Die Wahrheit und die Rechte der Frauen

Der Fall Lohfink: Ein Nein und viele Widersprüche

Immer wieder beginnt Gina-Lisa Lohfink zu weinen. Ihr Blick geht oft ins Leere. „Ich will etwas bewegen. So etwas kann jeder normalen Frau passieren. Das kann man doch nicht spielen“, so Lohfink vor der Gerichtsverhandlung.
28.06.2016, 00:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von Melanie Reinsch, Berlin

Immer wieder beginnt Gina-Lisa Lohfink zu weinen. Ihr Blick geht oft ins Leere. „Ich will etwas bewegen. So etwas kann jeder normalen Frau passieren. Das kann man doch nicht spielen“, so Lohfink vor der Gerichtsverhandlung.

„Ich will etwas bewegen. So etwas kann jeder normalen Frau passieren. Das kann man doch nicht spielen. Ich bin froh, dass sich die Politik eingeschaltet hat“, hat sie vor der Eingangstür zum Saal 572 im Amtsgericht Tiergarten gesagt, das klang noch gefasst. Dann brach ihre Stimme: „Ich habe Angst, ihn wiederzusehen.“

Vor wem hat Gina-Lisa Lohfink Angst? Es ist Pardis F. – der 28-Jährige ist an diesem Morgen im Amtsgericht Tiergarten als Zeuge geladen. In einem Prozess, der seit Wochen nicht nur in Berlin, sondern bundesweit für Aufmerksamkeit sorgt. Es geht um Sex, um eine angebliche Vergewaltigung, um Videos im Internet und auf Telefonen, um vermeintliche Falschaussagen und K.-o.-Tropfen. Der erste Prozesstag am 1. Juni musste abgebrochen werden – Lohfink war auf der Damentoilette zusammengebrochen, nachdem man sie auf dem Flur als „Hure“ beschimpft hatte.

Lesen Sie auch

Was ist passiert? Worum geht es in diesem Prozess? Gina-Lisa Lohfink lernt 2012 im Berliner Club „Maxxim“ Pardis F. und Sebastian C. kennen. Sie feiern. Sie gehen in die Schöneberger Wohnung von C., haben Geschlechtsverkehr. Die Männer filmen, später wird das Video diversen Medien zum Kauf angeboten. Wer das getan hat, ist bis heute unklar. Das Video taucht im Netz auf, wo es bis vor wenigen Wochen noch auf der Pornoseite „Pornhub“ abrufbar war. In dem Video ruft Lohfink mehrmals „Nein, nein, nein“ und „Hör auf!“. Das sind die Fakten. Die Aussagen darüber, was danach passiert ist, widersprechen sich.

Gina-Lisa Lohfink zeigt die Männer nach diesem ersten Juni-Wochenende 2012 wegen Verbreitung des Videos an, ein paar Tage später wegen Vergewaltigung. Sie vermutet, man habe sie mit K.o.-Tropfen betäubt, spricht von einem Filmriss. Die Männer bestreiten das.

Wer sagt die Wahrheit? Wer lügt? Staatsanwältin Corinna Gögge gilt als Hardlinerin im Sexualstrafrecht. Trotzdem glauben das Gericht und die Staatsanwaltschaft Lohfink nicht. Die Männer werden vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, wegen Verbreitung des Videos jedoch zu einer Geldstrafe verurteilt. Gericht und Staatsanwaltschaft sind der Meinung, Lohfinks „Nein“ in dem Video beziehe sich nicht auf den Sexualverkehr, sondern auf das Filmen. Lohfink wird im Dezember 2015 wegen Falschaussagen zu 24 000 Euro verurteilt. Der Verkehr habe „einverständlich“ stattgefunden, Lohfink habe „bewusst wahrheitswidrig“ angegeben, „gegen ihren Willen gewaltsam mehrfach zum Geschlechtsverkehr“ gezwungen worden zu sein, heißt es im Strafbefehl. Sie legt Einspruch ein.

Von „einvernehmlichem Sex“ spricht an diesem Montagmorgen auch Pardis F. „Ich hatte Gefühle für sie. Ich hätte nichts gemacht, was sie nicht wollte“, sagt der Iraner. Auch er ist nervös, wippt mit seinem Fuß. Man habe Spaß gehabt, gefeiert, Alkohol getrunken. Für ihn sei das alles hier auch noch viel schlimmer als für Lohfink. Er sei Fußballer und sorge sich nun um sein Image.

