Galtür bietet Langläufern ideale Bedingungen Auf schmalen Brettern durch die Bergwelt

Langläufer finden in Galtür ideale Bedingungen: Der Sport hat eine lange Tradition in dem kleinen Tiroler Ort, 74 Kilometer beträgt das Loipennetz.
21.12.2016, 11:46
Lesedauer: 6 Min
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Von Steffi Urban

Mit der Gondel geht es hinauf. Pickepackevoll ist sie mit Wintersportlern, die über den weiß gepuderten Hängen dem stahlblauen Himmel entgegenschweben.

Es herrscht Kaiserwetter, wie man im österreichischen Galtür sagt. An der Bergstation angekommen, trennen sich die Wege. Während sich die Abfahrer auf ihren Brettern zurück ins Tal stürzen, schnallen die Langläufer ihre langen Latten an und gleiten Schritt für Schritt durch das malerische Bergpanorama der Silvretta-Gebirgsgruppe. Zu hören ist nur das Schaben der Ski in der Loipe – und der schwere Atem der Skiwanderer.

Schon nach wenigen Metern ist zu spüren, dass das Langlaufen in der Höhe von rund 1800 Metern eine besondere Herausforderung ist, speziell für Gelegenheitsfahrer, die wie ich ein- bis zweimal im Jahr im Harz oder, wenn möglich, am Bremer Werdersee ihre Runden drehen. Doch niemand hetzt dort oben, nur Skilehrer Edi Türtscher mahnt gelegentlich freundlich: „Länger gleiten, große Schritte und ein wenig aufrechter fahren.“

Nach dem stetig sanften Anstieg geht es auf eine leichte Abfahrt. Sie bietet Gelegenheit zum Durchschnaufen – und zum Genießen der Aussicht. Links und rechts erheben sich majestetisch die Berge. Ein kleiner Bach schlängelt sich über das dazwischenliegende Plateau. Vereinzelt schmiegt sich eine Hütte an das Ufer. Die Loipe ist bestens präpariert und führt bis auf 1850 Meter. Das Ziel ist der Kops-Stausee. Dort ist Zeit für eine Rast und für einen Plausch mit Franz Türtscher. Er ist passionierter Langläufer und Besitzer des Hotels „Post“ in Galtür. Seine Bergheimat kennt er wie seine Westentasche. „Natürlich sind auch hier Alpinskifahrer in der Überzahl, aber das Langlaufen wird immer beliebter“. Längst habe es das Image des Seniorensports abgelegt. „Erst Alpinski, dann Langlauf, dann Sterben“ – dieser Ausspruch gelte heute nicht mehr, sagt Franz Türtscher lachend.

Die Bedingungen für das Langlaufen sind in Galtür optimal. 74 Kilometer beträgt das Loipennetz. Es gibt Touren für Anfänger sowie für Fortgeschrittene, für Läufer im klassischen Stil und in der Skatingtechnik. Hinzukomme die Höhenlage, die von Dezember bis in den April hinein Schnee verspreche, so Türtscher.

Der Sport hat eine lange Tradition in dem kleinen Tiroler Ort am Ende des Paznauens, wie das 40 Kilometer lange Tal heißt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges „importierte“ der Förster Adolf Zangerle das Langlaufen aus Finnland. Später, in den 50er-Jahren, trugen britische Gebirgsjäger dort ihre Wettkämpfe aus. Heute ist das Fortbewegen auf den langen Latten für viele ein gesundes und forderndes Ganzkörpertraining im Einklang mit der Natur.

Wie fordernd der Freiluftsport sein kann, zeigt sich am zweiten Tag des Aufenthaltes in der 800-Seelen-Gemeinde. Eine Skitour zur Bielerhöhe steht an. Das Kaiserwetter vom Vortag hat sich verflüchtigt. Stattdessen „guxnat“ es. Zu Hochdeutsch: Ein Wintersturm ist aufgezogen. Durch diesen heißt es sich nun durchkämpfen. Die kräftigen und konditionsstarken Läufer machen sich auf Skiern auf den Weg – eine zehn Kilometer lange Steigung hinauf. Die weniger fitten lassen sich vom Pistenbully chauffieren, der ab dem Ortsteil Wirl auf der im Winter geschlossenen Silvretta-Hochalpenstraße hinaufrumpelt. Oben angekommen sieht man an diesem Tag – nichts. Die Welt endet knapp einen Meter vor den Augen. Doch Skilehrer Edi Türtscher versichert augenzwinkernd: „Hier ist ein Stausee und rundherum recken sich imposant die Gipfel der Berge gen Himmel.“

Einmal auf den mit 2000 Metern höchstgelegenen Strecken der Region angekommen, wird das Wagnis einer kleinen Rundtour eingegangen. Verschiedene Loipen können auf und rund um den zugefrorenen Stausee bewältigt werden – von leicht bis mittelschwer. An diesem Tag peitscht der Sturm den Schnee über die Bielerhöhe, die harschen Flocken zwiebeln im Gesicht. Das hügelige Gelände ist mehr zu spüren als zu sehen. Schemenhaft zeichnet sich eine kleine Kirche ab. Nach einer knappen Stunde im „Guxna“ tauchen die Lichter des Berggasthofes Piz Buin auf. Eine Stärkung mit Kaiserschmarrn ist dringend notwendig, bevor es dann ganz entspannt bergab zurück ins Tal nach Galtür geht.

