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Cochlea-Implantat-Zentrum
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Wie gehörlose Bremer wieder hören können

Sabine Doll 04.08.2019 0 Kommentare

Ein Cochlea-Implantat besteht aus einem äußeren und einem inneren Teil. Es kann gehörlosen und hochgradig schwerhörigen Menschen wieder zum Hören verhelfen.
Ein Cochlea-Implantat besteht aus einem äußeren und einem inneren Teil. Es kann gehörlosen und hochgradig schwerhörigen Menschen wieder zum Hören verhelfen. (Frank Thomas Koch)

Annedore Suhling kann sich noch sehr gut an den Tag vor zwei Jahren erinnern. „Ich war auf einem Geburtstag“, erzählt sie. „Plötzlich passierte irgendetwas in meinem Ohr. Mal hörte ich ganz laut, mal ganz leise. So, als würde ein Radioschalter immer wieder hin- und hergedreht. Unerträglich war das und verstörend.“ Die heute 80-Jährige  hatte einen Hörsturz. Seitdem hörte sie auf dem Ohr immer schlechter.

„Ich habe Hörgeräte ausprobiert. Am ­Anfang konnte ich die Probleme noch überbrücken, aber nach und nach merkte ich, dass ich bei Gesprächen oder beim Fernsehen nicht mehr folgen konnte. Egal wie laut jemand sprach.“ Annedore Suhling hat erlebt, wie der schleichende Verlust des Hörvermögens ihr Leben beeinträchtigt. „Zu Beginn fragt man ein paar Mal nach, wenn man etwas nicht ­verstanden hat. Aber irgendwann möchte man das auch nicht mehr. Mit der Zeit zieht man sich immer weiter zurück und fühlt sich ausgeschlossen vom Rest der hörenden Welt.“

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Zwei Jahre später sitzt die 80-Jährige vor einem Untersuchungsraum im Krankenhaus Diako in Bremen. Auf ihrem linken Ohr klebt ein dicker Verband. Professor Dr. Ercole Di Martino will noch einen Blick unter den Verband werfen, bevor Annedore Suhling mit ihrem Mann nach Hause fahren kann. Vor wenigen Tagen hat der Chefarzt der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Patientin ein Cochlea-Implantat eingesetzt. Die Technik kann fehlendes oder verloren gegangenes Gehör unter bestimmten Voraussetzungen wieder herstellen.

Rund 500 solcher Hörhilfen hat der Leiter des einzigen Cochlea-Implantat-Zentrums in Bremen eingesetzt, wie er schätzt. „Die Technik gibt es seit den 1980er-Jahren, inzwischen werden weltweit über 60.000 solcher Implantate eingesetzt – bei Kleinkindern und bei Erwachsenen. Das ist ein unglaublicher Erfolg der modernen Medizin“, sagt Di Martino, der Patienten aus Bremen und dem gesamten Nordwesten zu neuem Gehör verhilft. „Das Cochlea-Implantat ist die einzige medizinische Technologie, die einen menschlichen Sinn ersetzen kann.“

Das Gehör schläft nie

Der Chefarzt ist fasziniert vom menschlichen Gehör: Das Ohr sei das erste Sinnesorgan, das der menschliche Embryo ausbildet. „Evolutionstechnisch macht das absolut Sinn, denn das Gehör ist der wichtigste Warnsinn, es schläft nie, auch nicht nachts, wenn wir zur Ruhe kommen.“ Es könne eine große Bandbreite von Tönen und Geräuschen wahrnehmen und diese voneinander unterscheiden: Flüstern von Sprechen und Brüllen von Singen. Möglich macht dieses technische Wunderwerk ein Zusammenspiel von Außen-, Mittel- und Innenohr. Di Martino: „Das Außenohr fängt den Schall mit der ­Ohrmuschel auf und leitet ihn in den Gehörgang weiter. Im Mittelohr bringt er das Trommelfell zum Schwingen. Über die Gehör­knöchelchen Hammer, Amboss und Steig­bügel gelangen die Schwingungen in das ­Innenohr.“ Dort befindet sich die Cochlea – die Gehörschnecke. Die Haarzellen lösen Impulse aus, die über den Hörnerv an das Gehirn übermittelt werden – dort werden sie als Töne erkannt und ihnen eine Bedeutung zugewiesen.

