Damit die Augen nicht leiden „Im Homeoffice fehlt oft der Weitblick“

Lockdown, wenig an der frischen Luft und Homeoffice - das ist für die Augen gar nicht gut. Eine Augenärztin gibt Tipps, was man machen sollte, um die Augen zu schonen.
31.01.2021, 19:53
Lesedauer: 3 Min
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Von Hanna Gersmann
Frau Eter, verdirbt der Lockdown die Augen?

Nicole Eter: Davon gehe ich aus. Kollegen in China haben das jetzt in einer Studie bestätigt. Sie untersuchen dort jedes Jahr routinemäßig bei einer großen Zahl von Schulkindern den Grad der Kurzsichtigkeit. Und im Coronajahr, also in 2020, ist der Anteil der kurzsichtigen Kinder im Vergleich zu den Jahren zuvor deutlich angestiegen. Bei Sechsjährigen war er dreimal, bei den Siebenjährigen doppelt so hoch. Bei den Achtjährigen betrug er das 1,4-Fache. Das ist ein entscheidendes Alter für die Entwicklung der Sehkraft.

Das Brillengeschäft floriert?

Gut möglich, die Kurzsichtigkeit, bei der Sie in der Nähe scharf sehen, weiter entfernte Objekte unscharf erkennen, lässt sich mit der Brille ausgleichen. Nur ist sie nicht der einzige Schaden.

Die Brille allein hilft nicht?

Je kurzsichtiger Sie in frühen Jahren sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in späteren Jahren gesundheitliche Probleme bekommen, zum Beispiel eine Netzhautablösung.

Was ist Kurzsichtigkeit denn genau?

Kurzsichtigkeit hat mit dem Augapfel zu tun. Er ist länger als beim normal sehenden Auge. Die Aderhaut und die Lederhaut, die den Augapfel umhüllen, können jedoch nicht beliebig mitwachsen, sie sind darum dünner, permanent gespannt. Die Netzhaut ist es auch.

Erholen sich die Augen wieder?

Das ist unwahrscheinlich. Diese, man kann sagen Lockdown-Kurzsichtigkeit bleibt. Wir beobachten schon seit langem, dass die Kurzsichtigkeit von den Lebensbedingungen abhängt und rechnen für jedes Jahr Ausbildung mit einer Verschlechterung der Sehkraft um 0,3 Dioptrien. Wer in jungen Jahren, im Alter zwischen sechs und zehn Jahren stundenlang liest und das noch bei schlechter Beleuchtung, bei dem steigt einfach das Risiko, kurzsichtig zu werden.

„Du verdirbst dir noch die Augen.“ – Der Satz, den viele als Kind gehört haben, wenn sie heimlich noch mit Schummerlicht im Bett gelesen haben...

...ist völlig richtig, ausreichend Licht und mehr Blick in die Ferne beugt Kurzsichtigkeit vor.

Ihr Tipp?

Jedes Kind im Grundschulalter sollte viel und lange draußen spielen, mindestens eine Stunde am Tag. Schon zwei Stunden Tageslicht täglich halbieren das Risiko für Kurzsichtigkeit und weitere 40 Minuten mindern das Fortschreiten um 20 Prozent.

Warum?

Die Lichtintensität ist im Freien immer größer als drinnen. Selbst an einem trüben Tag sind draußen noch 3000 bis 5000 Lux, die normale Helligkeit im Kinderzimmer entspricht üblicherweise 500 bis 1000 Lux.

Tageslichtlampen könnten helfen?

Theoretisch schon, praktisch belegt ist das nicht.

Was kann man den Augen sonst Gutes tun?

Immer wieder Pausen machen, spätestens nach einer halben Stunde, auch zwischendrin, um ab und zu abzuschweifen und in die Ferne zu schauen. Man sollte ein Handy oder Tablet auch nicht direkt unter die Nase halten. Je weiter der Abstand desto besser.

Was ist mit einem Computer?

Der steht weiter weg, die Schrift ist meist auch größer. Trotzdem ist es wichtig, auch hier dem Auge Auszeiten zu gönnen und auch mal aus dem Fenster zu gucken.

Fernsehen ist okay?

Je weiter entfernt er steht, desto besser.

Das gilt alles nur für Kinder?

Kurzsichtigkeit entwickelt sich in jungen Jahren. Ist das Auge ausgewachsen, gibt es andere Probleme. Schlafstörungen zum Beispiel, wenn Sie auch noch im Bett auf das Handy schauen. Der Blauanteil des Lichts vom Handy suggeriert ihrem Körper, es sei Tag, er ist dann auf Wachsein eingestellt. Zwar haben viele Geräte einen Nachtmodus mit gelblicherem Licht. Aber besser wäre, das Handy wegzulegen.

Sonst gibt es kein Problem?

Doch, permanente Arbeit am Bildschirm kann zu trockenen Augen führen, zu verschwommener Sicht und Kopfschmerzen. Die Frequenz des Lidschlags sinkt, so dass der Tränenfilm nicht mehr auf dem Auge verteilt wird. Frische Luft ist da gut, besonders im Winter bei trockener Heizungsluft. Im Homeoffice fehlt derzeit aber vor allem der Weitblick, man sollte seinen Augen Abwechslung gönnen.

Das Gespräch führte Hanna Gersmann.

Info

Zur Person

Nicole Eter (51)

ist Direktorin der Universitäts-Augenklinik Münster und als Spezialistin für Erkrankungen der Netzhaut des Auges eine der bekanntesten ihres Fachs.

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Zur Sache

Ein Thron für das Notebook

Bei der Büroarbeit ist Ergonomie alles. Dass diese im Homeoffice meist leidet, ist gemeinhin bekannt, gerade wenn die Arbeitsumgebung improvisiert ist. Insbesondere das Arbeiten am Notebook ist für ganze Arbeitstage oder -wochen ein ergonomisches No-Go. Wer nicht auf einen angeschlossenen Monitor ausweichen kann oder möchte, hat dennoch Möglichkeiten, um unter anderem Hals, Nacken und Rücken zu entlasten, etwa durchs Anschließen von Tastatur und Maus und durch das Aufbocken des Notebooks auf einem Stapel Bücher, sodass der obere Displayrand ungefähr auf Augenhöhe ist. Es gibt auch speziellen Notebookständer.

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