Der Sturm hat sich inzwischen gelegt, die Wolken haben sich verzogen und der Blick auf die Berge rundherum ist wieder frei. Mit Edi Türtscher geht es auf eine Schneeschuhwanderung, am murmelnden Fluss Tri-
sanna vorbei den Berg ein Stück hinauf. Oberhalb des Dorfes sticht Türtscher seine Stöcke in den Schnee und baut mit ihnen ein Tablett auf. Wurst, Käse und einen Schnaps kredenzt er mit dem Blick auf das zu Fuße liegende Galtür. Dann lenkt er den Blick auf die Schutzzäune, die nach dem verheerenden Lawinenunglück 1999 extrem verstärkt wurden. „Mehr als 30 Menschen kamen damals ums Leben“, erinnert er sich. Die Katastrophe habe den Ort schwer getroffen, doch inzwischen sei das Vertrauen der Touristen zurückgekommen.

Im Museum des Orts, dem „Alpinarium“, können die Besucher erfahren, wie es zu dem tragischen Unglück kam und auch, wie der Ort und die Menschen damit umgehen, sich erinnern und der Opfer gedenken.
Darüber hinaus handeln die einzelnen Ausstellungen von den Menschen, die das Tal einst entdeckten – und vom weltberühmten Schriftsteller Ernest Hemingway. Für mehrere Wochen unternahm er 1925 und 1926 zahlreiche Touren in der Silvretta-Berggruppe und besuchte dabei auch die Jamtal-Hütte oberhalb von Galtür. Seine Zeit dort schrieb er in der Erzählung „Ein Gebirgs-idyll“ nieder. Dargestellt wird im Museum aber auch die Geschichte, wie der Tourismus nach Galtür kam. Dieser ist bis heute ein wichtiges Standbein für die Bewohner. Sie setzen dabei auf Nachhaltigkeit mit einem kleinen, feinen Pistengebiet für Abfahrer, Familienfreundlichkeit mit Angeboten wie Kutschfahrten, Eisstockschießen und Eislaufen, Fassdaubenrennen, Schneeschuhwandern und Skisafaris – sowie ihre Eigensinnigkeit.

In der kleinen Gemeinde ist vom Trubel der Partyhochburg Ischgl, die nur wenige Kilometer entfernt liegt, kaum etwas zu spüren. Die Einwohner verzichten auf das große Tamtam anderer Skigebiete. Stattdessen punktet das auf rund 1600 Metern Höhe gelegene Galtür mit seinem Status als erster Luftkurort Österreichs. Ein weiterer Meilenstein in der Historie ist ein Sieg vor dem Europäischen Gerichtshof. In den 90er-Jahren wurde der Enzian strengstens unter Naturschutz gestellt. Doch wie sollten die Galtürer nun ihren traditionellen Enznerschnaps brennen? Also klagten sie – und gewannen. 100 Kilo der gelb gepunkteten Pflanze dürfen jedes Jahr gepflückt werden. Wer erntet, wird jeweils per Los ermittelt. Zehn Familien aus Galtür können so Lizenzen gewinnen. Zum Verkauf reicht das nicht. Der Schnaps wird gehütet – und nur zu besonderen Anlässen herausgeholt.

Als Tourist kann man sich nach den kräftezehrenden Langlauftouren aber am Käse laben. In dem Ort findet regelmäßig die Almkäseolympiade statt. Die Region ist bekannt für ihre Sorten mit dem besonderen Geschmack. Dort, wo sich im Winter die Pisten und Loipen entlang winden, weiden im Sommer Kühe. Der Käse wird direkt auf den Almen hergestellt und schließlich gut gereift im Tal verkauft. Eine Spezialität im Sommer wie im Winter sind daher auch die Käsefondues. Nach dem Genuss eines solchen geht es dann abends noch einmal gestärkt auf die bis in die Nacht beleuchte Tal-Loipe in Galtür.

Die richtige Spur In der Gemeinde Galtür leben knapp 800 Einwohner. Der österreichische Ort liegt in Tirol, genauer gesagt im hinteren Paznaun in einer Talweitung zwischen der Silvretta-Berggruppe im Süden und der Verwallgruppe im Norden, an der Grenze zu Vorarlberg. Skiurlauber erwarten 60 Pistenkilometer sowie ein 74 Kilometer langes Loipennetz. Galtür kann mit dem Auto zunächst über die A 7 oder A 95 in Richtung Süden angesteuert werden. Dann geht es auf die Fernpassbundesstraße (B 179) über Innsbruck/Imst und Landeck auf die Autobahn A 12 und weiter zur S 16 (Arlbergschnellstraße) und schließlich auf der Silvretta-Bundesstraße (B 188) in Richtung See, Kappl, Ischgl und Galtür. Eine alternative Route führt über die A 14 (Bodensee, Feldkirch, Bludenz, Arlbergtunnel). Die Anreise mit der Bahn ist bequem ab Bremen über München, Innsbruck und Landeck möglich. Von dort aus fahren Busse bis Galtür. (Weitere Infos unter www.bahn.de.) Galtür verfügt über knapp 4270 Gästebetten. Infos zu Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants sowie zu Skikursen, -ausleihe und weiteren Urlaubsangeboten gibt es unter www.galtuer.com.
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