Tag der Genitalverstümmelung

Begegnung mit einer Beschneiderin

Weltweit sind laut der Weltgesundheitsorganisation WHO rund 200 Millionen Frauen von der Genitalverstümmelung betroffen. Ein Besuch bei einer 95-Jährigen in Gambia, die Tausende Frauen beschnitten hat.
04.02.2020, 20:33
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Von Philipp Hedemann
Begegnung mit einer Beschneiderin

Die Beschneiderin (95) mit ihren beiden Gehilfinnen Sonna Sambou (90) und Jontang Sarjo (80).

Philipp Hedemann

Es ist fünf Uhr morgens, als Kaddy geweckt und aus ihrem Dorf im westafrikanischen Gambia in einen Wald geführt wird. Nach einer Weile kommt sie an einen großen Baum. Darunter sitzen vier Frauen. In einer erkennt die Fünfjährige ihre Großtante Mariama. Die alte Frau ist eine berühmte Beschneiderin, die schon unzähligen Mädchen die Klitoris abgeschnitten hat. Kaddy wird ihr nächstes Opfer.

Am internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar erheben Kaddy und Frauen in aller Welt ihre Stimme gegen die Tradition, der nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit rund 200 Millionen heute lebenden Frauen zum Opfer gefallen sind.

Keine Sure des Korans fordert die Beschneidung

„Meine Tante breitete ein Tuch auf dem Boden aus. Die Frauen spreizten mir die Beine. Sie hielten mir die Arme und die Beine fest. Dann schnitt meine Tante mir mit einer Rasierklinge die Klitoris ab. Es tat wahnsinnig weh. Ich habe mein eigenes Blut gesehen und geschrien“, erinnert Kaddy sich an jenem Morgen vor knapp 35 Jahren. Vor allem in 30 afrikanischen, asiatischen und arabischen Ländern werden Mädchen und Frauen nach wie vor beschnitten. Nach Angaben der Vereinten Nationen waren im überwiegend muslimischen Gambia 2015 rund 75 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten, in manchen ländlichen Gebieten sogar über 95 Prozent. Meist berufen die Beschneiderinnen sich auf den Koran, dabei fordert keine einzige Sure der heiligen Schrift des Islams die Verstümmelung der weiblichen Genitalien.

Nach der Beschneidung wurde Kaddy auf einen Topf mit heißem Wasser gesetzt. Anschließend bestrich ihre Großtante die Wunde zwischen den Beinen mit einer zähen Tinktur, die sie aus den Blättern des Neem-Baumes gewonnen hatte. Die traditionelle Medizin soll die Schmerzen lindern und die Blutung stillen. Tatsächlich führt sie nicht selten zu gefährlichen Infektionen.

Doch Kaddy hatte Glück. Ihre Wunde entzündete sich nicht. Nach ein paar Tagen ließen die Schmerzen nach, und Kaddy sprach fast 20 Jahre nicht darüber, was ihre Großtante ihr unter dem großen Baum angetan hatte. Sie schwieg. So wie alle anderen. Kaddy kannte niemanden, der offen über Beschneidung sprach. Die alte Tradition infrage zu stellen, wäre einem Verrat an der eigenen Kultur, am eigenen Glauben, an der eigenen Familie und damit einem Verrat an allem, was in Gambia wichtig ist, gleichgekommen.

Höllische Schmerzen

Und doch gibt es auch in Gambia Frauenrechtlerinnen, Ärzte und Hebammen, die genau das tun. Kaddy traf sie erstmals, als sie als 23-Jährige in einem Krankenhaus arbeitete. Die Männer und Frauen erzählten ihr, dass die Beschneidungsnarben vielen Frauen während der Menstruation, beim Urinieren, beim Sex und bei der Geburt höllische Schmerzen bereiten, dass weltweit jedes Jahr Tausende Mädchen beim Eingriff verbluten oder Jahre später bei der Geburt an den Folgen sterben. Da die meisten Beschneiderinnen über keinerlei medizinische Ausbildung verfügen, kaum Ahnung von weiblicher Anatomie und Hygiene haben und zudem oft dasselbe Messer oder dieselbe Rasierklinge verwenden, besteht zudem die Gefahr, dass sie auf diesem Weg HIV, Hepatitis und andere Krankheiten übertragen.

Kaddy mit ihrer zweijährigen unbeschnittenen Tochter Nyma.

Kaddy mit ihrer zweijährigen unbeschnittenen Tochter Nyma.

Foto: Philipp Hedemann

Kaddys Großtante will diese Einwände nicht gelten lassen. „Ich war eine berühmte Beschneiderin. Keines der Mädchen, die ich beschnitten habe, ist gestorben oder krank geworden. Die Leute hatten großen Respekt vor mir. Sie kamen von weit her, um ihre Töchter von mir beschneiden zu lassen. Sogar aus dem Senegal. Teilweise waren sie tagelang zu Fuß unterwegs. Ich habe gut verdient“, sagt Mariama vor ihrer Hütte in einem Dorf im Süden Gambias, das nur über eine holprige Piste zu erreichen ist. Wenn sie von ihrer Zeit als Beschneiderin erzählt, glänzen die Augen der zierlichen Frau mit den langen schlanken Fingern. Sie sagt, dass sie 95 Jahre alt sei und nicht wisse, wie vielen Mädchen sie die Klitoris abgeschnitten habe, aber Tausende dürften es wohl gewesen sein.

