"Alkohol war für mich nie eine Option" Christiane Hörbiger spielt eine Trinkerin in "Wie ein Licht in der Nacht" (Di., 26.04., 20.15 Uhr, ARD)

Im ARD-Drama "Wie ein Licht in der Nacht" überzeugt Christiane Hörbiger als Alkoholikerin - obwohl sie sich von trinkenden Frauen abgestoßen fühlt.
01.04.2011, 00:00
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Von Eric Leimann

Im ARD-Drama "Wie ein Licht in der Nacht" überzeugt Christiane Hörbiger als Alkoholikerin - obwohl sie sich von trinkenden Frauen abgestoßen fühlt.

Christiane Hörbiger, Grande Dame des deutschsprachigen Theaters und im TV meist als distinguierte Dame zu sehen, hat sich mit ihrer Rolle im Trinkerdrama "Wie ein Licht in der Nacht" (Di., 26.04., 20.15 Uhr, ARD) ziemlich weit nach unten gewagt. Mit derangiertem Make-up und hängenden Gesichtszügen spielt sie eine Powerfrau, die nach ihrer Pensionierung den Boden unter den Füßen verliert. Dabei musste sich die 72-jährige Wienerin zum Rollenstudium auf ein Terrain wagen, das ihr Abscheu und Angst bereitete.

teleschau: Schauspieler lieben intensive Rollen, weil sie darin große Emotionen zeigen können. Ist die Rolle einer Alkoholikerin deshalb eine Traumrolle?

Christiane Hörbiger: Eine Traumrolle ist es, aber sie war für mich auch schwer zu spielen. Ich benötigte viel Vorbereitung und musste sehr tief in die eigene Psyche hinunterklettern. Ich kramte die dunkelsten Momente meines Lebens hervor, um das Elend dieser Frau darstellen zu können.

teleschau: Wie haben Sie sich konkret vorbereitet?

Christiane Hörbiger: Ich habe Frauen beim Trinken beobachtet. Ich setzte mich in Lokale und sah zu, wie diese Menschen immer mehr in eine andere Welt hinübergleiten. Ich war Zeuge, wie diese Frauen aggressiv oder apathisch wurden, wie sich ihre Blicke und Gesten veränderten. Die Gesichtszüge entglitten, der Mund triefte, es entstand dieses extreme Redebedürfnis. Die gelangweilten Gesichter des Barkeepers oder Kellners als Reaktion darauf - auch das habe ich dutzendfach beobachtet. Ich habe es so lange studiert, bis ich zur Expertin für Trinkerinnen wurde. Dann habe ich deren Verhalten kopiert. Mittlerweile, so würde ich es sagen, erkenne ich Alkoholiker schon von weitem - zum Beispiel an der Haut.

teleschau: Ist das Beobachten Ihre bevorzugte Methode, sich eine Rolle zu erarbeiten?

Christiane Hörbiger: Absolut. Ich beobachte überall: im Kaffeehaus, auf der Straße. Dort, wo ich gerade bin. Das Erschreckende ist, dass man überall Menschen trinken sieht. Über diesen Film hinaus gibt es natürlich auch Rollen, bei denen ich nicht mehr ganz so viel beobachten muss. Weil ich in über 70 Jahren bereits sehr viel Leben und die entsprechende Erfahrung aufgesaugt habe.

teleschau: Die Beschäftigung mit dem Trinken scheint aber eher eine neue Erfahrung für Sie zu sein. Ich nehme an, Sie sind keine Suchtpersönlichkeit?

Christiane Hörbiger: Was ist eine Suchtpersönlichkeit?

teleschau: Menschen, die von ihrer Disposition her dazu neigen, Probleme durch Süchte lösen zu wollen: Alkohol, Zigaretten, Glücksspiel ...

Christiane Hörbiger: Ich bin ein Gefühlsmensch, aber kein Suchtmensch. Ich kann das emotionale Vakuum dieser Frau verstehen. Nach einer großen beruflichen Leistung steht sie plötzlich ganz alleine da. Zuvor hat sie hat ihre Familie vertrieben und sich ganz diesem Beruf hingeben. Als er wegfällt, entsteht eine große Leere. Die versucht sie mit Alkohol zu füllen. Das kann ich zwar intellektuell verstehen, nicht aber in meinem Inneren.

teleschau: Weil Sie sich vom Trinken abgestoßen fühlen?

Christiane Hörbiger: Es ist etwas, das ich nicht zu nahe bei mir haben möchte. Ich habe mich tatsächlich geniert für jene Frauen, die ich beobachtet habe. Sie waren mir nicht sympathisch, das habe ich einfach nicht hingekriegt.

teleschau: Sind Frauen eine besondere Art Alkoholiker?

