Zwei Väter, ein Schicksal Aufruf zum Dialog

Der Vater eines Opfers und der Vater eines Täters der Pariser Terrornacht treffen sich, um miteinander zu reden. Die Gespräche über ihr Leben und ihre Kinder kann man mittlerweile als Buch nachlesen.
16.02.2020, 22:33
Lesedauer: 3 Min
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Von Birgit Holzer

Dass zwei Männer, die so viel trennt wie Georges Salines und Azdyne Amimour, einander begegnen, schätzen und zuhören würden, das erschien unwahrscheinlich. Doch es gelang, weil es eine Sache gibt, die sie eint: Beide haben am 13. November 2015, in der Terrornacht von Paris, eines ihrer Kinder im Alter von 28 Jahren in der Konzerthalle Bataclan verloren. Lola, die Tochter von Georges Salines, gehörte zu den Besuchern des Konzerts der US-Band „Eagles of Death Metal“ und starb dort wie 89 andere Opfer im Kugelfeuer der Terroristen. Samy, der Sohn von Azdyne Amimour, war einer der Attentäter, den die Polizei erschoss.

Drei Terror-Kommandos mit insgesamt neun jungen Männern waren an dem Abend im Pariser Vorort Saint-Denis und in der französischen Hauptstadt auf einer mörderischen Tour unterwegs. Vor dem Fußballstadion Stade de France, wo gerade ein Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Frankreich lief, auf Café-Terrassen und im „Bataclan“ ermordeten sie insgesamt 130 Menschen und verletzten Hunderte. Der einzige Überlebende der neun Attentäter, Salah Abdeslam, befindet sich in Haft und wartet auf seinen Prozess. Er verweigert jede Aussage.

Gespräche in Buchform erschienen

In der Folge der Anschlagsserie wurden zwei Vereine für die Opfer und Hinterbliebenen gegründet; einem davon stand Salines vor, der ein erstes Buch namens „Das Unaussprechliche von A bis Z“ geschrieben hatte. Anfang 2017 kontaktierte ihn Amimour, denn er „fühle sich auch als Opfer, was meinen Sohn angeht“, wie er in einer anfragenden Mail schrieb. Er verurteile die Taten seines Sohnes, und indem er das Gespräch mit den Eltern der Getöteten suche, wolle er „den Hass durchschlagen und mich der Trauer der Eltern von Opfern anschließen“.

Salines zeigte sich bereit zu einem ersten Treffen, aus dem mehrere wurden. Eine Zusammenfassung der Gespräche der beiden erschien nun in französischer Sprache in Buchform unter dem Titel „Es bleiben uns die Worte“ („Il nous reste les mots“). In Frankreich, wo die Pariser Anschläge vom November 2015 in traumatischer Erinnerung geblieben sind, erhielt der Dialog, der von Toleranz und Respekt beider Väter füreinander zeugt, aber nicht frei von kritischen Fragen ist, ein großes Echo.

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Nachgezeichnet wird darin die Geschichte zweier Männer mit sehr unterschiedlichen Biografien und ihrer Kinder, die jeweils behütet und geliebt in intakten Familien aufwuchsen. Die extrovertierte Lola Salines „verschlang“ das Leben, „als hätte sie gewusst, dass es nicht lange dauern würde“, so Georges Salines. Aufgewachsen in Südfrankreich, Martinique und Ägypten, liebte sie es zu reisen und ihren großen Freundeskreis zu pflegen. Sie arbeitete in einem Buchverlag, in dem sie gerade eine neue Marke gegründet hatte. Nicht alle ihre Projekte, die sie im Schicksal-Jahr 2015 begonnen hatte, konnte sie zu Ende führen, bedauert ihr Vater. Aber sie „ging in einer Phase der Aufregung und des Glücks“.

Samy Amimour hingegen, der Sohn zweier gläubiger, aber kaum praktizierender Muslime mit Wurzeln in Algerien, der im Pariser Vorort Drancy aufgewachsen war, driftete irgendwann ab. In seiner Jugendzeit wurde er für seine Eltern immer unzugänglicher, während er sich zunehmend für den Islam interessierte. Verwandte in Algerien gaben dem introvertierten, schweigsamen Jungen den Spitznamen „Ja“, weil er immer „Ja“ zu allem sagte, erzählt sein Vater. Nach einem abgebrochenen Jura-Studium wurde Samy Amimour Busfahrer, kündigte allerdings seinen Job bald wieder, um sich dem Islamischen Staat in Syrien anzuschließen.

Vater reiste dem Sohn nach

Azdyne Amimour benennt den Mix aus Elementen, die wohl ausschlagend dafür waren, dass sich sein Sohn dem Islamismus zuwandte: „Ein Unwohlsein in seiner eigenen Identität, eine Serie an Misserfolgen, sein Wissensdurst über den Islam, sein beeinflussbarer Charakter… Alles war da, bis hin zum falschen Umgang.“ Der Vater, der sich bis heute fragt, welchen Anteil er selbst und seine phasenweise Abwesenheit an der Radikalisierung seines Sohnes gehabt haben konnten, reiste ihm im Sommer 2014 sogar nach Syrien nach, um ihn vergeblich zur Rückkehr zu bewegen. Aber als Samy im November 2015 schließlich zurückkam, tat er es nur, um im Bataclan zu morden und zu sterben.

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Abschließende Antworten auf die quälende Frage nach dem Warum bleiben in dem Buch zwar aus. Aber beide Väter und Familien haben gelernt, mit den unerträglichen Ereignissen und dem Tod ihrer Kinder zu leben – und sogar den Schmerz des jeweils anderen zu respektieren. Mit ihrem Dialog wollten sie zumindest, so Georges Salines, „die Mauern des Misstrauens, des Nicht-Verstehens und manchmal des Hasses niederreißen, die unsere Gesellschaften spalten“.

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