Keine Frau von der Stange Christina Hecke spielt in "Hopfensommer" (Mittwoch, 24. August, 20.15 Uhr, ARD) und in "Kasimir & Karoline" (Montag, 19. September, 21.35 Uhr, ARTE)

Kein Weg zu weit, keine Rolle zu gespalten: Die Schauspielerin Christina Hecke macht mit bemerkenswerten Auftritten von sich reden.
29.07.2011, 00:00
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Von Frank Rauscher

Kein Weg zu weit, keine Rolle zu gespalten: Die Schauspielerin Christina Hecke macht mit bemerkenswerten Auftritten von sich reden.

Manchmal reicht die profane Frage nach dem Wohnort, um einiges über einen Menschen herauszufinden. Die Schauspielerin Christina Hecke lebt "gerade in Berlin". Aber eigentlich, so lacht sie, ist sie "in Bayern daheim - und in Deutschland zu Hause". Die 32-Jährige, deren Wurzeln in ländlichen Gegenden in der Nähe von Frankfurt und im Allgäu liegen, lebt nach dem Motto: "Es gibt keine weiten Strecken, nur das falsche Verkehrsmittel." Was auf sympathische Weise zur bisherigen Vita der ehemaligen Jura-Studentin passt, die eigentlich mal Medizinerin werden wollte. Fast logisch, dass Christina Hecke in ihrer bislang größten TV-Rolle eine Frau spielt, deren Werdegang alles andere als straight ist. In "Hopfensommer" (Mi., 24.08., 20.15 Uhr, ARD), einem leider etwas seichten Drama aus der Hallertau, ist die 1,77 Meter große Darstellerin als schöne Stripteasetänzerin trotz prominenter Kollegen (Elmar Wepper, Gaby Dohm, Fritz Karl) beinahe der einzige Lichtblick - nicht nur wegen ihrer langen Beine. Die sportive Mimin haut sich mit Verve in jede Rolle, was auch in der intensiven Oktoberfest-Lovestory "Kasimir & Karoline" (Mo., 19. September, 21.35 Uhr, ARTE) zu bewundern ist - eine Hauptrolle, die der Durchstarterin beim Filmfest München 2011 eine Nominierung für den Förderpreis Deutscher Film einbrachte.

teleschau: Frau Hecke, in Ihrem bislang größten TV-Auftritt sehen wir Sie gleich an der Stange tanzen ...

Christina Hecke: (lacht) Als ich das Buch las, freute ich mich auch über diese Herausforderung.

teleschau: Weil Sie strippen durften?

Hecke: Nein. Weil ich eine gespaltene Figur spiele. Ich mag Rollen, die nicht eindimensional daherkommen, Frauen, bei denen etwas quer läuft: In diesem Fall eine alleinerziehende Mutter, die aus dem Hopfenanbaugebiet stammt, dort ausgebrochen ist und versucht, ihre Tochter alleine durchzubringen, indem sie nachts in der Table-Dance-Bar arbeitet. Ich traf meine Filmpartnerin Gaby Dohm zufällig auf dem Weg zur Drehbucheinweisung. Sie raunte mir gleich zu: "Also Sie haben mit Abstand die spannendste Figur in dem Buch!" Großartig! (lacht).

teleschau: Spannend in jeder Hinsicht?

Hecke: Absolut. Ich war mir vorher echt nicht sicher, wie wir das Ganze vor der Kamera auflösen werden. Schon ein skurriles Gefühl - bestimmt auch für Regisseur Christian Wagner, der natürlich nicht wollte, dass seine Darstellerin im letzten Moment doch ein Problem damit bekommt, sich halb nackt an der Stange zu räkeln ... Es gab also mehrere Treffen, aber es ging letzten Endes nur mit einem gegenseitigen Vertrauensvorschuss, und es lief ja gut.

teleschau: Waren Sie je zuvor in einem solchen Club?

Hecke: Nein. Wir drehten in einer Bar in der Nähe des Münchner Bahnhofs. Und als mich Christian Wagner vor den Dreharbeiten zum ersten Mal mitnahm, war das schon eine Erfahrung der besonderen Art. Wir waren bei laufendem Betrieb da: Nette Bar, die Mädels tanzten toll. Aber man merkt als Frau schon, wie man plötzlich beäugt wird. Interessant war, dass der Barbetreiber mit mir selbst gar nicht sprach, er sah mir auch nicht direkt ins Gesicht, eher woanders hin ... Ich hörte, wie er meinem Regisseur anerkennend zuflüsterte: "Gutes Material!"

teleschau: Wie bitte?

Hecke: (lacht) Genau das fragte ich auch. Ich war ziemlich irritiert, aber dann nahm ich es halt hin, dass es dort wie auf dem Viehmarkt zugeht. Ich wollte ja unbedingt eintauchen in diese Szene ...

teleschau: Immerhin schien er Sie für geeignet gehalten zu haben.

