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Ausstellung im Salon von Conny Wischhusen bezieht Position
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Wer war Bootsflüchtling Nummer 573?

CHRISTIANE MESTER 25.06.2015 0 Kommentare

Ernst Matzke aus Schwachhausen bei Wischhusen
Ernst Matzke aus Schwachhausen. (Christiane Mester)

Conny Wischhusen hat Künstlerinnen und Künstler dazu aufgerufen, eine Position zum Thema Flucht einzunehmen. Gemeldet haben sich Kreative aus ganz Deutschland. Ausgewählt hat sie mehr als 20 Werke, die sie nun als Gemeinschaftsausstellung in ihrer kleinen Ateliergalerie „einseins sieben“ am Dobben zeigt.

„Mich hat der Tod der vielen Flüchtlinge im Mittelmeer sehr getroffen“, sagt Conny Wischhusen. „Ich wollte etwas tun.“ Einen Kontrapunkt setzen zu den „vielen Hasstiraden der deutschen Bevölkerung“ und „ewigen Diskussionen“ – und den Leuten erklären, warum Menschen aus ihren Heimatländern flüchten. Ihre Sprache ist die Kunst, und so hat sie zu einer künstlerischen Auseinandersetzung aufgerufen. Das Stichwort war „flüchtig“.

Momoh bei Wischhusen
Sonia John Momoh (29) mit ihrem Sohn. (Christiane Mester)

Diesem Appell gefolgt ist unter anderem die Bremer Künstlerin Melissa Chelmis. Zwei Werke hat sie eingereicht. In die Ausstellung aufgenommen wurde mit „573“ eine Arbeit, die die Betrachter zu einer Auseinandersetzung mit der Anonymität veranlasst, in der Menschen auf der Flucht sterben. In der beliebig gewählten Ziffernkombination manifestiert sich ein Widerspruch, der nicht aufzulösen ist. Der Titel regt dazu an, die Ebene „der Flüchtlinge“ zu verlassen, den Versuch zu unternehmen, sich einen einzigen Menschen vorzustellen, der sein Leben auf dem Meer verloren hat. In der Betrachtung wird dann aber gleichzeitig klar, dieser Versuch führt ins Leere, denn nirgendwo ist festgehalten, wer der tote Bootsflüchtling Nummer 573 war. Ein Mensch, der geflüchtet ist, das sagt alles und wiederum nichts. Die bittere Wahrheit ist: Es gibt nicht einmal eine Nummer, denn wie viele Menschen bisher genau gestorben sind, weiß niemand. Mit ihrer Collage möchte die Künstlerin auch „die Schönheit der Seele zeigen, die bleibt, wenn der Körper stirbt“. Dafür stehe das Licht, das durch die eingelassene Glasplatte scheint.

„Vice versa“ ist eine Arbeit von Ernst Matzke. Der Titel „Umgekehrt“ beziehe sich auf die Negativ-Spiegelung der Fotografie, die er bereits in den 90er-Jahren aufgenommen und für die Ausstellung noch einmal digital nachbearbeitet habe, erklärt der freischaffende Künstler aus Schwachhausen. Fotografiert hat er damals mit Seetang umgarntes Treibgut. Eine Puppe ohne Kopf mit ausgestreckten Armen. Was zu jener Zeit nicht mehr als ein kaputtes Spielzeug war, das die Wellen an den Strand von Juist gespült haben, wirkt im Kontext der Ausstellung makaber.

Wäre es früher vielleicht die Frage gewesen, welches Kind diese Puppe vermissen und wie sie ihren Weg ins Meer gefunden haben könnte, sehen viele Ausstellungsbesucher darin heute einen toten Säugling. Weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass es sich bei dem Werk um die Abbildung eines Spielzeugs handelt. Das fotografierte Objekt ist dasselbe geblieben, doch die Bedeutung hat sich verkehrt.

Die Galerie „einseins sieben“ am Dobben ist Schauraum und zugleich Arbeitsstätte von Conny Wischhusen. Am Abend der Vernissage drängen sich mehr als 30 Gäste auf wenigen Quadratmetern. Auf diese Weise entsteht etwas völlig Ungewolltes im Raum. Wer an das Werk von Ernst Matzke herantritt, um es näher zu betrachten, läuft Gefahr, über die kleine Olivia Amanda Ikechukuwu zu stolpern, deren Mutter sie gleich darunter in einem Körbchen abgestellt hat. Nirgendwo ist Platz für das wenige Wochen alte Baby, außer in dieser einen Ecke und ausgerechnet unter diesem Bild. Völlig unbeeindruckt von dem Trubel um sich herum, schläft das Kind regungslos.

Geboren ist die kleine Olivia Amanda in Bremen. Ihre Mutter, die Nigerianerin Stella Ikechukuwu, war kurz vorher mit ihren zwei Kindern im Grundschulalter in die Hansestadt gekommen. In Bremen hat sie Freundschaft mit der 29-jährigen Sonia John Momoh geschlossen, mit der sie diesen Abschnitt ihrer persönlichen Geschichte gemeinsam hat. Auch Sonia John Momoh war schwanger, hatte bereits ein kleines Kind und ist über über Italien nach Bremen gekommen.

Getroffen haben sich die beiden Mütter im Übergangswohnheim in Walle. Der Einrichtungsleiter, Markus Großkopf, hat sie zur Ausstellungseröffnung mitgebracht, weil er findet, Kunst könne Brücken zwischen Menschen bauen. Das sagt er in seiner Rede und dann fordert er die nichts ahnende Sonia John Momoh ganz unvermittelt auf zu singen: „Sonia, just do it, like you did at Christmas“, sagt er zu ihr, der die Überraschung ins Gesicht geschrieben steht. Nach kurzem Zögern steht sie auf und stimmt einen Gospel an: „Lord, have your way in me“.

Die Ausstellung in der Ateliergalerie „einseins sieben“ von Conny Wischhusen, Am Dobben 117, ist am Freitag, 26. Juni, noch einmal von 15 bis 19 Uhr geöffnet.


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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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