Flüchtlingselend

Auf Lesbos leben Einwohner und Migranten am Limit

13.000 Geflüchtete leben mittlerweile in einem Flüchtlingscamp auf der drittgrößten Insel Griechenlands. Die aktuelle Situation ist eine sehr große Belastung für Einheimische, Helfer und Migranten.
01.10.2019, 22:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Annette Kögel
Auf Lesbos leben Einwohner und Migranten am Limit

13.000 Geflüchtete leben mittlerweile im Flüchtlingslager Moira auf der Insel Lesbos.

Angelos Tzortzinis/dpa

Das erste Schlauchboot in dieser Nacht wird um 1.14 Uhr gesichtet. Neun Seemeilen liegen zwischen der Türkei und dem Strand an der nördlichen Küste von Lesbos. Die Wellen plätschern leise, der Halbmond erleuchtet den Hafen. In aller Stille und mit eingespielter Logistik machen sich in dem kleinen Ort Skala Sikamineas ehrenamtliche Helfer bereit. Nacht für Nacht geht das hier so, seit 2015, seit Abertausende von Menschen ihr Leben riskieren auf der Fahrt übers Mittelmeer – nach Europa.

Die Flüchtlinge auf dem Wasser da draußen wissen noch nicht, dass sie einem neuen Trauma entgegenschippern.

Lesbos ist die drittgrößte Insel Griechenlands, und weil die Entfernung zur Türkei nicht groß ist, wird sie besonders oft von Migranten angesteuert. Hier liegt auch Moria, das größte Flüchtlingslager Europas, in dem mittlerweile fast 13.000 Menschen leben – ausgelegt war es einst für 3000. Am Sonntag brach im völlig überfüllten Lager ein Feuer aus, zwei Menschen starben, 16 wurden verletzt. Es kam zum Tumult, Jugendliche griffen Polizisten und Feuerwehrleute an. Wie schlecht die Lage in Moria ist – das Feuer zeigte es einmal mehr. Und doch kommen in jeder Nacht weitere Migranten. Auch sie werden in Moria bleiben müssen wie alle vor ihnen – weil sie in vielen EU-Ländern niemand mehr haben will.

30.000 sitzen auf den Ost-Ägäisinseln

Im Gegenlicht eines Scheinwerfers zeichnet sich am Ufer schemenhaft eine Gruppe ab. Frauen, Kinder und Männer klettern am Strand von Skala Sikamineas aus dem Schlauchboot und schauen sich um. Nur das Knistern der Wärmefolien, die jetzt jeden einzelnen umhüllen, ist zu hören. Der Hafen­beamte zählt durch: knapp 60 Kinder, Frauen, junge Männer. Auf den der Türkei nahen Ost-Ägäisinseln harren derzeit rund 30.000 Migranten und Flüchtlinge aus. Noch nie seit Inkrafttreten des EU-Türkei-Flüchtlingspaktes im März 2016 seien es so viele gewesen, meldet der Staatsrundfunk.

Ein Teil dieser Vereinbarung sieht vor, dass Griechenland Migranten, die aus der Türkei auf die griechischen Inseln übergesetzt sind, dorthin zurückschicken kann, wenn sie keinen Anspruch auf Schutz haben. Die EU versprach im Gegenzug, syrische Flüchtlinge aus der Türkei direkt aufzunehmen. Flüchtlinge sollten so von der Überfahrt abgehalten werden. Bislang wurde aber kaum jemand zurückgeschickt. Und die Zahl der Neuankömmlinge steigt in dem Maße, in dem der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan davon spricht, Geflüchtete aus der Türkei zurück in ihre Heimatländer zu schicken.

„Ihr Traum ist Deutschland“, sagt ein Grieche, der einen Zaun an einem Transitlager nahe Skala Sikamineas aufstellt. 2651 Neuankömmlinge liefen hier im September durch, auch das ist seit 2015 wieder ein Spitzenwert.

In seinem Souvenirladen in Skala Eressos, knapp zwei Autostunden südlich von Skala Sikamineas entfernt, sitzt Theodor Romios, ein stämmiger Mann in kurzer Hose. „Früher habe ich im Juni einen Umsatz von 8000 Euro gemacht. Jetzt waren es im Juni gerade 350 Euro.“ Er kellnert nun nebenher und macht, wie viele Griechen auf den betroffenen Ägäis-­Inseln, auch Aushilfsjobs. Er sagt: „Meine Tochter möchte doch in Athen studieren.“ In Skala Eressos kommt nie ein Flüchtlingsboot an, es ist viel zu weit weg von der Türkei. Aber auch hier sind viel weniger Touristen zu Besuch als früher. Charterfluggesellschaften steuern Lesbos kaum noch an. Romios sagt: „Wir Griechen scherzen schon mit Galgenhumor, wir werfen jetzt unsere Ausweispapiere weg, setzen uns in ein Boot und lassen uns an die Küste treiben: Bitte helft uns!“

Alle auf Lesbos sind müde angesichts der andauernden Ausnahmesituation: die Helfer, die Griechen, die Migranten.

