Rabba regt sich auf über ...

Automobile Aggros

Es wird immer schlimmer auf Deutschlands Straßen. Drängler, Huper, Aggros waren nicht nur Thema beim Verkehrsgerichtstag in Goslar - sie gehen auch unserem Kolumnisten gehörig auf den Geist.
19.02.2018, 18:32
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Rabba
Automobile Aggros

Jeder Aggro-Fahrer beherrscht diese Geste.

dpa

Impertinente Radfahrer habe ich an dieser Stelle ja schon aufs Korn genommen. Jetzt sind die Autofahrer dran. Genauer: jene Automobilisten, denen die Straßenverkehrsordnung so egal ist wie der Spritverbrauch beim Durchstarten an der Ampel.

Und das werden immer mehr, wie jüngst auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar zu Protokoll gegeben wurde. Von abnehmender Toleranz und von zunehmendem aggressiven Verhalten war dort die Rede – und dass Bußgelder erhöht werden müssten.

Als ob das die PS-Prolls jucken würde. Pah. Mit dem Drehen des Zündschlüssels oder dem Drücken des Startknopfes setzen bei diesen Typen wichtige chemische Prozesse im grauen Klumpen aus, den sie ihr Gehirn nennen. Prozesse, die zum Beispiel die Fähigkeit zur Rücksichtnahme und zum vorausschauenden Fahren steuern.

Dass damit auch ein Unvermögen, Rettungsgassen zu bilden, einhergeht, will ich nur am Rande erwähnen. Dieses Zeugnis der Armseligkeit von Menschen, die einmal tatsächlich die Führerscheinprüfung bestanden haben (unfassbar) ist bereits oft Thema in den Medien gewesen.

Der (un)normale Wahnsinn

Hier geht’s mir um den ganz (un)normalen Wahnsinn auf unseren Straßen. Zwei Fahrspuren vereinigen sich zu einer – jeder kennt solche Stellen. Doch was bitteschön geht in den Köpfen von diesen dumpfen Droschkenlenkern vor, die kurz vorher nochmal richtig auf die Tube drücken, nur um noch ein oder zwei Autos zu überholen – und an der nächsten roten Ampel ein paar Meter weiter vorn zu warten? Ist es atavistischer Jagddrang? Oder akustischer Exhibitionismus, so nach dem Motto: Hört mal, was ich unter der Motorhaube habe? Oder, die wahrscheinlichste Antwort: Nichts geht da zwischen den Ohren vor.

Autofahrer

Auf dem Verkehrsgerichtstag 2018 wurden schärfere Sanktionen gegen Raser und Drängler gefordert.

Foto: dpa

Autobahnbaustellen bieten ebenfalls jede Menge Beobachtungsstoff für Soziologen. Einfädeln, Reißverschlussprinzip – wir sind doch nicht in der Nähwerkstatt, denken offenbar alle Auto-Rambos, die niemals für einen anderen Verkehrsteilnehmer abbremsen und ihm eine Lücke zum Einscheren bieten würden. Niemals. Klar zu erkennen sind diese Nihilisten jeglicher sinnvoller Verkehrsregeln am sturen Blick nach vorn. Seitenspiegel bräuchten die gar nicht.

Dann, natürlich, die Klassiker: Verblendete Aufblender, radikale Rechtsüberholer. Und riskante Raser auf Landstraßen. Die immer erst bemerken, dass Bäume die Asphaltbahnen säumen, wenn so eine verholzte Pflanze ihre Fahrt unsanft stoppt.

Bekloppte und Bescheuerte

Die Ampel-Angespannten dürfen nicht fehlen in der Auflistung der Bekloppten und Bescheuerten, deren Population in diesem Land stetig wächst, wie bereits Dietmar Wischmeyer festgestellt hat. Wenn der Vordermann beim Umschalten auf Grün auch nur eine Nanosekunde mit dem Druck aufs Gaspedal zögert, haben die Angespannten ihre Pfoten schon dreimal auf den Hupe-Knopf gehauen und den Stinkefinger aus dem Fenster gehalten. Ich mache mir manchmal den Spaß und lege in aller Ruhe den ersten Gang ein. Und erfreue mich im Rückspiegel an den hochroten Köpfen wild gestikulierender Vertreter des Homo sapiens, denen man in solchen Momenten nur jede Berechtigung zur Mitgliedschaft in dieser erlauchten Spezies der Schöpfung absprechen muss.

Das gilt auch für die Auto-Poser, jene testosteron-überlasteten Dumpfbacken, bei denen die Zahl der Pferdestärken unter ihrer Motorhaube in umgekehrtem Verhältnis zur Zahl der Gehirnzellen unter ihrer Schädeldecke steht und die auch gern mal mitten in der Nacht lautstark durch Wohngebiete brettern, was die verchromten Auspuffe hergeben. In Hamburg und anderen Städten gibt es bereits Sondereinheiten der Polizei, die gegen solche Heinis gezielt vorgehen. Wäre auch was für Bremen!

Aber Aggression und unfaires Verhalten im Straßenverkehr müssen nicht immer mit zu viel Adrenalin hinterm Steuer zu tun haben. Es gibt auch das andere Extrem: SUV-Fahrer, die ihre allradgetriebenen Vehikel am liebsten über jedes Berliner Kissen und andere bauliche Verkehrsbehinderungsmaßnahmen hinweg tragen würden und jedes Mal davor fast anhalten. Echt auf die Palme bringen können mich auch Wohnwagen-Zieher und Lenker fetter Wohnmobile, die notorisch auf der linken oder mittleren Autobahnspur unterwegs sind.

"Phon-Pfosten"

Und dann gibt es die „Phon-Pfosten“ – Hirnis, die ihre Anlagen im Wagen so sehr aufdrehen, dass sie garantiert keine Verkehrsgeräusche oder gar die Sirenen nahender Rettungswagen mehr hören. Die damit dummerweise selbst nicht zu überhören sind. Gibt es in der Straßenverkehrsordnung eigentlich ein Verbot akustischer Umweltverschmutzung durch Fahrzeuge? Müsste dringend eingeführt werden. Vor allem im Sommer, wenn diese Pegel-Proleten einem den Schall durch geöffnete Seitenfenster noch direkter um die Ohren hauen.

Aber wer weiß? Vielleicht beherzigen diese Typen auch gerade einen Tipp zum konstruktiven Abbau von Aggressionen. Denn, kein Scherz, es soll helfen, laute Musik aufzudrehen und mitzuschreien. Aber doch nicht während der Fahrt, meine Güte!

Vielleicht wird sich die Situation im Straßenverkehr entspannen, wenn nur noch selbstfahrende Autos unterwegs sind. Als Reminiszenz an alte Zeiten könnte man ja virtuelle Stinkefinger programmieren, die sich die Navi-Computer gegenseitig auf's Display schicken.

Alle "Rabba regt sich auf"-Beiträge gibt es in unserem Dossier.

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