Wissen & Technik: Die richtige Reifenwahl

Jetzt aber alle Haftung!

Wenn der Sommer nicht kommt – wozu dann eigentlich noch auf Sommerreifen umsteigen? Für die paar heißen Tage im Jahr lässt sich der ganze Wechselzirkus doch sparen, oder? Wer so denkt, der macht einen Fehler.
08.05.2021, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Jetzt aber alle Haftung!
Von Oliver Matiszick
Jetzt aber alle Haftung!

Alle Haftung aber auch: Winterreifen bieten mit ihrer weicheren Mischung zwar einen geschmeidigen Komfort, haben im Sommer aber echte Defizite beim Bremens und Handling.

Fabian Wilking

Die Reifen? Ach je, stimmt: Die gehören ja zum Auto. Funktionieren sollen sie – und das zu jeder Jahreszeit. Wobei man sich auch im Frühjahr 2021 fragt, weshalb es eigentlich noch spezielle Sommerreifen braucht. Winterpneus lassen sich doch durchgängig nutzen, oder? Unbedingt nein!

Der Besuch beim Reifenhändler unseres Vertrauens zum saisonalen Rädertausch ist ja inzwischen zur lieben Gewohnheit geworden. April und November, zweimal im Jahr sieht man sich, plauscht mit dem Mechaniker über seine Rückenprobleme, in dem Zusammenhang über die Vor- und Nachteile von Wasserbetten – und so ganz nebenbei wandert ein Reifensatz in die Pause. Bei aller Vertrautheit schleicht sich aber angesichts des durchwachsenen Sommers 2020 nun auch im bestürzend kühlen Frühling 2021 der klammheimliche Gedanke ein: Lässt sich der ganze Zauber samt Kosten nicht sparen? Wieso die Winterreifen nicht ganzjährig fahren? Antwort: Weil das aus technischer Sicht eine ziemlich schlechte Idee ist.

Winterreifen im Dauerbetrieb? Nicht zu empfehlen

Doch der Reihe nach. Rein rechtlich ist der Gedanke, Winterreifen durchgängig zu nutzen, tatsächlich unproblematisch. Zwar gibt es in Deutschland bekanntermaßen die situative Winterreifenpflicht, die bei Unfällen Auswirkungen auf den Versicherungsschutz haben kann. Umgekehrt verlangt der Gesetzgeber aber nicht, dass das Auto in den Monaten mit gutem Wetter auf Gummis mit Sommermischungen unterwegs ist. Doch das sind letztlich theoretische Spitzfindigkeiten.

Denn in der Praxis gilt: So wie sich Sommerreifen nicht für den Winterbetrieb eignen, ist es auch nicht ratsam, im Sommer mit Pneus unterwegs zu sein, die ursprünglich für den Einsatz auf Schnee und Matsch entwickelt worden sind. Die entsprechenden Gedanken machen sich Reifenentwickler ja nicht, weil sie sonst Langeweile hätten. Sondern weil es darum geht, die bestmögliche Verbindung des Autos zur Straße zu gewährleisten – und für nichts anderes stehen Reifen, die mit ihren Eigenschaften in Sachen Dämpfung und Federung zudem eine wichtige Rolle im komplizierten Gesamtkonstrukt der Fahrwerksabstimmung einnehmen.

Die Gummimischung von Winterreifen ist weicher – für diese Erkenntnis braucht es kein Ingenieurdiplom, sondern nur die Eindrücke auf den ersten Kilometern nach dem saisonalen Rädertausch. Im Gegensatz zu Sommerreifen wirkt die Wintermischung im Fahrbetrieb sanfter, schließlich verschafft sie den Reifen bei niedrigen Temperaturen mehr Aufstandsfläche und damit Grip. Umgekehrt, und das ist die entscheidende Schwäche außerhalb winterlicher Bedingungen, verschlechtert sich beim Fahrverhalten nicht nur die Fahrdynamik, sondern auch der Bremsweg.

Letzteres ist ein gravierender Sicherheitsaspekt: Bei Bremsversuchen des ADAC auf trockener Straße verlängerte sich der Bremsweg von Fahrzeugen mit Winterbereifung je nach Temperatur und Verschleißzustand aus Tempo 100 im schlechtesten Fall um 16 Meter. Das klingt zunächst überschaubar, ist tatsächlich aber eine Welt – wenn man berücksichtigt, dass moderne Fahrzeuge unter Idealbedingungen insgesamt nur rund 35 Meter benötigen, um aus Tempo 100 zum Stillstand zu kommen.

Im Notfall wird's gefährlich: Der Bremsweg verlängert sich dramatisch

Der ADAC veranschaulicht diese Defizite der ­Winterreifen so: Während ein Auto mit Sommerreifen rechtzeitig vor einem Hindernis zum Stehen käme, würde es mit Winterreifen in derselben Gefahrensituation noch einen ganzen Pulk Fahrradfahrer von der Straße räumen. Willkommen im Albtraum.

Und wer glaubt, durch den rechtzeitigen Wechsel von Winter- auf Sommerreifen immerhin den Zwanziger für den Monteuraufwand beim obligatorischen Termin mit dem Reifenhändler des Vertrauens zu sparen: ein Irrglaube. Denn Winterreifen außerhalb ihrer Saison zu fahren, bezahlt man mit einem höheren Spritverbrauch und einem stärkeren Reifenverschleiß. Die vermeintliche Einsparung durch den Bereifungswechsel im Frühjahr wird so fix zur Milchmädchenrechnung.

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