Aus Großbritannien, Südafrika, Indien

Corona-Mutationen: Alle Infos zur Ausbreitung, Ansteckung und Impfung

Die Corona-Mutationen gelten als hochansteckend - und sie breiten sich schnell aus in Deutschland. Wir klären die wichtigsten Fragen zu den Mutanten aus Großbritannien, Südafrika und Indien.
21.04.2021, 11:46
Lesedauer: 6 Min
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Von Patrick Reichelt mit dpa
Corona-Mutationen: Alle Infos zur Ausbreitung, Ansteckung und Impfung

Auf dieser Mikroskop-Aufnahme ist eine Zelle (grün) mit dem Coronavirus (SARS-CoV-2, violett) infiziert.

Niaid

Die neuen hochansteckenden Corona-Varianten breiten sich auch in Deutschland schnell aus. Der Kampf gegen ein Hochschnellen der Infektionen wird zum Wettlauf gegen die Zeit. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Ausbreitung, Ansteckungsrate und Bekämpfung der neuen Corona-Mutationen.

Alle Fragen im Überblick:

  • Was sind Corona-Mutationen?
  • Welche Corona-Varianten sind bislang bekannt?
  • Warum sind Varianten derzeit so gefürchtet?
  • Welche Auswirkungen haben die Mutationen auf die Wirkung der Impfstoffe?
  • Wie verbreitet sind die Virus-Varianten in Deutschland?
  • Wie geht es weiter?

Was sind Corona-Mutationen?

Bei RNA-Viren verändert sich das Erbgut ständig. „In einem Tröpfchen Spucke eines akut Infizierten findet man vermutlich Tausende Virus-Mutanten, die sich an einer oder mehreren Stellen im Genom voneinander unterscheiden“, sagt der Virologe Ralf Bartenschlager vom Uniklinikum Heidelberg. „Sie entstehen jede Sekunde, in jedem Patienten.“ Längst nicht alle Mutationen sind Grund zur Beunruhigung.

Die allermeisten haben keinen Effekt oder sind von Nachteil für das Virus. Einige helfen aber auch. So ist das ursprüngliche Coronavirus, das in Wuhan auftrat, bereits Anfang 2020 von einer Variante verdrängt worden, wie Bartenschlager sagt. In einer Art Wettlauf unter Varianten setzen sich jene durch, die dem Virus einen Vorteil verschaffen: Das kann eine beschleunigte Verbreitung sein oder die Fähigkeit, Antikörpern des Wirts zu entgehen.

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„Es liegt in der Natur von Viren, dass sie sich immer besser an den Wirt anpassen“, sagte der Frankfurter Virologe Martin Stürmer im „Deutschlandfunk“. Er verglich den Effekt mit einem Schlüssel (beim Virus), der sich immer reibungsloser im Schloss (menschlichen Zellen) drehen lässt.

Die Bezeichnungen aus Buchstaben und Zahlen, wie B.1.1.7 für die zunächst in Großbritannien entdeckte Mutante, erlaubt es Fachleuten, die Verwandtschaftsverhältnisse in einer Art Corona-Stammbaum nachzuvollziehen. Auch wenn manchmal von „der britischen Variante“ die Rede ist: Die genaue Herkunft ist ungeklärt. Die Variante wurde dort dank der guten Überwachung gefunden.

Welche Corona-Varianten sind bislang bekannt?

  • B.1.1.7 aus Großbritannien
  • B.1.351 aus Südafrika
  • B.1.1.28P.1 aus Brasilien
  • B.1.617 aus Indien

Corona-Variante: B.1.1.7 aus Großbritannien

Die erste Probe, in der die Variante nachgewiesen wurde, stammt aus dem September. In ersten Schätzungen hieß es, sie verursache 50 bis 70 Prozent mehr Infektionen im Vergleich zu früheren Formen. Mittlerweile sei anhand einer robusteren Datenbasis davon auszugehen, dass der Zuwachs eher bei circa 22 bis 35 Prozent liege, sagte der Charité-Virologe Christian Drosten. Experten sind sich allerdings einig: Auch dieser geringere Prozentsatz kann die Eindämmung der Pandemie massiv erschweren.

