit“, sagt Gelhaar. „Ihr Alltag besteht aus Warten. Sie haben keine Sicherheit, dass sie einmal bleiben dürfen, Asyl gewährt bekommen oder eine Duldung.“

Während andere Studenten gerne mal feiern, investieren die beiden ihr Geld dafür, mal eine Cola auszugeben oder einen Museumseintritt zu spendieren. „Wir sind mutiger geworden und fragen bei Eintrittsgeldern auch vorher mal gezielt, ob ein Rabatt drin ist“, sagt Gelhaar. „Die meisten sind da kulant.“

Über solche praktischen Erfahrungen tauschen sich die Ehrenamtlichen auch mit den anderen Mentoren aus, die sich ebenfalls regelmäßig mit unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten treffen. Initiiert hat das der Bremer Verein Fluchtraum, der seit Jahren ehrenamtliche Mentoren und Vormünder an unbegleitete minderjährige Geflüchtete vermittelt. Fluchtraum koordiniert, bietet Interessierten, Mentoren und Vormündern mit Rat, Hilfe und monatlichen Treffen eine Plattform zum Austausch.

Qurbani ist froh, mit seinen Mentoren Dax und Gelhaar Bremer gefunden zu haben, mit denen er sein Deutsch verbessern kann. „Wir machen jede Woche mehrere Stunden Deutschunterricht“, erklärt Dax. „Die Sprachkurse in den Unterkünften sind häufig nicht so effektiv. Wenn jemand neu ist, fängt der ganze Kurs dann wieder von vorne an mit: Hallo, mein Name ist xyz... .“ Da sind manche Jungs dann auch irgendwann genervt, wenn man nicht weiterkommt.“ Qurbani grinst. Hochgewachsen, offenes Lächeln, höflich zurückhaltend. Qurbani ist erst seit weniger als einem Jahr in Deutschland und lernt seit dem Deutsch. Er ist höflich und ernst, wenn er spricht. Vielleicht ist es diese Ernsthaftigkeit, weswegen er als älter als 18 geschätzt wurde. Er sei 17, sagt er, sagen Freunde und Bekannte, sind auch seine Mentoren Dax und Gelhaar überzeugt.

Schon 324 Ehrenamtliche haben sich bei Fluchtraum seit der Gründung 2004 engagiert, darunter Mentoren und 97 ehrenamtliche Vormünder. Fluchtraum finanziert sich über die Wuppertaler Initiative Do-it, Gelder aus dem Sozialressort und über Spenden. Davon werden die Vereinsräume in der Norddeutschen Mission, eine volle und eine 30-Stunden-Stelle bezahlt, sowie zwei Rechtsberaterinnen. „2013, vor dem Ansteigen der Flüchtlingszahlen, hatten wir etwa 20 neue Ehrenamtliche pro Jahr“, sagt eine Sprecherin von Fluchtraum. „2015 waren es dann etwa 200 Ehrenamtler, mittlerweile sind die Zahlen gesunken. Seit Anfang 2016 waren es noch 55.“

Fluchtraum bietet auch Weiterbildungen in Sachen Asyl-, Aufenthalts- und Familienrecht an. „Die Weiterbildungen klären über die Rechten und Pflichten auf, die auf Mentoren zukommen“, berichtet eine Sprecherin vom Bremer Verein Fluchtraum. „Auch informieren wir darüber, wo und wie man Fördergelder beantragt.“ Auch Mentorin Gelhaar, als angehende Juristin, musste sich dort einarbeiten. „Wenn man sich vorstellt, dass man nicht einmal die Sprache kann, sich aber schon Muttersprachler anstrengen müssen, hat man eine Idee, vor welcher Herausforderung die Jungs stehen.“ Sie hätten einiges dazugelernt, ergänzt Dax. „Den ersten Kontakt hatten wir in der Einrichtung gehabt.“ Erst später habe man díe Tücken der Bürokratie kennengelernt. „Vorher hatte ich nur mit dem BAföG-Antrag zu tun“, sagt er.