24-Stunden Betrieb

Und wenn doch noch Urlauber da sind – von dem, was zum Beispiel in Skala Sikamineas nachts passiert, sehen sie am nächsten Morgen nichts mehr. Die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer arbeiten im rotierenden Schichtbetrieb, 24 Stunden. Ist ein Boot eingetroffen, werden alle Spuren schnell beseitigt.

In dieser Nacht umringen dort schon wieder Freiwillige eine Gruppe neu angekommener Flüchtlinge. Männer tippen in ihre Handys, deren blaues Licht ihre Gesichter ausleuchtet. Das Schlauchboot war wieder überfüllt, die Luftmatratzen-Fußpumpe darin: im Notfall nutzlos. Der Beamte der Küstenwache lässt die Luft aus dem Boot, der Motor wird später weiterverkauft. „Afghanistan? All Afghanistan?“, fragt der Beamte die Angekommenen. Die Männer bejahen. „Im Moment kommen zu 99 Prozent afghanische Familien, einige Iraner, wenige Kongolesen“, sagt Roman Kutzowitz von„Refugee Rescue“.

Prostitution ist üblich

Spricht jemand Englisch? English? Zwei Personen horchen auf. Eine Frau mit Kind sagt: „My husband in Hamburg.“ Ein Mann guckt hoch. Wie lange dauert die Überfahrt? „Ungefähr eine Stunde“, sagt er. Was hat sie gekostet? „1000 Dollar.“ Woher er das Geld habe? Er versteht die Frage erst nicht, dann lacht er auf, wirft den Kopf zurück. Die Helfer wissen es oft. Alles verkauft oder alles zusammengelegt. Am Anfang seien viele wohlhabende Syrer gekommen. In türkischen Fabriken haben sie – auch die Kinder – für das Geld gearbeitet. Auch Prostitution ist üblich.

Eine Toilette für 60 Menschen

Eine junge Mutter in Skala Sikamineas, die die nächtliche Szenerie beobachtet, sagt: „Die Kinder tun mir leid, das ist ja alles angsteinflößend. Im Notfall würde ich aber auch meine Tochter einpacken und fliehen.“

Doch es gibt auch Mütter, die das jetzt bereuen. Wie jene junge Kongolesin, die seit sieben Monaten in Moria ist. Auch sie kam voller Hoffnung mit dem Boot in Nordlesbos an, auch sie saß in einem Transportbus. Sie sagt: „Wenn ich gewusst hätte, was mich hier in Europa erwartet, hätte ich mir das alles noch mal überlegt. Ich wollte eine bessere Zukunft für meine Kinder, jetzt sitzen wir hier fest.“

Moria liegt im Landesinneren, eine gute halbe Stunde vom Flughafen von Mytilini entfernt. Die frühere Militäranlage, ein Gefängnis mit Stacheldraht, ist von Europa als Hotspot zur Erstregistrierung vorgesehen worden. Hier soll Griechenland Asylverfahren vornehmen. In der Theorie. In der Praxis kommen die Behörden nicht nach.

Im Lager reiht sich ein als Unterkunft genutzter Baucontainer an den nächsten. Dazwischen stehen Zelte, dicht an dicht. Doch inzwischen viel größer als das ursprüngliche Camp ist das wilde Lager drumherum. Überall hängt Wäsche, in Büschen, zum Trocknen. Pappen dienen als Matratzen, überall stapelt sich Müll. Tags verirrt man sich zwischen den staubigen Behausungen am Hang leicht, nachts halten Männer vor den Zelten Wache.

In einem größeren Zelt haben Afghanen eine Schule gegründet, ehrenamtlich, eine offizielle gibt es nicht. Draußen steht ein Paar Plastiksandalen am nächsten, drinnen sitzen Kinder und Jugendliche auf dem Boden. „Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber die Situation mit Schule und Bildung ist hier schlimmer als in Afghanistan“, sagte eine 17-Jährige.

Zehntausend leben in Moria unter zusammengeknoteten Plastikplanen oder unter Decken, die sie über Äste hängten. Bald wird es regnen, vergangenen Winter waren die Zelte verschneit, Kinder erlitten Erfrierungen. Zuvor wurde schon ein Jugendlicher erstochen. Es gibt Vergewaltigungen, Drogenhandel und Extremismus. 60 Menschen teilen sich eine Toilette. Es gibt keine funktionierende Verwaltung, zu wenige Mitarbeiter. Inmitten des Elends, des Chaos und der Verwahrlosung bauen sich afghanische Familien Erdöfen, um dort Brot backen zu können.