Kürzlich hatte der britische Premierminister Boris Johnson auch von einer erhöhten Sterblichkeit gesprochen. Die Datenlage wird von vielen Fachleuten aber als zu dünn erachtet. Auch bei gleicher Schwere dürfte jedoch eine starke Ausbreitung der ansteckenderen Variante zu mehr Intensivpatienten und Todesfällen führen, weil eben mehr Menschen infiziert werden.

Corona-Variante B.1.351 aus Südafrika

Diese Variante wurde im Dezember entdeckt und gilt laut WHO als „besorgniserregend“. Vermutet wird, dass sie entstand, weil ein hoher Anteil der Bevölkerung schon eine Corona-Infektion durchgemacht hatte. Drosten erklärte im NDR-Podcast einmal die Infektionslage in Townships, wo Menschen in Armut eng zusammenleben und ein hoher Anteil von ihnen bereits Antikörper aufweist: „Das ist langsam eine Herdenimmunität. Das ist etwas, wo das Virus gegen Antikörper kämpfen muss, wenn es wieder neue Leute infizieren will, wenn es eine Zweitinfektion setzen will, beispielsweise. Gegen diesen Immundruck würde sich so ein Virus möglicherweise mit so einer Mutation verteidigen.“ Fachleute sprechen von Escape-Mutation (Fluchtmutation).

Corona-Variante: B.1.1.28P.1 aus Brasilien

Die WHO hat die Variante als „besorgniserregend“ eingestuft.Sie ähnelt laut RKI der südafrikanischen. Dass sie besser übertragbar ist, werde „als denkbar erachtet“. Der Intensivmediziner Uwe Janssens sprach in Interviews von großen Sorgen wegen der Variante, weil sich Genesene offenbar erneut ansteckten.

Brasilien gehört zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Ländern. Für die Metropole Manaus ergab eine Studie, dass sich mehr als 70 Prozent der Bevölkerung bis Oktober 2020 infiziert hatten. Seit Mitte Dezember wird dort wieder eine steigende Zahl von Fällen und Krankenhausaufnahmen beobachtet, das Gesundheitssystem ist kollabiert.

Corona-Variante B.1.617 aus Indien

Die Variante B.1.617 stehe derzeit unter Beobachtung, für eine Einstufung als „besorgniserregend“ fehle bislang „die entsprechende Evidenz“, teilte eine RKI-Sprecherin mit. „In Deutschland sind insgesamt acht aus dem März stammende Sequenzen der Linie B.1.617 identifiziert worden.“

Eine höhere Übertragbarkeit wurde bislang nicht nachgewiesen. Einige Experten in Indien gehen zudem davon aus, dass die Mutante zu den schnell steigenden Infektionszahlen in Indien beitragen könnte.

Für die Variante gebe es nicht viele Daten, sie sei in Europa sehr selten, sagt Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel. „Aus den wenigen Beobachtungen kann man noch keinen verlässlichen Trend ableiten, aber das sollte genau beobachtet werden.“ Über eine Vielzahl von Varianten mit bemerkenswerten Mutationen existiere nicht viel Wissen. „Insofern glaube ich nicht, dass B.1.617 mehr Aufmerksamkeit verdient als andere Varianten“, teilte Neher mit.

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Warum sind Varianten derzeit so gefürchtet?

In mehreren Ländern fiel teils durch Zufall auf, dass neue Varianten im Spiel sind - einhergehend mit massiven Anstiegen der Fallzahlen und überlasteten Gesundheitssystemen, teils trotz Corona-Maßnahmen. In Indien sind die Fallzahlen geradezu explodiert, Ende März mit bis zu 270.000 registrierten Neuinfektionen pro Tag.