Pardis F. sagt, er wisse nicht, wie das Video ins Netz gekommen sei. Er habe es von Sebastian C. zugeschickt bekommen und lediglich an ein paar gute Freunde weitergeleitet. Er habe es auch niemandem zum Kauf angeboten. „Ich habe die Geldstrafe doch nur geschluckt, damit mein Name nicht noch weiter in die Öffentlichkeit gelangt“, sagt er.

Gina-Lisa Lohfink fühlt sich als Opfer, nicht als Täterin. Ende des vergangenen Jahres hat sie den Strafbefehl erhalten. Kurz danach, in der Silvesternacht, kam es zu den sexuellen Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof. Woraufhin viele eine Verschärfung des veralteten Sexualstrafrechts forderten. So ist der Lohfink-Fall zum Politikum geworden.

Lesen Sie auch

Monatelang hatte der Entwurf zu einer Novelle des sogenannten Vergewaltigungsparagrafen im vergangenen Jahr im Kanzleramt gelegen. Im Dezember wurde er freigegeben. Doch dieser erste Entwurf aus dem Haus des Justizministers Heiko Maas (SPD) ging vielen nicht weit genug. Experten, Politiker, Verbände, Frauenrechtlerinnen forderten ein Gesetz, in dem festgeschrieben steht, dass das Nein einer Frau reichen müsse, um einen Vergewaltiger zu bestrafen. Erst Mitte Juni einigten sich die Koalitionsfraktionen nun auf eine Reform, die auf dem Grundsatz „Ein Nein ist ein Nein“ beruhen soll. Die Änderungen sollen jetzt eingearbeitet und vor der Sommerpause verabschiedet werden. Ziel ist das Schließen von Schutzlücken, so sagen es die Juristen. Auch wegen dieser Zahlen: Im Jahr 2014 wurden in Deutschland 7345 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen erfasst, es gab jedoch nur 13 Prozent Verurteilungen.

Lohfink ist zur Galionsfigur dieser schwelenden Debatte geworden. Seit Wochen solidarisieren sich bei Twitter unter dem Hashtag #TeamGinaLisa Feministinnen, Aktivistinnen und Frauenrechtlerinnen mit Lohfink. Es kann sein, dass Gina-Lisa Lohfink nicht die ideale Galionsfigur für ihr Anliegen ist. Es kann aber auch sein, dass es keine bessere geben könnte.

Viele Unterstützerinnen haben sich vor dem Amtsgericht Tiergarten versammelt, vor dem Saal warten Fans und Freunde auf Lohfink. Die Demonstrantinnen rufen: „Du bist nicht allein.“ Lohfinks Fall soll exemplarisch für die Defizite des bisherigen Sexualstrafrechts stehen. Schließlich habe das Model „Nein“ gesagt – und trotzdem würden die Männer nicht verurteilt.

Von der Arzthelferin zum Model

Gina-Lisa Lohfink wächst mit ihrer Mutter und ihren Halbschwestern in Seligenstadt auf, einer Kleinstadt in Hessen. Nach ihrer Schulzeit absolviert Lohfink eine Ausbildung zur Arzthelferin, um etwas „Handfestes im Steckbrief vorweisen zu können“. Bundesweit bekannt wird sie 2008 als „hessische Kodderschnauze“ bei der dritten Staffel der Casting-Show „Germany’s Next Topmodel“.

„Zack die Bohne“ wird in der Klum-Show zu Lohfinks Leitspruch. Das ruft sie immer dann, wenn sie etwas geschafft hat, wenn sie sich freut. So jemand gewinnt nicht bei Heidi Klum. Aber Gina-Lisa Lohfink fällt auf, durch Lebhaftigkeit, Selbstbewusstsein, Extrovertiertheit, derben Humor – und ihre heisere Stimme.

Noch während der Show taucht ein Amateurporno von ihr und ihrem damaligen Freund Yüksel D. im Internet auf. Lohfink sagt, sie habe nichts von der Verbreitung gewusst. Im Video wird deutlich, dass sie davon ausgeht, dass die Aufnahmen privat bleiben. Yüksel D. ist an diesem Montagmorgen im Amtsgericht – als Zuschauer. Er lässt sich filmen und posiert.

Gina-Lisa Lohfink wird 2008 nur Zwölfte im Model-Wettkampf. In die Welt der B-Prominenz hat sie es dennoch geschafft. Sie tingelt fortan als Moderatorin und Schauspielerin durchs Fernsehen, hat Auftritte in Reality-TV-Shows, wird auf Vip-Partys eingeladen, erscheint auf den Covern von Männermagazinen. In Klatschzeitschriften heißt es, Fréderic Prinz von Anhalt wolle sie adop­tieren. Mit dem Adelstitel wolle Lohfink ihre Karriere in den USA antreiben. Daraus wird nichts. Stattdessen wird das Model 2012 das Gesicht der Berliner Erotikmesse „Venus“, auf der sie zuvor schon als Botschafterin für Safer-Sex tätig war.

