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FDP-Spitzenkandidatin Lencke Steiner im Porträt
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Die Unkonventionelle

Kristin Hermann 15.09.2017 1 Kommentar

Bundestagswahlkampf 2017 - Lencke Steiner FDP
Auf der Wümme ist FDP-Spitzenkandidatin Lencke Steiner zu Hause. Hier paddelte sie als Kind oft  mit ihren Freunden. (Frank Thomas Koch)

Als Kind ist Lencke Steiner diese Route oft gepaddelt. Entlang der Wümme reiht sich eine Villa an die andere. Hier ist die 32-Jährige groß geworden. Zu jedem dieser Häuser kann sie auch Jahre später noch eine Geschichte erzählen. Viele der Nachbarn sieht Steiner noch immer regelmäßig, wenn sie ihre Eltern in Borgfeld besucht. Kurz hinter dem Haus der Wischhusens, an dem alten Schleusenhäuschen, hat sie ihren ersten Kuss bekommen. 

Zeit für ausgedehnte Ausflüge ins Grüne hat Lencke Steiner momentan eigentlich nicht. Für den Bundestag kandidiert sie auf Platz eins der Bremer FDP-Landesliste und geht deshalb Wege, die viele ihrer Kollegen nicht gehen. Damit eckt die 32-jährige Unternehmerin auch gerne einmal an. Steiner hat kein Problem damit, offen über sich und ihr Privatleben zu sprechen. Anders als andere Bremer Spitzenkandidaten scheut sie deshalb auch keine Interviews für Frauenzeitschriften oder Fernsehformate von Privatsendern, wo sie von ihrer Zeit als Jurorin in der Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“ profitiert. „Ich kann nicht erwarten, dass jeder die Frankfurter Allgemeine oder die Wirtschaftswoche liest„, sagt sie. Wenn man möglichst viele Menschen erreichen will, muss man auch andere Formate miteinbeziehen.“

Kritik: Inhaltsleere Aussagen?

In der Bremischen Bürgerschaft hatte man in den vergangenen Debatten den Eindruck, dass einige Abgeordnete diese Einschätzung nicht teilen. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir das nicht gegönnt wird, und das finde ich schade“, sagt Steiner. Kritiker werfen ihr inhaltsleere Aussagen vor, mit denen sie sich ausschließlich für den Wahlkampf profilieren wolle. Steiner hält das für Wahlkampfgetöse. Sie engagiere sich für bildungspolitische Themen und Fragen der inneren Sicherheit. Dahinter stehe sie. „Viele vergessen, dass wir nur sechs Abgeordnete in der Fraktion sind und jeder von uns mehrere Themen übernehmen muss.“ 

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Politik, das ist für Steiner noch nicht sehr lange ein Thema in ihrem Leben. Eigentlich führt sie zusammen mit ihrem Vater die Geschäfte des familieneigenen Unternehmens W-Pack Kunststoffe, in dem sie auch ihre Ausbildung absolvierte. Im Anschluss studierte sie Betriebswirtschaftslehre an der Privaten Hochschule für Wirtschaft und Technik Vechta und war Bundesvorsitzende des Wirtschaftsverbandes „Die Jungen Unternehmer“. Von FDP-Urgestein Horst-Jürgen Lahmann ließ sie sich zur Kandidatur überreden und führte 2015 die FDP zurück in die Bremische Bürgerschaft. Erst am Wahlabend trat Steiner in die Partei ein.

Reicht ihr Bremen nun schon nicht mehr? Das will Steiner so nicht gelten lassen. Um in den Bundestag einzuziehen, brauchen die Liberalen etwa zehn Prozent in Bremen – ein ambitioniertes Ziel, wie die Unternehmerin selbst weiß. Für sie sei dieser Weg jedoch nur konsequent. „Katja Suding in Hamburg und ich in Bremen haben unter anderem dafür gesorgt, dass die FDP wieder Teil der politischen Landschaft ist. Da ist Berlin nur der nächste logische Schritt“, sagt die 32-Jährige. 

Digitale Medien und ein lässiges Auftreten

Doch was passiert dann mit der Bremer FDP-Bürgerschaftsfraktion? Die Partei lässt von Steiner nahezu alle Inhalte verkaufen. Während der Wahl zur Bürgerschaft 2015 hatte die FDP ihren kompletten Wahlkampf auf Steiner fokussiert, und auch jetzt sieht man sie von allen Plakaten der Stadt lächeln. Steiner sieht das Problem: „Nicht jeder kann Verkäufer sein“, sagt sie. Doch sie glaubt daran, dass die Fraktion auch ohne sie eine Zukunft hat. „Den Spirit hat mittlerweile eigentlich jeder verinnerlicht, und wir haben viele Nachwuchspolitiker bei den Jungen Liberalen aufgebaut.“ 

Mit dem „Spirit“ meint Steiner die Art, wie sie und ihre Fraktion Inhalte an den Wähler bringen wollen. Sie tragen damit den Kurs des FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner mit. Die Partei setzt im Wahlkampf vor allem auf digitale Medien und gibt sich auf ihren Wahlplakaten betont lässig. Dort sieht man Lencke Steiner im Kapuzenpullover. Die Fotos unterscheiden sich deutlich von denen der anderen Parteien und könnten auch in Hochglanzmagazinen abgedruckt werden. Lencke Steiner nennt sie authentisch. 

