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Michael Koppel erlaubt mit seiner Postkartenausstellung eine fantasievolle Reise durch die Geschichte Horn-Lehes
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Schöne Grüße aus der Vergangenheit

KRISTINA BELLACH 25.06.2015 0 Kommentare

Riensberg Postkarten
Stadtteilhistoriker Michael Koppel will mit der Ausstellung auch eine Diskussion über heutige Architektur auslösen. (Petra Stubbe)

„Eine Zeitreisemaschine bräuchte man, nicht wahr?“, entfährt es Marja Steiner, während sie verträumt durch die Ausstellung „Postkarten aus 125 Jahren Horn-Leher Geschichte“ in der Galerie der Stiftungsresidenz Riensberg schlendert. Mal bleibt sie vor den klar kontrastierten Federzeichnungen des Malers Gerhard Wedepohl stehen, die alte Ansichten vom Gasthaus Gödeken, der Horner Kirche mit Linde und dem Bruseteg zeigen, mal vor Farblithografien oder Colorit-Collagen wie dem Bild der Bahnhofsgaststätte „Zur schönen Aussicht“ von 1904. „Überall hin kann man heutzutage reisen, nur nicht in die Vergangenheit. Wenigstens kann ich so einen Blick darauf bekommen, wie es hier früher war“, sagt die Besucherin.

Die 30 Exponate, von Stadtteilchronist und Lehrer Michael Koppel zusammengestellt, von den Mitgliedern des Historischen Arbeitskreises Horn-Lehe erläutert und mit Ausschnitten eines Stadtplans aus den Fünfziger Jahren versehen, dokumentieren aber nicht bloß. Sie sind ein Ausdruck der Fantasie des Urhebers. „Man darf nicht vergessen: Die Karten wurden künstlerisch gestaltet. Sie geben nicht die Realität, wohl aber die Stimmung wieder“, klärt Koppel die Besucher auf. Die Karte von der Gaststätte an der Jan-Reiners-Bahnlinie, die seit 1978 Pizzeria Roma heißt, beispielsweise zeigt als Hintergrund zu den lithografischen Innenansichten des Lokals einen colorierten Tannenwald, wie er in Wirklichkeit eher in den Alpen als in der Hansestadt existiert.

Riensberg Postkarten
Auf dem heutigen Lestra-Parkplatz stand früher die St.-Pauli-Restauration, zu sehen auf dieser Postkarte von 1897. (Petra Stubbe)

„Fenster zur großen, weiten Welt“

Erhalten haben die Historiker die Karten aus dem Archiv des Bürgervereins, dem Internet und durch zahlreiche Einsendungen von Bürgern nach einem Zeitungsaufruf. „Postkarten waren das Fenster zur großen, weiten Welt, bevor es Film, Fernsehen und Internet gab“, berichtet Koppel bei der Eröffnung. Der technische Aufwand und die Herstellung sei zum Teil immens groß gewesen. Daher sind die Hobby-Historiker erfreut, dass es nicht nur „Postkarten aus der Bremer Innenstadt, sondern auch aus den Vorstädten gibt.“ Kleine Kostbarkeiten seien viele der Exponate, die im Internet nicht unter 30 Euro gehandelt würden.

Sie zeigen oft Ansichten von Gebäuden wie Gaststätten, der Kirche oder dem Haus Reddersen im Luisental, 1898 als Einrichtung für Behinderte eröffnet, nach dem Zweiten Weltkrieg als Nervenklinik fortgeführt und Ende der 1970er-Jahre schließlich abgerissen. „Es ist eine interessante Zusammenstellung, die offenbart, worauf die Menschen Wert gelegt haben“, erklärt Koppel, der ursprünglich aus Hamburg stammt, aber seit vielen Jahren in Horn-Lehe lebt. Von Haus aus sei er historisch interessiert: „Wenn ich irgendwo bin, möchte ich wissen, was das für ein Ort ist. Die Geschichte bietet mehr Hintergründe, als was man wahrnimmt und jede Postkarte öffnet einen neuen Blick.“ Die ausgestellten Karten machen einen geschichtlichen Rundumschlag. Nicht nur mit den Bildern, auch mit ihrer jeweiligen Herkunft und manchem Grußtext versetzen sie den Betrachter ins Damals. So liest man auf einer Karte mit Ansicht des Cafés Schriever an der Horner Kirche, „hoffe, schleunigst Torf haben“ mit Gruß vom Cafébesitzer. Die Unentbehrlichkeit des Brennmaterials ließ ihn extra eine Karte an einen Herrn Johann Drewes aus Eickedorf senden.

Angefangen mit der ältesten Postkarte von 1897 macht Marja Steiner aus Horn-Lehe die ersehnte Zeitreise. Sie nähert sich ihrem Ende mit einem Luftbild vom Wohngebiet Leher Feld um 1970, einer Ansicht der Universität Bremen von 1980 und einer von einem Bekannten Koppels selbst erstellten Spaßpostkarte aus den Neunzigern. Diese zeigt heutige wichtige Orte des Stadtteils wie die Tankstelle, den Asialaden und einen großen Glasbau an der Leher Heerstraße, „modernes Gebäude“ betitelt. Sie hat der Fotografin Heike Peetz als Inspiration gedient, eine zeitgenössische Postkarte vom Stadtteil zu entwerfen. Sie sei aber auch als Endpunkt gedacht, „um zu sehen, was aus dem, was wir vor 100 Jahren hatten, geworden ist“, meint Koppel. „Die Ausstellung trainiert das dritte Auge, und sorgt dafür, dass man nicht nur das jetzige Straßenbild sieht, sondern auch das vergangene und einen Blick in die Zukunft wirft.“

Damit eröffnen sie zudem die politische Diskussion über das Für und Wider zur Erhaltung alter Bausubstanz: „Es gibt viele Dinge, die nicht schön sind, aber auch gelungene Dinge, zum Beispiel, wenn alte Gebäude wiederhergestellt werden“, sagt Michael Horn. „Mit vielem Neuen geht der Flair verloren. Ich würde mir wünschen, dass das, was Horn-Lehe früher ausgemacht hat, in neuer Architektur aufgenommen wird. So kann es sein Gesicht behalten, damit es nicht aussieht wie jeder x-beliebige Stadtteil.“

Die Ausstellung „Postkarten aus 125 Jahren Horn-Leher Geschichte“ ist noch bis zum 20. September in der Stiftungsresidenz Riensberg, Riekestraße 2, zu sehen. Die Galerie ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenfrei.


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Leserkommentare
kretzschmar am 23.10.2019 15:04
So sieht das aus, 9 Millionen arbeiten im niedrig Lohn Bereich, (Mindestlohn) das sind die zukünftigen Renten Aufstocker. Was eigentlich eine ...
holger_sell am 23.10.2019 14:58
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