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Grünen-Kandidatin Kirsten Kappert-Gonther
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Verliebt in den Cha-Cha-Cha

Antje Stürmann 04.09.2017 3 Kommentare

Bundestagswahlkampf 2017 Kirsten Kappert-Gonther - Bündnis 90 die Grünen
Kirsten Kappert-Gonther und ihr Ehemann Uwe Gonther entspannen beim Foxtrott in der Tanzarena. (Frank Thomas Koch)

Hinter den offenen Fenstern im zweiten Stock donnern lateinamerikanische Rhythmen; von unten ist nicht zu sehen, ob dort die Ex-Weltmeister von Grün-Gold an ihrer Performance feilen. Eine Etage darüber, das ist sicher, schwingt an diesem Abend die Spitzenkandidatin der Grünen das Tanzbein. Nach einem anstrengenden Tag legt sie ihre Hand in die ihres Mannes.

Ihre Füße folgen mit Bedacht den Schritten von Uwe Gonther. Kirsten Kappert-Gonther dreht sich. Sie lächelt. Die 50-Jährige möchte ihre Sache gut machen. Und das heißt momentan: möglichst viele Bremer von der grünen Idee überzeugen und die Stammwähler bei der Stange halten. „Jede Stimme zählt“, sagt die Direktkandidatin für Bremen-Stadt.

Die Tanzstunde in der Tanzarena an der Wandschneiderstraße beginnt mit einem Foxtrott. Das Ehepaar Gonther hat schon ein paar mehr Schritte drauf als die anderen sechs Paare, die sich auf dem Stäbchenparkett unter der glitzernden Diskokugel drehen.

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Vor zehn Jahren haben sie einen Anfängerkurs belegt, um beim Abtanzball der Tochter nicht total „abzuloosen“. Seit vier Jahren tanzen sie einmal wöchentlich in der Tanzarena – dort, wo auch die Sportler von Grün-Gold trainieren. „Das ist ein Treffen mit Freunden“, sagt Kirsten Kappert-Gonther. Man quatsche miteinander und bewege sich beim Tanzen. „Hier sind alle beruflich sehr eingespannt.“

Eingespannt, das ist auch Kirsten Kappert-Gonther. Die Ärztin und Psychotherapeutin ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft, Mitglied der Gesundheits- und der Kulturdeputation. Kappert-Gonther engagiert sich auch im Vorstand der Theaterfreunde und im Ausschuss für die Gleichstellung der Frau.

Ein hohes Arbeitsethos

Sie ist Mitglied in den Stiftungsräten des Focke-Museums, im Vorstand der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und im Vorstand des Kunstvereins. Reden vorbereiten, Ideen haben, auf dem neuesten Stand sein. Kappert-Gonther arbeitet fast rund um die Uhr. Dazu jetzt der Wahlkampf.

„Sie hat ein hohes Arbeitsethos und muss aufpassen, dass sie nicht zu viel macht“, sagt ihre gute Freundin und Parteikollegin Anne Schierenbeck. „In der Politik gibt es keinen Feierabend, und die Auseinandersetzungen kosten Kraft.“ Zumal Kirsten Kappert-Gonther mit ganzer Seele dabei ist. „Die Arbeit macht mir total viel Spaß“, sagt die gebürtige Hessin.

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Kappert-Gonther will den Menschen genau zuhören, in sie hineinfühlen und ihnen die Sorgen nehmen, indem sie Kompliziertes verständlich macht. Anne Schierenbeck sagt, Kappert-Gonther sei unheimlich wertschätzend, habe andere Menschen im Blick und könne sehr gut ausdrücken, was gut gelaufen sei. Einer ihrer Lieblingssprüche sei: zuerst an die eigene Nase fassen; schauen, was man selber zur Lösung beitragen kann.

Die Älteste von drei Geschwistern hat ein gutes Bewusstsein für ihre Stärken. Sie hat sich bereits als Schülersprecherin, im Allgemeinen Studierendenausschuss der Philipps-Universität Marburg und als Leiterin einer Reha-Einrichtung für psychisch Kranke durchgesetzt. Und sie sagt klar, was sie von den Menschen erwartet.

"Wir sind ein eingespieltes Team."

Im Saal lässt sie sich gerade von der Musik wegtragen. Die Gedanken an die Politik und an die Rede am nächsten Morgen in der Deputation – Nebensache. Keine Verantwortung tragen. Nur bewegen. „Ich liebe es, mit meinem Mann zu tanzen“, sagt sie. „Wir sind ein eingespieltes Team.“ Seit 30 Jahren bilden die beiden ein Paar.