Die FDP will das festgelegte Renteneinstiegsalter abschaffen. „Ob 63, 67 oder sogar 70 – starre Altersgrenzen für den Renteneintritt werden den verschiedenen Lebensentwürfen längst nicht mehr gerecht“, schreibt die Partei in ihrem Wahlprogramm. Daher soll künftig die einfache Regel gelten: „Ab 60 entscheidet jeder selbst, wann er in Rente geht.“ Die Liberalen fügen allerdings hinzu: „Wer früher in Rente geht, bekommt eine geringere, wer später geht, eine höhere Rente.“ Damit die Beitragssätze in Zukunft aufgrund des demografischen Wandels nicht explodieren, will die FDP die betriebliche und private Altersvorsorge attraktiver machen. Jeder Arbeitnehmer soll sich seine individuelle Altersvorsorge nach dem "Baukastenprinzip" zusammenstellen können.
Die FDP spricht sich für die Leiharbeit aus, sie möchte weder Zeitarbeitsverträge noch Befristungen weiter einschränken. Für einen flexiblen Arbeitsmarkt und als berufliche Einstiegschance sei Leiharbeit wichtig, so steht es im Wahlprogramm. Die Freidemokraten fordern einen Neuanfang in der Förderung von Langzeitarbeitslosen: "Konkret sollen die finanziellen Leistungen von Bund und Kommunen (Arbeitslosengeld II, Kosten der Unterkunft und Heizung, Krankenversicherungsbeitrag) mit einem produktivitätsgerechten Lohn des Arbeitgebers kombiniert werden. Für den bisher Arbeitslosen bedeutet das einen Job und mehr Einkommen als zuvor." Die Minijob-Grenze soll von gegenwärtig 450 Euro auf 530 Euro angehoben werden.
Die FDP will den Bürgern das Recht geben, sich unabhängig vom Einkommen in einer privaten oder einer gesetzlichen Krankenkasse zu versichern. Dazu sollen auch die Wechselmöglichkeiten zwischen den beiden Modellen vereinfacht werden. Der Wettbewerb zwischen den gesetzlichen Kassen soll wieder verstärkt werden, sie sollen mehr Freiheiten bei der Festsetzung von Tarifen bekommen, etwa durch die Einführung von Selbstbehalten des Verbrauchers. Ein Verbot des Versandhandels für verschreibungspflichtige Medikamente, wie ihn die Union fordert, lehnen die Liberalen ab.
Bei der Bekämpfung der Wohnraum-Misere setzt die FDP vor allem auf die Kräfte des Marktes. Die Mietpreisbremse soll abgeschafft werden. Zur Begründung heißt es: "Denn sie ist tatsächlich eine Wohnraumbremse, weil sie Investitionen in mehr Wohnraum verhindert." Die Partei will den Neubau von Wohnungen attraktiver machen und zum Beispiel die jährliche Abschreibungsrate für Gebäude von zwei auf drei Prozent erhöhen. Die FDP sieht den sozialen Wohnungsbau kritisch. Statt "Objektförderung" solle die „Subjektförderung“ gefördert werden – also das Wohngeld für Bedürftige.
Fotostrecke: Das Wahlprogramm im Check: die FDP

Im Bundestag will die 32-Jährige dafür sorgen, dass Bremen den Stempel von Armut und Bildungsferne verliert. „In der Stadt sind viele erfolgreiche Unternehmen angesiedelt, und die Lebensqualität ist unheimlich hoch, doch das wissen nur wenige Leute“, sagt sie. Von Bremen ist Steiner nie so richtig weggekommen. Zwar sei sie auch oft in Frankfurt, wo ihr Mann, der Unternehmer Philippe Steiner, lebt, doch wirklich verlassen könne sie Bremen nicht, sagt sie. Auch ihre potenzielle Arbeit in Berlin wäre deshalb nur ein Abschnitt auf Zeit. 

Die Familie ist ihr wichtig

So oft es geht, versucht Steiner, in Borgfeld vorbeizuschauen. Das gute Verhältnis zu ihrer Familie sei ihr besonders wichtig. „Ich brauche das einfach“, sagt sie. Jahrelang ist Steiner geritten – doch vor einiger Zeit habe sie ihr Pferd verkaufen müssen. Es sei nicht mehr mit ihren vielen Verpflichtungen vereinbar gewesen. Wenn sie sich nun entspannen will, ist sie mit ihrem Mann oft in der Natur unterwegs: zum Kanufahren, Klettern oder für eine Fahrradtour. Unter der Woche hält sich die 32-Jährige mit Yoga fit – meistens allein in ihrer Wohnung in der Überseestadt. 

Wenn sie zur Ruhe kommt, sagt Steiner, werde ihr auch bewusst, dass sie sich eigentlich viel älter fühle, als sie eigentlich ist. „Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich manchmal gar nicht glauben kann, wie viel Verantwortung ich eigentlich mit 32 schon habe“, sagt sie. Sie wolle „ein kleines Stück von mir auf der Welt zurücklassen“. Ob sie das dauerhaft mit Politik erreichen könne, wisse sie nicht. „Aber im Moment fühlt es sich richtig an.“ 

Serie: "Bremer Spitzenkandidaten"

In unserer Serie "Spitzenkandidaten der Bremer Parteien" stellen wir die Kandidaten von SPD, CDU, FDP, Linken, Grünen und AfD in persönlichen Porträts vor:

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