"Niemand will Zusammenhänge verstehen" Dany Boon zeigt in seiner neuen Komödie "Nichts zu verzollen" (Kinostart: 28. Juli) wie absurd Rassismus ist

Regisseur und Hauptdarsteller Dany Boon findet es in seiner Komödie "Nichts zu verzollen" (Kinostart: 28. Juli) gar nicht lustig, dass sich die Menschheit nicht von Klischees und Vorurteilen trennen will.
22.07.2011, 00:00
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Von Andreas Fischer

Regisseur und Hauptdarsteller Dany Boon findet es in seiner Komödie "Nichts zu verzollen" (Kinostart: 28. Juli) gar nicht lustig, dass sich die Menschheit nicht von Klischees und Vorurteilen trennen will.

Der Komödiant schlägt ernste Töne an: Seit seinem Überraschungshit "Willkommen bei den Scht'is" (2008) ist Dany Boon auch in Deutschland bekannt - als Schauspieler und Regisseur mit Humor. Doch auch wenn der neue Film des 45-jährigen Franzosen, der mit bürgerlichem Namen Daniel Hamidou heißt, eine Komödie ist: "Nichts zu verzollen" (Kinostart: 28. Juli) thematisiert ein ernstes Problem. Der Rassismus im Alltag ist auch in einem Europa präsent, das seit 1995 keine Grenzen mehr kennt. Beim Interview in der Mittagssonne ist Dany Boon dann auch nicht wirklich zu Scherzen aufgelegt.

teleschau: Die Sommerferien stehen vor der Tür: Können Sie sich vorstellen in Dänemark Urlaub zu machen?

Dany Boon: Das wäre schon was: Da könnte man mal den dänischen Zoll bei der Arbeit erleben.

teleschau: Sie vermissen den Zoll wohl etwas?

Boon: Nein, gar nicht. In "Nichts zu verzollen" war der Zoll vor allem ein Aufhänger: Mir ging's um den alltäglichen Rassismus, von dem ich in Komödienform erzählen wollte. Ich wollte sehen, ob man das ernste Thema so verpacken kann, dass die Menschen lachen und trotzdem die Botschaft verstehen. Außerdem wollte ich sehen, was an der Grenze passiert ist, wo es damals, als ich Student war, noch diese immense Anspannung gab.

teleschau: War es damals unangenehm für Sie, die Grenze zwischen Frankreich und Belgien zu überqueren?

Boon: Ziemlich unangenehm. Ich wurde oft kontrolliert, passte ins Raster. Als junger Kunststudent, der mit einer riesigen Zeichenmappe rumspazierte, war ich automatisch verdächtig. Zum Beispiel Drogen dabei zu haben. Da war auch etwas Schikane dabei.

teleschau: Das hat sich ja ohne Zollkontrollen in einem grenzenlosen Europa erledigt ...

Boon: Klar, und nicht nur für mich. Natürlich ist "Nichts zu verzollen" auch ein Film über Europa: Aber spannender fand ich, zu erforschen, warum es Rassismus gibt - und zwar in einer Region, die zwar von einer Grenze geteilt wird, in der die Menschen aber prinzipiell in identischen Gesellschaften leben. Sie sprechen sogar dieselbe Sprache. Das ist im Prinzip so, wie mit den Deutschen und den Österreichern.

teleschau: Aber wir lieben uns doch!

Boon: Franzosen und Belgier lieben sich ja auch - meistens. Aber in den Familien gibt es manchmal eben alte Vorurteile, da wird ein richtig dummer Rassismus kultiviert. Das bekommt man gar nicht mit, weil die Leute an der Oberfläche sympathisch sind.

teleschau: Sie entlassen die Zuschauer mit einem ziemlich pessimistischen Schlussbild aus Ihrem Film: Ruben, der belgische Grenzbeamte, hat zwar seinen Hass auf die Franzosen überwunden. Aber er sucht sich ein neues Opfer. Sehen Sie denn gar keine Hoffnung, dass die Menschen irgendwann ohne Rassismus auskommen?

Boon: Ruben hat den Hass nicht überwunden, das wird er nie. Der Rassismus steckt in ihm drin. Menschen versuchen immer, sich über Unterschiede zu definieren. Sich von anderen abzugrenzen. Das ist verständlich und notwendig. Sie sollten jedoch bereit sein, sich auf andere Kulturen einzulassen, etwas über die anderen zu erfahren. Aber das passiert selten. Oft sind die Menschen nicht bereit, den anderen zu verstehen.

teleschau: Obwohl Europa, obwohl die Welt zusammenrückte?

Boon: Als junge Menschen hatten wir Ende der 80er-Jahre große Hoffnung. Der Kalte Krieg ging zu Ende, Deutschland war wiedervereinigt. Die Welt änderte sich, wurde offener. Bildung und gegenseitiges Kennenlernen - da hat Rassismus doch keine Chance. Wir glaubten wirklich, dass die Menschen zusammenleben könnten. Ich meine: zusammen! Sie hatten alle Möglichkeiten, konnten sich bilden, ihren Horizont erweitern. Die Realität sah und sieht aber anders aus. Die Stimmung ist eher aufklärungsfeindlich.

teleschau: Dabei können wir uns doch heute über alles informieren ...

Boon: Das Überangebot an Information ist Teil des Problems. Wir wissen immer und sofort über alles Bescheid, was auf der Welt passiert. Aber wir können diese Flut von Informationshäppchen nicht verarbeiten. Wir können sie nicht analysieren, einordnen, darüber nachdenken. Es geht alles wahnsinnig schnell. Also vereinfachen wir - und das führt zum Schubladendenken, zu Klischees und Vorurteilen. So wird jeder Araber zum Beispiel zum Terroristen. Niemand will noch Zusammenhänge verstehen. Weil das Zeit kostet, die sich in der hektischen Informationsgesellschaft niemand mehr nimmt.

teleschau: Sie heißen eigentlich Daniel Hamidou: Warum haben Sie Ihren Namen geändert?

Boon: Den Namen habe ich mir als Jugendlicher gegeben, aus zwei Gründen. Es gab in Frankreich einen berühmten Schauspieler mit einem ähnlichen Namen, mit dem ich nicht verwechselt werden wollte. Außerdem war es mir wichtig, dass die Kunstfigur auf der Bühne oder vor der Kamera einen anderen Namen hat als ich.

teleschau: Mit Angst vor Rassismus, weil Ihr Vater Algerier ist, hatte das also nichts zu tun?

Boon: Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, ich bin stolz auf meine Wurzeln, auf den Mix von Kulturen und Religionen mit dem ich aufwuchs, mit dem ich lebe: algerisch, nordfranzösisch, katholisch, jüdisch. Das macht mich aus.

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