Wetter: Nebel, 11 bis 16 °C
Linken-Kandidatin Doris Achelwilm im Porträt
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Die Quereinsteigerin

Sara Sundermann 01.09.2017 0 Kommentare

Bundestagswahlkampf 2017 - Doris Achelwilm - die Linke
Tomaten anbauen im Bremer Westen: Doris Achelwilm verbringt am Wochenende gerne Zeit auf ihrer Parzelle in Findorff. (Frank Thomas Koch)

Noch ist der Bundestag in Berlin weit weg, zumindest an diesem Nachmittag. Da erntet Doris Achelwilm Salat in ihrem Kleingarten im Bremer Westen. Die Spitzenkandidatin der Bremer Linken pflückt die Blätter, direkt neben den knallroten Mangold-Stängeln. Was das für Salat ist? „Das weiß ich auch nicht genau“, sagt Achelwilm. „Ich bin keine große Botanikerin, die jede Pflanze genau bestimmen kann.“

Mehr zum Thema
Das Wichtigste aus Bremer Sicht: So funktioniert die Bundestagswahl 2017
Das Wichtigste aus Bremer Sicht
So funktioniert die Bundestagswahl 2017

Am 24. September ist die Bundestagswahl. In Bremen gibt es dann zusätzlich noch einen ...

 mehr »

Die Linken-Politikerin hat zusammen mit ihrem Lebensgefährten eine Parzelle in Findorff. Dort rankt Wein, wachsen Haselnuss-Sträucher und Johannisbeeren, dort baut Doris Achelwilm Gemüse an. „Zuletzt hatten wir eine Zucchini-Schwemme, da habe ich das Büro der Linken mitversorgt“, sagt sie. Weit hat sie es von ihrer Wohnung in Walle nicht hierher, doch in den vergangenen Wochen war sie seltener im Kleingarten: Der Wahlkampf erfordert viel Organisation, Parteitreffen, Vorbereitung von Diskussionsveranstaltungen. „Es gibt schon einige lange Tage“, sagt sie, manchmal habe der Wahlkampf um 8 Uhr begonnen und endete erst nach Mitternacht.

Erst Presse-, dann Landessprecherin

Achelwilms Weg in die Politik ist ungewöhnlich. Sie hat keine klassische Parteilaufbahn hingelegt, sie ist keine Frau, die schon früh der Jugendorganisation der Linken beitrat und dann Karriere machte. Alles fing an auf einem Science-Fiction-Kongress im Bremer Kulturzentrum Paradox. Dort war sie als Referentin eingeladen und sprach über den Einsatz von Musik in Science-Fiction-Filmen. Der Kongress wurde von einem Bremer Linken-Politiker organisiert – so kam Achelwilm in Kontakt mit der damals noch jungen Partei, die 2007 aus der Fusion der ostdeutschen PDS und der WASG entstanden war.

Mehr zum Thema
Bundestagswahl 2017: Die Wahlprogramme der Parteien im Überblick
Bundestagswahl 2017
Die Wahlprogramme der Parteien im Überblick

Die Plakate hängen, der Wahlkampf ist eröffnet: Am 24. September steht in Deutschland die ...

 mehr »

Zunächst arbeitete Achelwilm für drei Monate als Aushilfe für Öffentlichkeitsarbeit im Wahlkampf der Linken. Doch beim kurzzeitigen Flyer-Produzieren für die Partei blieb es nicht: Achelwilm wurde Pressesprecherin der neuen Linksfraktion in der Bürgerschaft, die sich anfangs erst einmal zusammenraufen musste. Später wählten die Linken sie zur Landessprecherin, sie wurde Bremer Landesvorsitzende der Partei. Gemeinsam mit Felix Pithan ist sie es bis heute.

Achelwilm will Birgit Menz ablösen

Seit vergangenem Jahr richtet Achelwilm nun den Blick nicht nur auf Bremen, sondern auch auf Berlin. Dort will sie die derzeitige Bundestagsabgeordnete Birgit Menz ablösen. Die war von Bremen ins Berliner Parlament nachgerückt, nachdem Agnes Alpers aus gesundheitlichen Gründen dort ausschied. Die Bremer Linken nominierten Achelwilm im Februar als Spitzenkandidatin.