Da der Großteil der Menschen noch nicht mit Sars-CoV-2 infiziert war, gilt die größte Sorge derzeit der höheren Ansteckungsfähigkeit. „Ein Virus, das einer bestehenden Immunantwort entkommt, hat derzeit global gesehen keinen Vorteil, weil die meisten Menschen noch keine Immunität haben“, erläutert Bartenschlager.

Welche Auswirkungen haben die Mutationen auf die Wirkung der Impfstoffe?

Hierbei muss zwischen den einzelnen Varianten unterschieden werden. Über die Mutation B.1.1.7 aus Großbritannien heißt es beim Robert Koch-Institut (RKI): „Hinweise auf eine verringerte Wirksamkeit der Impfstoffe gibt es bislang nicht.“ Bartenschlager versichert: „Wer eine Corona-Infektion durchgemacht hat oder geimpft ist, hat nach aktueller Datenlage eine Immunantwort, die in der Lage ist, die britische Variante zu kontrollieren und zu neutralisieren.“ Auch um die Verlässlichkeit der Tests mache er sich derzeit keine Sorgen.

Bei der Corona-Variante B.1.351 aus Südafrika sieht es etwas anders aus: „Erste Daten weisen in die Richtung, dass Genesene Antikörper haben, die nicht mehr gegen die Südafrika-Variante funktionieren“, fasst Bartenschlager zusammen. Der Körper könne sich aber vermutlich immer noch zur Wehr setzen: „Antikörper sind nicht alles, es gibt auch noch eine zelluläre Immunität.“ Dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Virologie zufolge könnte diese Immunantwort eine zweite Infektion abschwächen, so dass diese milder verläuft. Bisher sehe es so aus, dass die Immunantwort nach einer Impfung besser ausfalle als nach einer natürlichen Infektion. „Selbst eine Escape-Variante würde in diesem Fall nach der Impfung von der Immunantwort noch halbwegs kontrolliert.“

Das bedeutet, dass die neuen Waffen wohl nicht auf einen Schlag stumpf werden. Und man kann nachschärfen: Der Hersteller Moderna hat angekündigt, einen Auffrischungsimpfstoff gegen B.1.351 zu entwickeln. Auch Pfizer und Biontech halten Anpassungen für möglich, sollte es in Zukunft nötig werden.

Die Variante B.1.617 aus Indien trage zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein, die von anderen unter Beobachtung stehenden Linien bekannt seien, erläuterte das RKI. Beide würden „mit einer reduzierten Neutralisierbarkeit durch Antikörper oder T-Zellen in Verbindung gebracht, deren Umfang nicht eindeutig ist“. Das heißt: Möglicherweise könnten Geimpfte und Genesene vor einer Ansteckung mit dieser Variante weniger gut geschützt sein. Bislang gibt es aber noch zu wenige Daten, um das genau sagen zu können.

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Wie verbreitet sind die Varianten in Deutschland?

Die ansteckenderen Varianten des Coronavirus breiten sich in Deutschland schnell aus. Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) wird B.1.1.7 aktuell in 88 Prozent der untersuchten positiven Proben in Deutschland gefunden. Es ist damit die dominierende Variante in Deutschland.

Die zunächst in Südafrika aufgetretene Mutation spielt in Deutschland kaum eine Rolle, ihr Anteil beträgt etwa ein Prozent.

Wie geht es weiter?

„Was wir ganz strikt im Auge haben müssen, sind Einschleppungen von außen, zum Beispiel über Reisen“, so Bartenschlager. Herdenimmunität durch konsequente Impfungen blieben trotz der Varianten das entscheidende Mittel, um der Pandemie entgegenzutreten. „Wie weit wir damit kommen - ob wir eine vollständige Kontrolle im Sinne einer Vermeidung von Infektionen erreichen - kann man im Moment nicht abschließend sagen.“

Klar ist: Die drei nun vielbeachteten Varianten sind nicht das Ende. „Wir werden auch nächstes Jahr um diese Zeit uns Sorgen machen um bestimmte Virus-Mutanten, die wieder an anderen Stellen Veränderungen haben“, prognostizierte Drosten.


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