Corona Darum laufen die Impfungen in Deutschland so langsam

Die Impfungen schreiten in Deutschland und der EU nur sehr langsam voran. Andere Länder wie die USA, Großbritannien oder Israel immunisieren die Bevölkerung sehr viel schneller. Die Gründe im Überblick.
17.03.2021, 16:19
Lesedauer: 4 Min
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Darum laufen die Impfungen in Deutschland so langsam
Von Patrick Reichelt

Beim Thema Impfen präsentiert sich die EU und damit auch Deutschland bislang unglücklich. Nun kommt auch noch der Stopp des Impfstoffs von Astra-Zeneca hinzu. Besonders die USA und Israel, aber auch Großbritannien, stehen besser da. Wir geben einen Überblick der Gründe, warum uns andere Länder beim Impfen so weit voraus sind.

Bürokratie

Die Impfkampagne lief zu langsam an: Am 15. Oktober drängelte die Kommission, die Impfungen logistisch vorzubereiten. Doch zum feierlichen Start am 27. Dezember waren dann doch nicht alle so weit. Belgien setzte nur symbolisch einige Spritzen, die Niederlande dackelten erst am 6. Januar hinterher. In Deutschland wurde außerdem bislang größtenteils nur in den Impfzentren geimpft - Hausärzte können frühestens ab 19. April mit dem Immunisieren beginnen.

Auch die Zulassung lief in der EU und damit Deutschland eher schleppend: In den USA wurden schon Mitte Dezember die ersten Menschen geimpft, während die EU noch bis Ende des Jahres mit der Freigabe beschäftigt war. Dank einer Notfallverordnung in den USA liefen auch die Freigaben bei den Impfstoffen von Moderna und zuletzt Johnson & Johnson schneller.

Impfstoffbeschaffung

All das stand bald im Schatten des Streits über den Impfstoffmangel. Zuständig war die Kommission, die für alle Staaten bestellt hatte - allerdings im Einvernehmen mit den 27, die auch beim Impfstoffkauf nur schwer auf einen Nenner kamen. Manche hatten Vorbehalte gegen die mRNA-Technologie, anderen waren die neuartigen Impfstoffe zu teuer, die dritten wollten wegen einfacher Handhabe vor allem Astra-Zeneca. Es lief zäh, im Nachhinein wohl zu langsam und zaghaft.

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Erst im Herbst sicherte sich die EU zunächst 300 Millionen Dosen von Biontech. „Der Prozess in Europa lief sicherlich nicht so schnell und geradlinig ab wie mit anderen Ländern“, sagte Biontech-Chef U?ur ?ahin anfang des Jahres dem „Spiegel“.

Die USA und auch Israel waren bei der Impfstoffbeschaffung viel schneller. Die USA sicherten sich bereits im Juli vergangenen Jahres 600 Millionen Impfdosen. Präsident Joe Biden hat nun noch einmal jeweils 100 Millionen Dosen der Impfstoffe von Biontech und Moderna bestellt. Biden macht beim Ankurbeln der Impfkampagne großen Druck. Seine Regierung hat die wöchentlichen Lieferungen des Impfstoffs an die Bundesstaaten nach eigenen Angaben seit dem Amtsantritt um rund 30 Prozent gesteigert.

Israel erhielt auch schneller den Impfstoff, weil das Land fast das Doppelte pro Dosis zahlt als die EU (23 statt 12 Euro). Außerdem teilt Israel seine Impfdaten mit Biontech und wird deshalb priorisiert beliefert.

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Digitalisierung

Andere Staaten sind bei der Digitalisierung im Gesundheitsbereich viel weiter als etwa Deutschland. In Israel sind die Krankenakten digital gespeichert und können jederzeit abgerufen werden. Besonders für die Terminvergabe bei der Impfkampagne bringt das einige Vorteile. In Deutschland müssen Impftermine gegen Corona oft noch per Telefon oder gar Brief abgestimmt werden.

In Israel gelten außerdem viele Lockerungen für Teilnehmer des sogenannten „Grünen Pass“-Programms. Den „Grünen Pass“, einen digitalen Impfausweis, können nach einer Coronavirus-Erkrankung genesene Israelis sowie Israelis eine Woche nach der zweiten Impfung auf der Webseite des israelischen Gesundheitsministeriums oder über eine spezielle App bestellen.

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In der EU soll ein ähnlicher Ausweis erst im Juni fertig sein. Er könnte dann Reisen in den Sommerferien ermöglichen. Dokumentiert werden sollen nicht nur Impfungen, sondern auch Ergebnisse von zugelassenen PCR- und Schnelltests sowie überstandene Corona-Infektionen. Welche Türen der Nachweis öffnen soll, ist aber in den EU-Staaten noch nicht Konsens. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich gegen Erleichterungen für Geimpfte ausgesprochen, solange noch wenige Menschen Chancen auf die schützende Impfung haben. Griechenland und andere Urlaubsländer dringen hingegen darauf, Reiseerleichterungen mit einem solchen Dokument zu verbinden.

Impfstoffexport

Aus der EU wurden seit dem 1. Februar nach Angaben der Kommission mindestens 41 Millionen Dosen Corona-Impfstoff in 33 Länder exportiert, obwohl in der EU selbst Impfstoff fehlt und Impfungen nur langsam vorankommen. Kritisiert werden vor allem Großbritannien und die USA, weil von dort praktisch kein Impfstoff ausgeführt werde. Aus der EU gingen nach offiziellen Angaben hingegen allein mindestens neun Millionen Dosen an Großbritannien und eine Million in die USA.

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Tatsächlich gibt es in einigen Ländern hohe Auflagen für den Export von Impfstoffen. Nach Angaben von Astra-Zeneca-Chef Pascal Soriot hat etwa Großbritannien im Vertrag festgehalten, dass die Impfstoff-Werke auf britischem Boden zuerst nur für den britischen Markt produzieren dürfen. Auch in den USA gibt es hohe Hürden für den Export: Impfstoffhersteller müssen zuerst die geschlossenen Verträge mit der US-Regierung erfüllen, bevor sie exportieren dürfen.

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen erwägt, den Export der knappen Corona-Impfstoffe aus der Europäischen Union stärker zu beschränken. Neue Auflagen könnten dann für jene Länder gelten, die selbst keinen Impfstoff aus dem Land lassen oder die bereits einen höheren Anteil von geimpften Menschen haben als die EU.

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