Hamburg startet Projekt Beim Arzt: Flüchtlinge bekommen Video-Dolmetscher

In zehn Hamburger Erstaufnahmeeinrichtungen können Dolmetscher jetzt per Video im Arzt-Container zugeschaltet werden. So sollen sich die Mediziner mit Flüchtlingen besser verständigen können.
09.02.2016, 00:00
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Beim Arzt: Flüchtlinge bekommen Video-Dolmetscher
Von Markus Lorenz

In zehn Hamburger Erstaufnahmeeinrichtungen können Dolmetscher jetzt per Video im Arzt-Container zugeschaltet werden. So sollen sich die Mediziner mit Flüchtlingen besser verständigen können.

Wenn Arzt und Patient nicht dieselbe Sprache sprechen, wird Heilung schwierig. Zu diese Erkenntnis kommen Mediziner in diesen Monaten häufig bei der Betreuung der vielen Flüchtlinge, auch in Hamburg. Dank technischer Hilfe soll die Kommunikation mit Asylbewerbern künftig deutlich besser werden. Zehn Erstaufnahmeeinrichtungen der Stadt erhalten Videoanlagen, über die Dolmetscher live in die Sprechstunde zugeschaltet werden. „Eine riesige Erleichterung“, freute sich Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) gestern bei der Vorstellung des Projekts. „Sprache ist auch in der medizinischen Versorgung der entscheidende Schlüssel, um Symptome zu erkennen, die Vorgeschichte einer Erkrankung zu erfahren, die richtige Behandlung einzuleiten und zu erklären.“

In Hamburg stehen fortan für die allgemeinmedizinischen Sprechstunden in Flüchtlingsunterkünften zehn Container mit integriertem Video-Dolmetscher-System zur Verfügung. Refugee First Response Center (RFRC) nennen die Macher die speziell ausgestatteten 30-Fuß-Boxen, die außer Behandlungsliege, Medizinschrank und Wartebereich auch über Netzwerk- und HD-Videokomponenten verfügen. Dolmetscher können so in Bild und Ton live am Arzt-Patient-Gespräch teilnehmen.

50 verschiedene Sprachen

Die Übersetzer sitzen dabei irgendwo in Europa, ihr Gesicht erscheint nach Herstellung der Leitung auf einem großen Monitor im Video-Container. Zugleich sieht der Dolmetscher über eine am Monitor befestigte Kamera den behandelnden Arzt. „Für intime Situationen, etwa beim Entkleiden des Patienten, wird das Bild abgeschaltet werden“, erläuterte Peter Merschitz, Chef der SAVD Videodolmetscher GmbH aus Wien. Die Österreicher sind Kooperationspartner im Hamburger Projekt. Sie decken mit einem Bestand von etwa 700 Dolmetscher die 50 gängigsten Sprachen ab – von Englisch bis Albanisch, von Arabisch bis Urdu. „Das entspricht rund 95 Prozent der Sprachen, die in der Flüchtlingsbetreuung gebraucht werden“, sagt Rico Schmidt, Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde.

Seit drei Monaten wird ein Prototyp des Dolmetscher-Containers erfolgreich in der Zentralen Erstaufnahme am Rugenbarg getestet. 40 bis 50 mal im Monat werden dort Übersetzer aus der Ferne hinzugezogen, mit Abstand am häufigsten für Arabisch und für Farsi, die Sprache Afghanistans. Entstanden war der erste Container dank der ehrenamtlichen Initiative der beiden Cisco-Manager Mirko Bass und Martin Kroeger. Bass: „Wir wollten einfach helfen. Und Netzwerk ist das, was wir können.“ Der US-IT-Riese holte weitere Beteiligte ins Boot, außer Hightech-Firmen auch das Uniklinikum Eppendorf, das Gesundheitsamt Altona, das DRK und eben die Wiener Dolmetscher-Spezialisten. Die technischen Feinarbeiten erfolgten in einem Hightech-Labor in der Hafencity, wo Cisco am Projekt eines vernetzten Hamburgs unter dem Titel „Strategie Digitale Stadt“ feilt.

Auch Bremer Sozialzentren haben Videodolmetscher

Finanziert wird das Vorhaben mit 900 000 Euro aus der Stiftung von ECE-Chef Alexander Otto und seiner Ehefrau Dorit. Eingeschlossen sind auch zehn Wartezimmer-Container. Die Kosten für die der Dolmetscher-Leistungen und anfallende Leitungsgebühren trägt die Stadt. Stiftungschefin Dorit Otto: „Die Förderung medizinischer Projekte ist eines der zentralen Anliegen unserer Stiftung. Die Medizincontainer führen zu einer deutlichen Optimierung der aktuell provisorischen Behandlungsbedingungen vor Ort.“

Auch in Bremen werden Videodolmetscher eingesetzt, aber nicht in der Gesundheitsversorgung sondern in den Sozialzentren der Stadt. Wenn dort jemand um Hilfe oder Beratung bittet, der kein Deutsch spricht, haben die Sachbearbeiter seit etwa drei Monaten die Möglichkeit, einen Videodolmetscher in Anspruch zu nehmen. „Das hat sich gut bewährt, unsere ersten Erfahrungen sind sehr positiv“, sagte Behördensprecher Bernd Schneider.

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