Der gläserne Bulli

Tanze Samba mit mir

Er gilt als des Bullis Krönung: 1951 gestartet, ist Volkswagens Samba das Nonplusultra der T-Reihe aus Niedersachsen. Wenn Transporter, dann bitte als Samba – das treibt die Preise auf bis zu 302.500 US-Dollar.
24.04.2021, 04:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Winkler
Tanze Samba mit mir

Mut zur Entschleunigung: Klar, 85 Kilometer pro Stunde sind hier Spitze, aber nicht die Welt.

VWN

Hippies? 1951 undenkbar. Dennoch, die damalige Internationale Automobil-Ausstellung legt den Grundstein für die Generation Flower Power. Es ist die erste IAA der Nachkriegszeit. Und so setzt Volkswagen mit seinem „Kleinbus Sonderausführung“ Zeichen: Acht Oberlichter für die bessere Aussicht, dazu acht Sitze, genug Platz also für ein paar Nächte am Meer, zweifarbiger Lack – das klingt zunächst sonderbar, ist aber bekanntlich längst ein Klassiker. Bis heute gilt der Samba als die Krönung des Bulli-Kults.

Frankfurt, 19. April 1951, endlich ist wieder IAA: Nach kriegsbedingter Zwangspause trifft die automobile Journaille auf die Vertreter der Hersteller, das interessierte Fachpublikum auf seriennahe Fahrzeuge, aber auch das eine oder andere wegweisende Showcar. Kaum ein Autobauer nutzt die Gelegenheit so eindrucksvoll wie Volkswagen. Denn die Wolfsburger legen einen schlichtweg atemberaubenden Auftritt hin. Auf einem sage und schreibe 1350 Quadratmeter großen Messestand begehen sie die Befreiung von Hitlerdeutschland. „Vollgas voraus“, das war einmal, 1933 unter der Flagge der Nazis in Berlin. Zum Neustart der IAA im Hessischen überschlagen sich die Medien in Superlativen, titeln etwa „Zum Tempel des Volkswagens“.

Ziemlich surreal, das Ganze

Bereits von Weitem zieht die surreal anmutende Lichtinstallation des VW-Stands die Besucher in den Bann. Und die staunen nicht schlecht, vor allem über die nahezu maßstabsgetreu nachgebaute Montagelinie des Käfer. Kurzum, VW lädt zur Werksbesichtigung in der Autostadt en minuature.

Der Hingucker überhaupt: Im „Tempel des Volkswagens“, so die Medien damals, zeigt VW die Käfer-Montagelinie en miniature.

Der Hingucker überhaupt: Im „Tempel des Volkswagens“, so die Medien damals, zeigt VW die Käfer-Montagelinie en miniature.

Foto: VWN

Irgendwie ein Fremdkörper, irgendwo einfach so zwischen all diese anderen, dann doch mehr oder minder handelsüblichen Automobile platziert: die Weltpremiere des Personentransporters „Kleinbus Sonderausführung“.

Röhrenradio: Auto-Super

Fraglos, die Unterschiede dieses Bulli zu einem herkömmlichen Kombi sind alles andere als schmucklos. So umgibt zum Beispiel ein nobles Interieur aus bespannten Seitenverkleidungen und Chrom-Ornat die Passagiere, während sie dem Röhrenradio im Armaturenträger lauschen – Modell: Auto-Super.

Außen erstrahlt das Gefährt in geschmackvollem Zweifarblack. Dazu das ansprechende Dekor aus Alu und diese bis dahin lediglich im Omnibussektor gesehenen Oberlichter: Schnell hat der VW das Pseudonym gläserner Aussichtsbus weg, oder Luxusbus im Kleinformat.

Outing in Holland

Für den fetzigeren Namen sorgt – für in Wolfsburg getaufte Modelle durchaus Tradition – sehr schnell der Kunde selbst. Aber nicht nur der Volksmund betitelt die ersten Modelle des Transporters als Samba, auch in der niederländischen Preisliste des Konzerns taucht „Kleinbus Sonderausführung“ 1954 offiziell als Samba auf.

Derzeit wieder im Kommen: Mit seinem Zweifarblack setzte der Samba wahrlich Maßstäbe.

Derzeit wieder im Kommen: Mit seinem Zweifarblack setzte der Samba wahrlich Maßstäbe.

Foto: VWN

Den Sprechern des Konzerns zufolge ist der Ursprung nicht mehr exakt herleitbar. Einerseits könnte Samba auf „Sonnendach-Ausführung mit besonderem Armaturenbrett“ zurückzuführen sein, möglicherweise jedoch auch auf „Sonder-Ausführung mit besonderer Ausstattung“. Andererseits, weniger funktional gedacht, dafür mit ein wenig mehr Lebensfreude, verweisen zahlreiche Freunde des gepflegten Bulli-Ausflugs einfach nur auf den brasilianischen Volkstanz afrikanischer Herkunft.

Tanze Samba bis in den Morgen

1956 wechselt die Produktion nach Hannover. Rund 20 Jahre später, Mitte der 1970er-Jahre, besingen Schlagergrößen wie Gerhard Wendland und Tony Holiday voller Inbrunst das Geschehen auf den Campingplätzen dieser Welt. Der eine tanzt Samba mit mir, der andere bis in den Morgen.

Premiere 1951: der T1 Samba auf einem der ersten Werksfotos.

Premiere 1951: der T1 Samba auf einem der ersten Werksfotos.

Foto: VWN

So oder so, die Serienproduktion des Kleinbusses endet im Juli 1967 nach fast 100.000 gebauten Exemplaren. Der älteste bekannte Samba ist in privater, rheinländischer Hand. Nahezu die gesamte Historie ist belegbar, sogar die Originalrechnung hat der Besitzer noch. Verglichen mit heutigen Marktpreisen mutet sie nahezu läppisch an. 9025 D-Mark – da gilt für ein restauriertes Exemplar heute in etwa Faktor vier bis fünf, dann allerdings in Euro. Wohlgemerkt liegt der durchschnittliche Jahreslohn damals bei lediglich 3579 D-Mark.

Vorsicht vor Fälschungen

Der bisher teuerste Samba kommt 2017 im Auktionshaus Barrett-Jackson unter den Hammer – Preis: 302.500 US-Dollar. Egal, zu welchem Kurs, wer auf der Suche nach einem Original ist, sollte Vorsicht walten lassen. Denn nicht alles, was nach Samba aussieht, lief auch als solcher vom Band.

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Zahlen, bitte! Volkswagen auf Samba-Kurs

1951 fährt der erste Samba vor. Für das Leergewicht von 890 Kilogramm genügt dem Volkswagen eine Leistung von 18,4 Kilowatt (25 PS) – Höchstgeschwindigkeit: 85 Kilometer pro Stunde. Bis August 1963 rollt er als sogenannter 23-Fenster vom Band, anschließend, bis Juli 1967, als 21-Fenster. Hintergrund: Aufgrund der breiteren Heckklappe entfallen die Eckfenster. Vorab ersetzen die Ingenieure 1955 das Plexiglas der Eckfenster durch Sicherheitsglas, was dem Achtsitzer-Bulli den Spitznamen Plexibus beschert. Lackiert ist der gläserne Aussichtsbus nahezu immer zweifarbig. Zierleisten haben alle Modelle, einmal um das Auto herum messen sie 1112 Zentimeter. Und klar, die Uhr im Armaturenbrett, die gehört zum festen Inventar.

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