Abschreckung von Europa gescheitert

Der Lagerdirektor, Giannis Balpakakis, gab gerade nach drei Jahren auf, er sei „erschöpft“. Er habe in Moria Dinge gesehen, die er nie wieder mitansehen wolle. Nach Recherchen der Deutschen Welle sollen vor einem Jahr auch Dutzende Männer des IS einen Teil des Lagers unter Kontrolle gehabt, Minderheiten terrorisiert haben.

Mit der „Hölle von Moria“ wolle Europa abschrecken, sagen Helfer und Griechen. Doch das klappt nicht. Auch die neu angekommenen Afghanen vom Boot aus Skala Sikamineas werden sich an den staubigen Hängen der Olivenhaine einrichten müssen.

Die Norwegerin Katrin Glatz-Brobakk ist Kinderpsychologin, die einzige in Moria für rund 5000 Mädchen und Jungen, „Ärzte ohne Grenzen“ macht das möglich. Sie kommt seit Jahren immer wieder her. Der griechische Staat stellt laut „Ärzte ohne Grenzen“ zwei Ärzte für die 13.000 Menschen im Lager, es gibt keine Klinik auf dem Gelände.

„Wenn die Kinder hier ankommen, sind sie von Flucht und Krieg schwer traumatisiert. Aber wenn sie hier leben, wird alles nur noch schlimmer“, sagt die Ärztin in der Kinderklinik außerhalb des Hauptlagers. „Es passiert sehr oft, dass Kinder sich verletzen, schneiden, aufhören zu sprechen, versuchen, sich das Leben zu nehmen.“ Rund 1000 unbegleitete Kinder und minderjährige Jugendliche seien Missbrauch und Menschenhandel ausgesetzt, warnen Helfer.

Wie groß die Wut und der Frust sind, zeigte sich bei den jüngsten Tumulten. Ein Bewohner Morias sagte, die Jugendlichen seien wütend gewesen, weil die Feuerwehr erst nach 20 Minuten im Lager angekommen sei.

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Der UNHCR fordert Sofortmaßnahmen, Bundesinnenminister Horst Seehofer will Anfang Oktober nach Griechenland und in die Türkei reisen. Die EU-Türkei-Vereinbarung zur Rücknahme von Flüchtlingen von den griechischen Inseln werde offensichtlich nicht wie abgesprochen umgesetzt. Deutschland wolle Griechenland dabei administrative Hilfe leisten. Unter anderem müsse das Lager Moria winterfest gemacht werden, zudem wolle die Bundesrepublik mehr Beamte schicken. Darüber habe es schon erste Gespräche mit der EU-Kommission gegeben, melden Nachrichtenagenturen.

Mehr als 38.000 Migranten erreichten nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex in den ersten acht Monaten des Jahres Griechenland und Zypern. 6500 Menschen kamen in Malta und Italien an, 15.000 in Spanien. „Wenn wir da kein vernünftiges, belastbares Regelwerk hinbekommen, wird es zur unkontrollierten Migrationsbewegung kommen“, sagt Horst Seehofer.

Evakuierung verlagert das Problem nur

„Wohin soll ich denn, was soll ich tun, keiner sagt uns, wie es jetzt weitergeht“, sagt eine Jugendliche aus Afghanistan in Moria. Sie kam zwei Nächte zuvor auf Lesbos an und steht unter Schock. „Wir bitten doch nur um eine Grundversorgung, wir sind doch auch nur Menschen.“

Immer wieder werden Hunderte als besonders schutzbedürftig geltende Migranten in überfüllte Lager auf dem Festland verlegt. Das Problem verlagert sich damit nur. Und am Flughafen Athen zum Beispiel beklagen Polizisten die hohe Anzahl gefälschter Pässe, die sie entdecken. Hunderte Migranten wollten täglich in andere europäische Länder ausfliegen. Kürzlich wurde eine 49-Jährige verhaftet, die 401 gestohlene oder verloren gemeldete Reisedokumente bei sich hatte. Eine Gruppe Araber versuchte, als Volleyballteam getarnt mit falschen Pässen weiterzukommen.

In Skala Sikamineas dämmert der Morgen. Ein Schuh und zwei Kopftücher sind im Schlauchboot der Afghanen zurückgeblieben. Aus den Bootskammern ist die Luft herausgelassen, es wird bald abgeräumt. Die Ehrenamtler dösen auf den Stühlen des Helfertreffpunkts „Goji Café“. Da schlägt ein Hund an. Das nächste Boot.

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