"Symbolischer Cent" pro Stück

Aldi schafft kostenlose Obst- und Gemüsebeutel aus Plastik ab

Bislang bietet Discounter Aldi die dünnen Kunststoffbeutel in seinen Obst- und Gemüseabteilungen kostenlos an. Das soll sich demnächst ändern.
11.06.2019, 10:37
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Erich Reimann und Florian Schwiegershausen
Aldi schafft kostenlose Obst- und Gemüsebeutel aus Plastik ab

Einen Cent pro Stück müssen Kunden künftig bei Aldi für Gemüsebeutel aus Plastik zahlen.

Marcel Kusch/dpa

Die klassischen Plastiktüten sind im deutschen Lebensmittelhandel kaum noch zu finden. Doch dünne Plastikbeutel zur Verpackung von losem Obst und Gemüse werden nach wie vor milliardenfach verwendet. Dagegen will Aldi nun etwas tun. Der Discounter kündigte am Dienstag an, er werde im Interesse des Umweltschutzes die kostenlosen Obst- und Gemüsebeutel abschaffen.

Wer bei Aldi beim Einkauf von Äpfeln, Birnen oder Tomaten nicht auf den sogenannten Knotenbeutel verzichten will, muss dafür ab Sommer einen Cent pro Stück zahlen. Dafür ist der Beutel laut Unternehmen dann aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Bei Umweltschützern und anderen Handelsketten stieß der Vorstoß des Händlers allerdings auf Kritik.

"Wir würden uns freuen, wenn andere Händler mitziehen"

Bisher bieten die großen Lebensmittelhändler die dünnen Kunststoffbeutel in ihren Obst- und Gemüseabteilungen in der Regel noch kostenlos an. Aldi will diese Praxis jedoch beenden und damit eine Vorreiterrolle im deutschen Einzelhandel übernehmen. „Wir würden uns freuen, wenn andere Händler mitziehen. Denn nur durch eine branchenweite Lösung können wir bei der Reduzierung der Plastiktüte einen großen Schritt nach vorne machen“, sagte Aldi-Managerin Kristina Bell.

Die Erfahrung bei den normalen Plastiktüten habe gezeigt, dass Umdenken einsetze, wenn Geld dafür verlangt werde. Während der Verbrauch an „klassischen“ Plastiktüten in den vergangenen Jahren drastisch gesunken ist, wurden auch 2018 in Deutschland nach Angaben des Bundesumweltministeriums noch rund drei Milliarden der dünnen Knotenbeutel verbraucht, ähnlich viele wie in den Jahren zuvor.

Lesen Sie auch

Bei Umweltschützern stieß die Aldi-Initiative dennoch auf erhebliche Vorbehalte. Die Deutsche Umwelthilfe bewertete den Schritt als „reine Symbolpolitik“. Ein signifikanter Lenkungseffekt sei bei einem derart niedrigen Preis nicht zu erwarten. Aber Erfahrungswerte aus Irland zeigen, wie effektiv eine Abgabe wirkt, wenn der Preis entsprechend hochgesetzt wird.

Dort führte eine Plastiktütenabgabe von 22 Cent zu einer Reduktion des Verbrauchs von 328 auf nur noch 14 Stück pro Kopf und Jahr. Mit den eingenommenen Finanzmitteln der Abgabe in Irland wurden Sensibilisierungskampagnen und Abfallvermeidungsprojekte gefördert und nicht die Taschen der Einzelhändler gefüllt, so wie es aktuell in Deutschland der Fall ist.

Kritik von konkurrierenden Einzelhändlern

Martin Rode, Geschäftsführer vom Bremer BUND, hält diese Initiative für „Augenwischerei“. Das sei schon kein „Greenwashing“ mehr, das sei „Wortbruch“. Denn mit einem Cent ist so eine Tüte laut Rode viel zu billig: „Der Preis muss so hoch sein, dass er Anreiz gibt, die Tüte nicht wegzuwerfen.“ Mehrwegnetze seien eine Alternative, aber davon würden auch einige aus Plastik bestehen: „Eine Möglichkeit wären Beutel aus Naturfasern.“ Greenpeace wies darauf hin, dass auch Bioplastik lange brauche, bis es verrotte. Besser sei ein Preisnachlass für unverpackt gekaufte Ware.