Mehr zum Thema
Volksentscheide auf Bundesebene: Politiker fordern bessere politische Bildung
Volksentscheide auf Bundesebene
Politiker fordern bessere politische Bildung

SPD und Grüne, Die Linke sowie die FDP in Bremen wollen sich dafür einsetzen, dass die Bürger bei ...

 mehr »

Wer ist Doris Achelwilm? Die heute 40-Jährige kommt aus Niedersachsen. Sie wuchs auf dem Land auf, in einem Dorf im Osnabrücker Land, auf dem Bauernhof ihrer Eltern. Sie studierte Sprachwissenschaften, Geschichte und Politik in Hannover und jobbte währenddessen. Unter anderem arbeitete sie als Studentin für die Gleichstellungsbeauftragte der Uni Hannover. Hauptberuflich in die Politik zu gehen, das hatte sie ursprünglich als berufliches Ziel nicht auf dem Zettel: „Ich habe mich zwar politisch engagiert, aber jenseits von Parteien und Gewerkschaften, ich sah mich eher als Kulturjournalistin“, erzählt Achelwilm.

"Ich glaube nicht an schwarze Pädagogik"

Sie wollte über Musik und Popkultur schreiben. „Und das habe ich dann auch gemacht“, sagt Achelwilm. Sie schrieb für die Spex, für die Musikzeitschrift, die als eines der Hauptorgane in Deutschland für Pop- und Subkultur gilt. Achelwilm verfasste aber auch Artikel für so unterschiedliche Presseorgane wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Jungle World, sie interviewte Bands und Musikerinnen wie Die Sterne, PJ Harvey oder die Goldenen Zitronen.

Nun schreibt sie keine Musik-Kritiken mehr, sondern ist in den Wahlkampf eingestiegen. In Berlin will sie sich gegen soziale Ungleichheit und für mehr Umverteilung einsetzen. Konkret heißt das für sie: Hartz IV abschaffen und auch die Sanktionen, die drohen, wenn Sozialleistungsempfänger einen Job nicht annehmen wollen. Ein System ganz ohne Druck, kann das funktionieren? Gerade in einem Bundesland wie Bremen, wo es viele Langzeitarbeitslose gibt, wo zum Teil mehrere Generationen einer Familie nie einen normalen Job hatten? „Ich glaube nicht an schwarze Pädagogik“, sagt Achelwilm. Der Kampf gegen Arbeitslosigkeit funktioniere nicht mit Druck. „Das muss über Bildung und Teilhabe erfolgen, wir dürfen die Schulen in abgehängten Stadtteilen nicht auf Sparflamme halten. Doch die Bundesregierung hält am Sanktionsregime fest und verschärft es sogar noch.“

Achelwilm: Gegen eine Obergrenze, für legale Fluchtwege

Kritik an der großen Koalition also. Kritik an Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht dagegen hört man von Achelwilm auf Nachfrage nicht. Dabei sorgten Wagenknechts Äußerungen zur Flüchtlingspolitik innerhalb der Linken durchaus für Debatten und wurden als „Fischen am rechten Rand“ attackiert. Wagenknecht habe das anders gemeint, als sie verstanden worden sei, sagt Achelwilm und benennt ihre eigene Position dazu: „Ich bin nicht für eine Obergrenze bei der Zahl von Flüchtlingen, es muss legale Fluchtwege geben.“ Gebraucht würden eine solidarische Politik und mehr Mittel für die öffentliche Infrastruktur, um die Flüchtlingsaufnahme zu bewältigen.