„Mein Mann unterstützt mich sehr“, sagt Kirsten Kappert-Gonther. „Er sorgt zurzeit dafür, dass wir saubere Wäsche im Schrank haben.“ Die Gonthers haben zwei erwachsene Kinder. Ihre 26-jährige Tochter wird in wenigen Wochen das Medizinstudium abschließen und zum praktischen Jahr zurück nach Bremen kommen. Der 24 Jahre alte Sohn studiert Schauspiel in Frankfurt/Main.

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Im Oktober beendet auch er sein Studium und möchte dann ans Theater. Eine Leidenschaft, die er von seinen Eltern geerbt hat – sie haben während ihrer Studienzeit Theater gespielt. Noch heute entspannt sich Kappert-Gonther bei Theateraufführungen – oder beim Betrachten zeitgenössischer Kunst. „Ohne Kunst“, sagt sie, „kann ich mir mein Leben nicht vorstellen.“

Plötzlich stoppt die Musik. Der Tanzlehrer zeigt eine Drehung und ruft laut: „Schritt-Schritt-Seite-rück“. Die Paare begeben sich in die Ausgangsposition. Kirsten Kappert-Gonther und ihr Mann finden schnell den Rhythmus. Sie schließt die Augen und lächelt. „Sie tanzt super“, raunt Uwe Gonther, „und sie kennt immer alle Schritte“.

In Gedanken bereits in Berlin

Im Tanzkurs, sagt er, lasse sie sich führen. „Zu Hause wechseln wir uns ab.“ Tanzlehrer Daniel Hollwedel: „Sich gut führen zu lassen, ist sehr schwer.“ Oft dominierten die Frauen beim Tanzen. Das gehe nicht gut. Kappert-Gonther aber bleibt gelassen. Den Patzer ihres Mannes lächelt sie weg.

Noch einmal von vorn. Für Kappert-Gonther hat das Tanzen mit Achtung für die Bewegungen des anderen zu tun, mit Vertrauen, Respekt und damit, dem anderen Raum zu geben. Führung, Kopfhaltung, die Abfolge der Schritte beim Rumba – Lehrer Hollwedel hat alles im Blick. Tanzen sei Kopfsache, sagt er.

In Gedanken ist Kappert-Gonther bereits in Berlin. Vor Monaten hat sie mit ihrer Kandidatur die Weichen für ein Leben als Berufspolitikerin in der Hauptstadt gestellt. „Dann wird das Leben fast nur von Politik bestimmt“, weiß sie. Nach zwölf Jahren als niedergelassene Ärztin ruht ihre Zulassung bereits seit dem 1. April. „Ich therapiere nur noch zu Ende“, sagt sie.

Gerade im Norden ist der Klimawandel ein Thema

Zieht sie in den Bundestag ein, wird sie ihre Praxis im September schließen. Sie klingt sicher, muss aber abwarten, was die Wähler meinen. Das Mandat der Grünen sei nie sicher gewesen in Bremen. Aber: „Seit dem Dieselskandal haben viele Menschen das Gefühl, dass Klima und Gesundheitsschutz wichtig sind“, sagt die Vegetarierin.

„Die Frage, ob wir in Zukunft sauberes Trinkwasser haben, spielt für alle eine Rolle.“ Da tanzt sie schon den Cha-Cha-Cha – ihren Lieblingstanz. Es sei unfair, wenn alle dafür bezahlen müssten, dass gesundheitsschädliches Nitrat aus der Massentierhaltung mit viel Aufwand aus dem Wasser gefiltert werde.

Auf die Palme bringt sie der Dieselskandal: „Da zeigt sich, wie die jetzige Regierung sowohl den Verbraucherschutz mit Füßen tritt als auch wissentlich die Gesundheit der Menschen aufs Spiel setzt.“ Gerade im Norden sei außerdem der Klimawandel ein Thema.

Mit dem Fahrrad nach Hause

„Die Pegel steigen, die Deiche müssen höher gebaut werden.“ Um in Berlin etwas bewegen zu können, müssten die Grünen auf Bundesebene mindestens acht Prozent der Wählerstimmen holen. „In Bremen deutlich über zehn Prozent“, sagt Kappert-Gonther. Das wäre ihr Ticket nach Berlin.

Es kommt also, sagt sie noch einmal, auf jede Stimme an. Der Abend klingt in einem Walzer aus. Es ist nach 22 Uhr. Kappert-Gonther, die kein Auto besitzt, fährt mit dem Fahrrad nach Hause. Dann geht es direkt ins Bett. Am nächsten Morgen wird sie in der Bürgerschaft die erste Rede des Tages zum Thema Pflege halten.

Serie: "Bremer Spitzenkandidaten"

In unserer Serie "Spitzenkandidaten der Bremer Parteien" stellen wir die Kandidaten von SPD, CDU, FDP, Linken, Grünen und AfD in persönlichen Porträts vor:


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