Es gibt unterschiedliche Arten von Hörstörungen: Bei einer sogenannten Schallleitungsschwerhörigkeit etwa kommt es zu einer Blockade oder Störung im Mittelohr, die Gehörknöchelchen schwingen nicht richtig, wie der Chefarzt erklärt. Bei einer Schallempfindungsstörung dagegen liegt ein Schaden im Innenohr vor, die Cochlea funktioniert nicht richtig – mit der Folge, dass die Schwingungen nicht in elektrische Impulse umgewandelt und die empfangenen Töne gar nicht erst ans Gehirn weitergeleitet werden. „In diesem Fall hilft es nichts, wenn das Gegenüber lauter spricht. Die Lautstärke spielt keine Rolle, wenn die Sinneszellen im Innenohr zu stark beschädigt sind oder ganz fehlen“, erklärt Di Martino. Dann helfe auch ein übliches Hörgerät nicht mehr.

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Annedore Suhling ist von ihrem Arzt in das Bremer Zentrum überwiesen worden. Nach mehreren Untersuchungen hat der Chefarzt grünes Licht für den Einsatz eines Cochlea-Implantats bei der 80-Jährigen gegeben. „Eine der Voraussetzungen ist, dass der Hörnerv funktioniert“, sagt er. Die minimalinvasive Operation findet unter Vollnarkose statt, sie dauert laut Di Martino bis zu drei Stunden. „Über einen Schnitt hinter dem Ohr werden die Elektroden in die Cochlea eingeführt und die Empfängerspule in einer Vertiefung im Knochen verankert“, erklärt der Arzt. „Der Schnitt ist 2,5 Zentimeter lang. Das ist Rekord. In der internationalen Fachliteratur ist kein Zugang beschrieben, der kleiner ist.“ Bereits während der OP werde die Funktionsfähigkeit des Implantats getestet.

Die Patienten müssen sich allerdings noch einige Zeit gedulden, bis das Cochlea-Implantat „scharf geschaltet“ wird. Zunächst muss die Wundheilung abgewartet werden. Nach etwa sechs Wochen ist es dann soweit: Der Audioprozessor wird eingeschaltet und technisch angepasst. Die erste Phase des Hörtrainings beginnt. „Die Patienten werden darauf vorbereitet, dass sie mit dem Einschalten nicht gleich hundertprozentig und glockenrein hören können. Der Audioprozessor ist ein Hochleistungscomputer, der alle Töne und Geräusche von außen für die Stimulation in der Hörschnecke vorbereitet. Ihn zu programmieren, braucht deshalb seine Zeit“, betont Di Martino. Hörrehabilitation ist das Stichwort: Über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren haben die Patienten immer wieder Termine mit Audiologen, Sprachtherapeuten und Technikern. „Das Ergebnis hängt von diesem Hörtraining, der Einstellung des Prozessors, aber auch von der Dauer der Hörstörung und den Hörerfahrungen vor dem Einsetzen des Implantats ab“, betont der Arzt.

Bei Annedore Suhling soll es in dieser Woche soweit sein. Dann wird der Audioprozessor eingeschaltet.

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So funktioniert ein Cochlea-Implantat (CI)

Ein Cochlea-Implantat kann helfen, wenn der Einsatz konventioneller Hörgeräte keinen Erfolg verspricht, sagt der Chefarzt der HNO-Klinik am Diako, Professor Dr. Ercole Di Martino. „Es kann fehlendes oder verloren gegangenes Gehör unter bestimmten Umständen wieder herstellen.“ Im Unterschied zu den herkömmlichen Geräten verstärke es nicht den Schall, sondern umgehe den Gehörgang, das Mittelohr und nicht funktionierende Teile der Cochlea (Gehörschnecke oder Hörschnecke). Es liefere die Schallsignale direkt an den Hörnerv.

Das CI besteht aus einem Teil, der implantiert wird, und aus einer äußeren Komponente. Letztgenannte setzt sich aus einem Mikrofon, einem Sprachprozessor, einer Sendespule mit Magnet und einer Batterie zusammen. Der innere Teil des Cochlea-Implantats besteht laut Di Martino ebenfalls aus einem Magneten, einer Empfangsspule, dem Stimulator und dem Elektrodenträger mit den Stimulationselektroden. „Die Sendespule des Prozessors haftet mithilfe der Magneten an der Kopfhaut über der Empfangsspule“, erklärt der Bremer Chefarzt. Die Spannungsversorgung des Implantats erfolge durch die Kopfhaut mithilfe elektromagnetischer Induktion. Die Signale würden mit Hochfrequenzwellen übertragen.


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Leserkommentare
rmonsees am 22.10.2019 08:33
In Luxemburg beispielsweise, während des dortigen Volksfestes -der "Schueberfouer"- kann der ÖPNV ab 19 Uhr zum und vom Festplatz kostenfrei genutzt ...
axp am 22.10.2019 08:29
na ja, ich denke nicht, das die Bevölkerung hier aufgehetzt wird. Es ist eher so, dass langsam aber sicher immer mehr Menschen mitbekommen, das die ...
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