Natürlichkeit ist nicht gefragt in der Welt des grellen Glitzerns. Gina-Lisa Lohfinks Lippen und Brüste werden voller, die Fingernägel länger, die Taille schmaler. Immer mehr Tattoos zieren ihren Körper. Vielleicht ist es eine Art Schutzpanzer, den sie sich mit dieser künstlichen Fassade zulegt – oder zulegen will. Noch scheint sie die Kontrolle über das zu haben, was sie tut. „Zack die Bohne!“ Bis zu dieser Nacht im Juni 2012.

Vieles bleibt ungereimt

„Der Fall Gina-Lisa Lohfink führt auf erschreckende Weise vor Augen, wie wenig unser Rechtssystem Frauen schützt, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind“, sagte Friederike Schwebler, frauen- und geschlechterpolitische Sprecherin im Landesvorstand der Berliner Grünen, die auch an der Kundgebung vor dem Amtsgericht teilnimmt.

Doch so eindeutig scheint der Fall nicht zu sein, dass er als klassisches Beispiel für die Schutzlücken im Sexualstrafrecht und als Blaupause für andere Betroffene verwendet werden kann. Trotz Videos. Trotz Dringlichkeit einer Sexualstrafrechtsreform. Vieles bleibt ungereimt, widersprüchlich.

Elf Videos existieren aus der Nacht, bestätigt Christian Gerlach, der Verteidiger von Sebastian C., der am Montag nicht im Amtsgericht aussagt. Insgesamt 15 Minuten Filmmaterial gebe es. Man spiele, man küsse sich, man kokettiere, sagt Gerlach. Lohfinks „Nein“ beziehe sich auf das Filmen. Sie habe getanzt, gesungen, gelacht. Nichts sei mit Gewalt geschehen.

Lohfinks damalige Managerin Alexandra Sinner sagt, sie habe Lohfink nach der Nacht der mutmaßlichen Vergewaltigung im Hotel in Köpenick in Empfang genommen. „Sie stieg aus dem Taxi, ich habe sie noch nie so torkeln gesehen. Ich musste sie stützen, sonst wäre sie umgekippt“, erklärt sie der Richterin Antje Ebner. Apathisch habe sie gewirkt. Das sei ein völlig untypisches Verhalten gewesen. Sinner sei sofort klar gewesen, dass da etwas nicht stimme. Und: „Gina-Lisa hat mich noch nie angelogen. Ich vertraue ihr hundertprozentig.“ Ebner wundert sich: „Davon haben Sie kein Wort bei der polizeilichen Vernehmung gesagt, das ist doch aber wichtig. Oder war das gar nicht so?“

Lohfinks Anwalt hat mit der Faust auf den Tisch

Als Ebner das besagte Video ohne Ausschluss der Öffentlichkeit ansehen will, springt Lohfinks Rechtsanwalt Christian Simonis erzürnt auf, zieht seine Robe aus und haut mit der Faust auf den Tisch. Lohfink bricht daraufhin in Tränen aus und ruft: „Die dürfen das alle sehen, dann sehen alle mal, wie es mir erging.“ Simonis rennt aus dem Saal. Die Verhandlung wird unterbrochen und kurze Zeit später ganz beendet.

Mitte Juli soll der Prozess weitergehen. Bis dahin muss auch der Befangenheitsantrag geprüft werden, den die beiden Lohfink-Verteidiger gegen die Richterin gestellt hatten. „Kein Geld der Welt kann meine Wunden und Narben wieder heilen. Es war schrecklich, wie Pardis mich so rotzfrech angegrinst hat“, sagt Lohfink noch – und verlässt mit schwarzer Sonnenbrille das Gericht.

Wird Gina-Lisa Lohfink freigesprochen, kann sie aus dieser Situation nur gestärkt herausgehen. Der Fall würde auch anderen Frauen Mut machen, ihre Peiniger anzuzeigen. Kommt es nicht zum Freispruch, könnte es für Lohfink schwer werden. Sie stünde als vermeintliche Lügnerin da. Was wiederum andere Opfer sexueller Gewalt davon abhalten würde, ihre Vergewaltiger anzuzeigen.

So reagiert das Netz auf den Lohfink-Prozess

"Nein heißt nein" - mit diesem Statement solidarisieren sich Menschen im Netz und vor dem Amtsgericht mit Gina-Lisa Lohfink. Mehr dazu lesen Sie hier.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+