Kritik an Aldis Vorstoß kam auch von konkurrierenden Einzelhändlern. Ein Edeka-Sprecher verwies darauf, dass die sogenannten Knotenbeutel im Discount ohnehin kaum eine Rolle spielten, da dort nur wenige Produkte lose verkauft würden. Auch dass die Kunden künftig für die Beutel in die Tasche greifen sollen, kam bei der Konkurrenz nicht gut an.

Lesen Sie auch

„Bisher werden die Knotenbeutel dem Kunden frei zur Verfügung gestellt. Diesen Service lässt sich Aldi zukünftig bezahlen und verdient auch noch an der Maßnahme“, rügte der Edeka-Sprecher. Dabei sei es mehr als fragwürdig, ob es durch den 1-Cent-Aufschlag wirklich zu einem veränderten Verbraucherverhalten kommen werde. Edeka setze stattdessen auf einen ganzheitlichen Ansatz zur Plastikreduktion. Ähnlich äußerte sich die Edeka-Discount-Tochter Netto.

Doch was will der Kunde überhaupt? Beim Kaufhaus Lestra in Bremen-Horn sagte der Geschäftsleiter Jörg Hasler: „Immer mehr Kunden nutzen inzwischen Mehrwegnetze oder Papiertüten oder kleben das Preisschild direkt auf die Ware.“ Aber gleichzeitig sagt Hasler, dass der goldene Weg noch nicht gefunden sei. Denn: „Wer eine Tupperbox benutzt, muss die ja auch erst mal auswaschen, wofür wieder Wasser draufgeht. Bei den Papiertüten muss es leider Papier sein, was direkt aus dem Baum hergestellt ist, damit die Tüte nicht reißt, wenn da fünf Äpfel drin sind. Bei den Baumwollnetzen aus China ist auch nicht so klar, ob das wirklich umweltfreundlich ist. Derjenige, der die Idee für die optimale Lösung hat, kann damit Millionär werden.“

Tüten aus Recycling-Papier

Dennoch setzen wie Lestra auch großen Ketten auf Mehrwegnetze. So bietet die Handelsgruppe Rewe sowohl in den Rewe-Märkten als auch bei der Discount-Tochter Penny neben den Knotenbeuteln auch wiederverwendbare Mehrwegnetze für Obst und Gemüse an. Das werde von den Kunden gut angenommen. Lidl will ab Sommer ebenso wiederverwendbare Mehrwegnetze anbieten.

Real will in der Obst- und Gemüseabteilung die Knotenbeutel-Spender Schritt für Schritt durch solche für Mehrwegnetze ersetzen. Auf Nachfrage würden dann für besonders empfindliche Produkte wie etwa lose Kirschen auch Tüten aus Recycling-Papier angeboten – allerdings erst Ende 2020. Um insgesamt Plastikmüll zu vermeiden, haben mehrere Handelsketten vor einem Jahr das Lasern eingeführt. So erhalten Bio-Ingwer und Bio-Gurken ein Tattoo, um sie von den herkömmlichen Angeboten unterscheiden zu können.

Lesen Sie auch

Bei Bananen wäre ein solches Branding auch möglich, wie Frank Vogt vom Fruchtimporteur Greenyard Fresh Germany sagt: „Das haben wir Ende der Neunzigerjahre schon gemacht und dafür den Innovationspreis erhalten. Doch irgendwann nach zwei Jahren hörte das wieder auf.“ Damals hieß das Unternehmen noch Atlanta Scipio und Vogt meint, dass man einfach zu früh damit auf dem Markt gewesen sei. Außerdem sei damals die Nachfrage nach Bio-Früchten noch nicht so groß gewesen.

Doch bei Bio-Bananen wird laut Vogt heutzutage lieber jeder Finger mit einem Label versehen. Gleichzeitig arbeitet Greenyard Fresh Germany gemeinsam mit dem Handel an noch besseren Lösungen – auch bei Alternativen für Plastikschalen. „Der Handel ist da inzwischen stark hinterher, weil der Kunde danach verlangt“, sagte Vogt abschließend.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+