Damit sie in den Bundestag kommt, müsste die Linke zehn Prozent in Bremen erreichen und rund neun Prozent bundesweit, schätzt Achelwilm. Wie viel Prozent genau nötig sind, ist selbst für die Kandidaten schwer berechenbar geworden – das Wahlrecht ist komplex. Falls Achelwilm ein Mandat bekommt, will sie nicht nach Berlin ziehen. „Mein Freund und ich sind hier eng verwurzelt“, sagt sie und zeigt auf die Parzelle. Viele Bundestagsabgeordnete pendeln zwischen Hauptstadt und Heimat, sie müssen vor allem während der Sitzungswochen in Berlin sein. „Die meisten haben eine kleine Zweitwohnung in Berlin“, sagt Achelwilm. Von der beschaulichen Bremer Parzelle ins Hauptstadtgetümmel, ein ganz schöner Kontrast. Achelwilm sieht das anders: „Berlin hat ja sogar noch mehr Kleingärten als Bremen.“

Die Direktkandidaten der Linken

Die Bremer Linkspartei hat verschiedene Personen für den Bundestagswahlkampf aufgestellt: Doris Achelwilm kandidiert auf Platz eins der Landesliste, die derzeitige Bundestagsabgeordnete Birgit Menz auf Platz zwei. Sebastian Rave und Nelson Janßen treten als Direktkandidaten für die beiden Wahlkreise an, in die Bremen unterteilt ist.

Wer sind die Direktkandidaten der Linkspartei? Sebastian Rave, der für den Wahlkreis Bremen I (Bremer Südosten und Mitte) antritt, ist im Vorstand der Bremer Linken und Vertreter des besonders linken Parteiflügels. Er begreift sich selbst mehr als Aktivist denn als Politiker und kann sich – im Gegensatz zur Linken-Fraktionschefin Kristina Vogt – nicht vorstellen, dass die Linke in Bremen als Teil einer Koalition mit der SPD oder mit SPD und Grünen regieren könnte.

Der 35-Jährige ist selbständiger Mediendesigner, beschreibt sich als Marxist und ist bei der Linken Sprecher für Antifaschismus und Antirassismus. "Wir glauben, dass die Macht der Banken und Konzerne gebrochen werden kann. Dass der enorme Reichtum der Gesellschaft allen gehören sollte", so beschreibt Rave seine Ziele. "Das nennen wir Sozialismus."

Nur Achelwilm hat realistische Chance

Für den Wahlkreis Bremen II (Bremer Westen, Norden und Bremerhaven) tritt Nelson Janßen an. Der 26-jährige Politikstudent ist Bürgerschaftsabgeordneter, kommt aus Bremerhaven und ist Sprecher der Partei für Armutsbekämpfung, Umwelt- und Energiepolitik. Bevor er in Bremen und Bremerhaven Politik machte, war er das jüngste Mitglied im Rat der Stadt Haan in der Nähe von Wuppertal, wo er zur Schule ging: Er wurde als 19-Jähriger Ratsmitglied. Janßen will sich für eine bessere Bildung, mehr Gleichberechtigung und Integration einsetzen. Rüstungsexporte und Auslandseinsätze der Bundeswehr lehnt er ab.

Eine realistische Chance, in den Bundestag einzuziehen, wird aber nur Doris Achelwilm zugesprochen. Die kleineren Parteien wie Linke und FDP haben vor allem über die Zweitstimme (Parteistimme) eine Chance auf ein Mandat. Wichtig ist also bei der Bremer Linken vor allem, wer auf Platz eins der Landesliste steht.

Der Grund: Ein Direktmandat über die Erststimmen (Personenstimmen) kann ein Kandidat nur erringen, wenn er mehr Erststimmen erzielt als seine Konkurrenz (relative Mehrheit). Das zu schaffen, ist für die kleineren Parteien schwierig.

Serie: "Bremer Spitzenkandidaten"

In unserer Serie "Spitzenkandidaten der Bremer Parteien" stellen wir die Kandidaten von SPD, CDU, FDP, Linken, Grünen und AfD in persönlichen Porträts vor:


Stimmzettel

Schauen Sie sich schon vor der Wahl die Stimmzettel für die beiden Bremer Wahlkreise an.

WESER-KURIER Talks
Aktuelle Umfragewerte
Direktwahlfrage