Mit Geflüchteten waren die beiden Mentoren schon bei Ärzten und Behörden. Dazu kamen sie durch ihren Minijob in der Unterkunft „Hanse Komfort Hotel“ in Hastedt, wo etwa 70 unbegleitete Jungen untergebracht sind. Dort habe man sich kennengelernt. „Über Bekannte haben wir von Fluchtraum gehört. Dass es dort Tipps gibt und Erfahrungen von Leuten, die auch so etwas machen“, sagt Gelhaar. „Für Mentoren ist es wichtig, dass sie kontinuierlich dabei bleiben, die richtige Motivation mitbringen und der Typ dafür sind. Das finden wir mit den Interessierten in Vorgesprächen gemeinsam heraus“, erklärt die Fluchtraum-Sprecherin.

Bei Dax und Gelhaar stimmte offenbar bislang alles. „Mittlerweile hat sich eine Freundschaft daraus entwickelt“, sind sich Gelhaar und Dax einig. „Wir sind da als Studenten flexibel.“ Nur etwa ein Fünftel der ehrenamtlichen Mentorinnen und -mentoren sind Studierende. Der Großteil ist zwischen 40 und 60, ein weiteres Fünftel in Rente.

Die beiden Bremer beschlossen, mehr zu tun und künftig für Qurbani auch eine Vormundschaft zu beantragen. Die Hürden scheinen niedrig. „Man braucht genug Zeit, ein Polizeiliches Führungszeugnis, muss älter als 18 Jahre sein und wirtschaftliche Sicherheit mitbringen“, erklärt Gelhaar. Dazu kämen sieben Schulungen in zwei Wochen, mit insgesamt 14 bis 21 Stunden.

 Qurbani ist ein drahtiger Typ, trainiert als Torwart im Sportverein mit und macht zusammen mit Dax Fitnesstraining. Er gehöre zur ethnischen Minderheit Hazari, die meist schiitischen Glaubens sind, erklärt Gelhaar. Qurbani gibt zu, dass er in der Schule nicht immer so lernen habe können, wie er es sich gewünscht hätte. „Wo ich herkomme, wurde nicht gefragt, was man einmal werden will“, sagt er und lächelt verlegen. „Ich habe in einem Dorf auf dem Acker gearbeitet, bis es dort Streit gab.“ Mit seinen Eltern und Geschwistern sei er dann aus der Heimat geflohen, über Iran, Griechenland und Italien. Sein Vater lebe nicht mehr. Wo seine Geschwister jetzt seien? Er zuckt die Achseln.

Jetzt ist er in Bremen, hat seinen Alltag in der Unterkunft, die Deutschkurse und den Sport. Und doch kann man sagen, Qurbani hat Glück gehabt. Hier hat er Freunde gefunden. Hier will er bleiben. So würden es sich auch viele andere junge Geflüchtete wünschen. Etwa 60 Namen stehen derzeit auf einer Liste beim Verein Fluchtraum. Sie warten auf Mentoren, so wie Qurbani gerade wartet, auf ein wenig Klarheit, ob ihn das Jugendamt weiterhin auf 18 schätzt oder doch auf 17. Am 16. Juni wird er in einem Büroraum sitzen und vielleicht noch einmal seine Geschichte erzählen, aber nicht allein, seine Bremer Freundin kommt mit. 17 oder 18 Jahre. Ein Jahr ist keine lange Zeit, aber eine Zeit, die viel entscheidet. Falls er als minderjährig gelten sollte, wollen Gelhaar und Dax die Vormundschaft beantragen. Solange bleiben Qurbanis Zukunft in Bremen, die Karriere als KFZ-Mechaniker und auch das erste Spiel als offizieller Torhüter im Fußballverein, was sie bislang waren: bescheidene Wünsche.

Fluchtraum e.V. gibt es seit 2004. Der Verein bietet Schulungen und Beratungen an. Der Geschäftsraum befindet sich in der Berckstraße 27. Laufend werden Bremerinnen und Bremer gesucht, die bereit sind, sich als MentorIn oder Vormund für minderjährige Geflüchtete zu engagieren. Interessierte können sich direkt an den Verein wenden, unter Telefon 04 21 /8 35 61 53, per Email unter: info@fluchtraum-bremen.de oder via Facebook unter fluchtraum.bremen.
„Mittlerweile hat sich eine Freundschaft daraus entwickelt.“ Julia Gelhaar
„Wir sind mutiger geworden.“ Simon Dax
„Wo ich herkomme wurde nicht gefragt, was man einmal werden will“ Hamid Qurbani

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Leserkommentare
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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