Ende nach über 50 Jahren

Vor fünf Jahren gab sie ihre Arbeit nach über 50 Jahren auf. Unfreiwillig! Kurz bevor ein neues Gesetz 2015 die weibliche Genitalverstümmelung in Gambia verbot, wurde die alte Frau in ihrem Dorf von einer ehemaligen Beschneiderin besucht. Sie kam in Begleitung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der „SOS-Kinderdörfer weltweit“. Gemeinsam erklärten sie Mariama, die nie lesen und schreiben gelernt hatte, welche verheerenden gesundheitlichen und psychischen Folgen eine Beschneidung haben kann und dass nirgendwo im Koran stehe, dass Mädchen beschnitten werden müssten.

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Die alte Frau zu überzeugen, dass das, was sie mehr als die Hälfte ihres langen Lebens gemacht hatte, plötzlich falsch sein solle, war nicht einfach. Schon ihre Mutter und Großmutter waren Beschneiderinnen gewesen. „Ich habe das, was ich getan habe, nie hinterfragt. Ich habe es getan, weil wir es immer getan haben. Wir haben die Mädchen beschnitten, um ihre Lust zu kontrollieren. Heute werden die unbeschnittenen Mädchen doch oft viel zu früh schwanger. Sie sind unrein und ihrem Mann oft nicht treu. Darum ist es immer noch schwer, eine unbeschnittene Tochter zu verheiraten“, behauptet Mariama. Dass sie mit den Eingriffen, die unter äußerst unhygienischen Verhältnissen und ohne Narkose stattfanden, nicht nur Kaddy, sondern vielen Mädchen sehr wehgetan hat, leugnet die alte Frau nicht. „Ja, klar tut es den Mädchen weh, wenn man ihnen etwas abschneidet“, sagt die alte Frau und schmunzelt. „Aber wenn man sich in den Finger schneidet, tut es ja auch weh“, schiebt sie hinterher. Zwar hätten die schreienden Mädchen ihr zunächst leidgetan, aber sie habe sich bald daran gewöhnt. Schlaflose Nächte oder ein schlechtes Gewissen hätten die Schreie der Mädchen ihr nie gemacht. „Ich wusste ja, dass das, was ich tat, getan werden musste“, sagt sie, während Kaddy zuhört.

Gesetz verhindert eine Rückkehr zum alten Beruf

Als ihre Großtante sie vor rund 35 Jahren verstümmelte, spürte Kaddy neben höllischen Schmerzen auch eine ungeheure Wut auf die Frau, der sie bis dahin blind vertraut hatte. Heute hat Kaddy ihr vergeben. „Ich klage niemanden an. Was meine Tante getan hat, hat sie in der Überzeugung getan, das Richtige zu tun. Sie wusste es nicht besser“, sagt die 39-Jährige. Um Mariama eine alternative Einkommensquelle zu schaffen und so zu verhindern, dass sie aus materieller Not in ihren alten Beruf zurückkehrt, stattete „SOS Kinderdörfer weltweit“ die ehemalige Beschneiderin mit einem Startkapital aus. Seitdem arbeitet sie als Salzverkäuferin auf dem Markt. Die Geschäfte laufen gut, sagt Mariama. Allerdings macht sie auch keinen Hehl daraus, dass sie nicht aus Überzeugung, sondern aus Zwang ihren alten Beruf aufgegeben hat und dass sie das Gesetz für einen Fehler hält.

Als Aktivistin und Frauenrechtlerin hat Isatou Touray jahrzehntelang für genau dieses Gesetz gekämpft. „Wer wie ich selbst Opfer dieser grausamen Tradition geworden ist, weiß, dass es sich dabei nicht nur um einen harmlosen Schnitt handelt. Es geht um nichts anderes als die Verstümmelung eines weiblichen Organs. Es ist der Versuch der männlichen Kontrolle des weiblichen Körpers und der Unterdrückung der weiblichen Sexualität“, sagt die Feministin, die seit zweieinhalb Jahren Vizepräsidentin ihres Landes ist. In ihrer neuen einflussreichen Position will sie dafür sorgen, dass das neue Gesetz auch strikt durchgesetzt wird. „Ich hoffe, dass ich es noch erleben kann, dass in diesem Land kein einziges Mädchen mehr heimlich beschnitten wird“, sagt die Politikerin.

Sicher ist das keineswegs. Denn es gibt in Gambia viele Frauen wie die 95-jährige Mariama. „Jede Generation hat ihre eigenen Regeln. Das akzeptiere ich“, sagt die ehemalige Beschneiderin. Dann fügt sie hinzu: „Aber würden sie das neue Gesetz zurückziehen, würde ich morgen wieder anfangen. Ich weiß noch genau, wie es geht. Ich bereue überhaupt nichts.“

Info

Zur Sache: Zwölfjährige gestorben

Ein zwölfjähriges Mädchen ist in der vergangenen Woche in Ägypten an den Folgen einer Genitalverstümmelung gestorben. Die Staatsanwaltschaft habe die Verhaftung des Arztes angeordnet, der das Ritual mutmaßlich an dem Mädchen durchgeführt hatte, berichtete eine ägyptische Zeitung. Auch die Eltern und ein Onkel des Mädchens aus der Provinz Assiut seien in Gewahrsam genommen worden. Die Zwölfjährige war nach Komplikationen durch den Eingriff gestorben, wie der Nationale Rat für Frauen mitteilte. Genitalverstümmelungen bei Frauen sind in Ägypten seit 2008 gesetzlich verboten. Dennoch werden gerade in ländlichen Regionen immer noch Beschneidungen bei jungen Mädchen in dem Land durchgeführt.

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