Hecke: Irgendwie wohl schon. Man muss das eben so verstehen, dass eine Frau in diesem Umfeld eher Objektcharakter hat. Da gibt's kein höfliches Geplänkel, man kommt zur Sache.

teleschau: Wie bereiteten Sie sich auf die Tanzszenen vor?

Hecke: Ich sprach mit einer Tänzerin und ließ mir in dem Club auch Tanztraining geben - natürlich bei verschlossener Tür. Man hat ja einen gewissen ästhetischen Anspruch ...

teleschau: Wie fühlten Sie sich?

Hecke: Beim Training prima. Aber beim Drehen war es anders. Es waren von den Komparsen bis zu den Beleuchtern eine Menge Männer anwesend, und da konnte ich schon nachempfinden, wie sich eine Tänzerin fühlen muss - ganz einfach als Objekt. Nicht mein Ding.

teleschau: Eben keine Rolle wie jede andere!

Hecke: Ne, das sowieso nicht. Die Bandbreite reichte bis zum Traktorfahren - aber das kannte ich als Mädchen vom Lande schon. Wir halfen damals auf einem Reiterhof bei der Ernte mit.

teleschau: Mädchen träumen von Pferden - auch von einer Karriere als Schauspielerin?

Hecke: Nein, ich dachte immer, ich muss etwas Anständiges machen. Also habe ich erst mal ein paar Semester Jura studiert ...

teleschau: Wie kommt man denn vom Paragraphen-Büffeln zum Schauspielen?

Hecke: Es gibt ein elementares Gemeinsames: die Sprache. Hier wie dort braucht es gute Argumente.

teleschau: Also wollten Sie ursprünglich Juristin werden?

Hecke: Nein, ich wusste lange nicht, wo mich mein Lebensweg hinführen soll ... Eigentlich wollte ich Medizin studieren, arbeitete schon nebenbei in einer Tierklinik, dann bin ich lieber erst mal durch die Welt gereist. Die Entscheidung fürs Spielen traf ich erst relativ spät - als mir klar wurde, dass man nur noch bis 23 eine Chance an den Schauspielschulen hat. Ich erinnere mich gut an diese Weichenstellung: Das war 2003, ich saß gerade im Zug auf dem Weg zur Examensvorbereitung in Frankfurt. Als ich ausstieg, war die Sache klar: Ich muss das mit der Schauspielerei jetzt versuchen, mit der Juristerei werde ich nicht glücklich. Ich ging nie wieder an die Uni, der Zug war abgefahren (lacht), und ich begann eine Ausbildung an der Schauspielschule Mainz.

teleschau: Ihre Karriere begann so richtig mit einem Engagement am Stadttheater in Bamberg.

Hecke: Ja, der Intendant sah mich damals und wollte mich unbedingt für sein Ensemble haben. Ich hatte einfach ein Riesenglück, ich kam ja nicht vom Ernst Busch oder vom Konservatorium ... Und schon erhielt ich erste Auszeichnungen. Theater war schon ziemlich nah am Ideal - aber irgendwie wusste ich, dass da noch was kommt.

teleschau: Film und Fernsehen ...

Hecke: Genau. Als ich 2007 zum ersten Mal am Set meines ersten größeren Films stand, "Pink" mit Hannah Herzsprung, war's mir klar: Bingo, das ist, was du gesucht hast!

teleschau: Sie haben offensichtlich mehrere Talente: In Bamberg sangen Sie in der Theaterband.

Hecke: (lacht) Ich singe gerne, vor allem sehr leidenschaftlich, und ich treffe die Töne. Aber ich würde sagen, mein schauspielerisches Talent ist durchaus ausgeprägter. So zum Spaß stelle ich mich natürlich jederzeit mit einer Band auf die Bühne.

teleschau: Angst vor dem Auditorium scheinen Sie nicht zu kennen?

Hecke: Überhaupt nicht. Ich war schon in der Jugend Schulsprecherin. Wobei es mir nie darum ging, mich zu profilieren oder vor anderen toll dazustehen. Meine Ambition im Beruf ist, Geschichten zu erzählen. Mit 13 Jahren war ich in Australien und bin dort einem "Walkabout", dem Geschichtenerzähler der Aborigines, begegnet. Das ist mir dermaßen ins Herz geschossen. Ich schlüpfe in Figuren und will andere mit deren Geschichten wirklich berühren. Immer wieder aufs Neue eine tolle Erfahrung - und wenn es im Theater nur zwei von sechshundert Besuchern sind, bei denen es mir gelingt. Also - wovor sollte ich Angst haben, man gibt sich doch gegenseitig nur ein Geschenk. Lampenfieber macht sich erst breit, wenn man anfängt, nachzudenken und kontrollieren zu wollen.

teleschau: Waren Sie auch in Dessous beim Lapdance nicht nervös?