Christiane Hörbiger: Sie sind auf jeden Fall trauriger. Betrunkene Männer erzählen noch Witze, auch wenn sie dabei schwanken. Betrunkene Frauen haben fast immer etwas Tristes, Verlorenes.

teleschau: Man spürt die Abscheu gegenüber dem Alkoholismus in Ihren Worten. Hatten Sie Angst, der Rolle nicht gerecht werden zu können?

Christiane Hörbiger: Ich hatte ein hervorragendes Drehbuch als Grundlage, daran konnte ich mich orientieren. Man kann sich einer Rolle auch von außen durch genaue Beobachtung nähern und die emotionale Seite an anderer Stelle suchen - glauben Sie mir.

teleschau: Was bleibt, ist das Bild, welches man bei der Darstellung einer Trinkerin abgibt. Man sieht Sie ansonsten stets perfekt geschminkt und gekleidet. Es muss Sie ungeheure Überwindung gekostet haben, jene Szenen zu drehen, in denen sie in jeder Beziehung am Boden liegen.

Christiane Hörbiger: Wir waren mit "Wie ein Licht in der Nacht" auf dem Hamburger Filmfest. Ich bin erschrocken, als ich mich da auf der großen Leinwand sah. Aber es hätte auch keinen Sinn, sich zu schonen, sonst wird eine solche Rolle zur peinlichen Vorstellung. Man muss sich dazu bekennen und da runtersteigen. Ich musste den Mut haben, diese Frau nicht nur völlig ungeschminkt, sondern auch mit hängenden Gesichtszügen zu spielen.

teleschau: Sie haben tatsächlich keine Sekunde gezögert, als Sie gefragt wurden, diese Rolle zu übernehmen?

Christiane Hörbiger: Nein, weil das wunderbare Rollen für Schauspieler sind. Ich denke an die großartigen Stücke des amerikanischen Dramatikers Eugene O'Neill. "Eines langen Tages Reise in die Nacht" oder "Fast ein Poet". Die sind zwar für Männer geschrieben, aber ich weiß von Kollegen, dass es absolute Traumrollen sind. Weil man das schrittweise Versinken in eine andere Welt darstellen kann. Das ist eine große menschliche Erfahrung, die man natürlich auch spielen können sollte.

teleschau: Haben Sie zum ersten Mal in Ihrer Karriere eine Alkoholikerin gespielt?

Christiane Hörbiger: Ja, es war tatsächlich das erste Mal. Aber schauen Sie - es gibt nicht besonders viele Rollen für trinkende Frauen. Selbst bei den O'Neills trinken immer nur die Männer. Betrunkene Frauen sind heute immer noch ein Tabuthema. Ich bin allerdings nicht dafür, dass sich die Welt auf diesem Gebiet im emanzipatorischen Sinne verändert.

teleschau: Können Sie das Klischee bestätigen, dass in kreativen Berufen wie dem des Schauspielers viele Suchtstoffe konsumiert werden?

Christiane Hörbiger: Wenn wir über das Trinken sprechen, kann ich nur sagen, dass dieses Problem in der Gesellschaft insgesamt völlig verharmlost wird. In fast allen Berufsgruppen wird viel zu viel getrunken. Ich bin aber überzeugt davon, dass ein Schauspieler, der große Rollen am Theater spielt - einen Shakespeare zum Beispiel -, mit Sicherheit kein Trinker ist. Sie können einen Klassiker nur mit sehr viel Disziplin in Kopf spielen. Das würde betrunken einfach nicht funktionieren.

teleschau: Transportiert Ihr Film eine Botschaft?

Christiane Hörbiger: Mir war es sehr wichtig, dass der Film ein Happy End hat. In dem Sinne, dass man als Mensch den Mut haben muss, sich selbst die Wahrheit zu sagen. Auch dass man sich Menschen sucht, die einem helfen - auch dazu gehört eine Menge Mut. Und dass man anderen helfen soll, um sich selbst zu helfen. Dieser Zusammenhang wird von den Anonymen Alkoholikern als absolut wichtig erachtet. Ein Vertreter dieser Organisation hat sich den Film mit uns angeschaut und war begeistert. Er plant, ihn bei den Gruppentreffen einzusetzen. Für uns, die wir daran gearbeitet haben, ist das natürlich ein riesengroßes Lob.

teleschau: Kann man mit einem Fernsehspiel tatsächlich das Leben von Menschen verändern?

Christiane Hörbiger: Man kann trösten, davon bin ich überzeugt.

teleschau: Wie halten Sie es selbst mit dem Alkoholkonsum?

Christiane Hörbiger: Das war für mich nie eine Option. Ich trinke gern alkoholfreies Bier. Es schmeckt am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, aber wenn es warm ist, schmeichelt es dem Magen ungemein.

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