Hecke: Ne, weil ich einfach in eine völlig andere Haut geschlüpft bin. Nicht umsonst sind für mich Kostüm und Maske die wichtigsten Faktoren am Set. Es kommt zu einem Transformationsprozess - das hat mit Hingabe zu tun, der Rest ist Professionalität. Mir hilft es auch, wenn ich am Set nicht mit meinem privaten Namen angesprochen werde, sondern mit dem Rollennamen.

teleschau: Und wie haben Sie den Dreh bei der Horvath-Verfilmung "Kasimir & Karoline" überstanden? Für den ZDF-Film, der im Herbst bei ARTE läuft, standen Sie auf dem Oktoberfest vor der Kamera ...

Hecke: Der totale Irrsinn, da half nur eines: ausblenden, Augen zu und durch! Es gibt gegen Ende des Films eine sehr emotionale Szene: Karoline, die ich spiele, ist völlig auseinandergefallen und läuft in ihrer persönlichen Horrornacht über das Oktoberfest - sie sucht ihren Kasimir. Für mich hieß das: absolute Verzweiflung, Seele aufmachen. Und dann kommen dir ständig Besoffene entgegen, die dich anstarren und angrölen wie Höllenhunde, an jeder Ecke kotzt einer ... - Da wird feine Seelenarbeit zur Ochsentour.

teleschau: Aber Sie haben ein Faible für extreme Rollen, oder?

Hecke: Auf jeden Fall. Extreme und Untiefen ziehen mich an. Auch alles Körperliche - ich machte auch schon akrobatisches Theater.

teleschau: Frauenrollen, wie Sie sie mögen, sind leider rar im deutschen Fernsehen.

Hecke: Stimmt. Aber was will man tun ... Ich kann mich da nur Billy Wilder anschließen: "Ein gutes Buch, ein gutes Buch, ein gutes Buch!" Ich habe ja Glück. Vor Kurzem bekam ich ein Drehbuch in die Hände, Arbeitstitel "Barbara" von Christian Petzold, mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld, da kann ich nur sagen: Wunderbar, dass ich bei so etwas mitmachen darf. Ein anderes tolles Projekt drehe ich jetzt mit Regisseur Matti Geschonneck - mit Ina Weisse und Matthias Brandt ...

teleschau: Klingt so, als würde Ihre Karriere richtig Schwung aufnehmen.

Hecke: Ich mache auch jeden Abend mein kleines Kerzlein an und sage Danke (lacht)! Man muss realistisch bleiben und immer daran denken, dass die Filmindustrie der freien Marktwirtschaft unterliegt: Entweder du bist als Schauspieler ein begehrtes Produkt - oder nicht.

teleschau: Sie meinen, dass Sie selbst keinen Einfluss haben?

Hecke: Genau. Ich kann keinen Regisseur zwingen, mich zu besetzen - also hoffe ich einfach, dass man mir weiter vertraut. Man muss demütig denken, sonst wird man rammdösig. Es gibt ja noch genug Leerläufe - viel Zeit zum Grübeln.

teleschau: Und für Selbstzweifel?

Hecke: Natürlich. Wenn man die nicht als steten Begleiter hat, ist man in dem Beruf sowieso nicht gut aufgehoben. Ich schlüpfte für eine Dokumentation zum ZDF-Spielfilm "München 72" in die Rolle von Heide Rosendahl. Sie sagte mal: "Ein Athlet ohne Druck kann keine Leistung bringen." Auf einem ähnlichen Gleis sehe ich uns Schauspieler.

teleschau: Davon abgesehen wirken Sie auch fit wie eine Athletin ...

Hecke: Ja, ich mache viel Sport, und jetzt bin ich wieder ganz gut beisammen. Ich hatte 2007 einen schweren Unfall - mit 160 Sachen ist mir einer auf der Autobahn ohne zu gucken vor die Nase gefahren. Ich wurde 70 Meter durch die Luft geschleudert. Mit Lungenriss lag ich eine Woche auf der Intensivstation, und meine Statik war völlig aus dem Leim ... Eine sehr intensive Erfahrung, mit dem Tod konfrontiert zu sein.

teleschau: Die Sie veränderte?

Hecke: Nein, das würde ich nicht sagen. Rein körperlich musste ich danach vor allem daran arbeiten, mein Lungenvolumen wieder auf Bühnengröße zu bringen.

teleschau: Und seelisch?

Hecke: Ich lebe. Und ich weiß mehr denn je, was für ein Geschenk das ist.

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