Geständnisse auf Postkarten Der Geheimnissammler

Tübingen. Postkarten verbinden wir mit Grüßen von Freunden. Sebastian Schultheiß dagegen bekommt regelmäßig Post von wildfremden Menschen.
08.10.2013, 18:00
Lesedauer: 2 Min
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Der Geheimnissammler
Von Stefan Lakeband

Tübingen. Postkarten verbinden wir häufig mit Urlaub und Grüßen von Freunden. Doch nicht immer ist das so. Sebastian Schultheiß bekommt regelmäßig Post von wildfremden Menschen, die ihm brisante Geheimnisse verraten.

Rechteckig, aus stabiler Pappe und mit einem Bild vorne drauf: Postkarten sagen Danke für den Besuch einer Hochzeit, informieren uns über die Babys unserer Freunde oder lassen uns für einen kurzen Moment am Urlaub anderer teilhaben.

Am Weltposttag am Mittwoch ist aber Zeit zu zeigen, dass Postkarten nicht nur für die schönen Momente im Leben da sind. Denn: Bei den Karten, die Sebastian Schultheiß regelmäßig aus seinem Postfach zieht, geht es in der Regel selten um „Sonnige Grüße aus...“ oder „Vielen Dank für...“.

Jede Woche bekommt er etwa drei bis fünf Postkarten – allerdings nicht von schreibfreudigen Freunden, sondern von Fremden. Diese enthalten auch keine lieben Grüße, sondern persönliche Geheimnisse und intime Geständnisse. Das verwundert, denn Schultheiß ist weder ein bekannter Psychologe noch hat er sich einen Namen als Problemlöser gemacht. Wenn man sich allerdings die Adresse auf den Karten genauer anschaut, wird es allmählich klar, dass auch gar nicht der 32-jährige Tübinger direkt gemeint ist, sondern etwas, was sich geheimnisvollerweise „Postsecret“ nennt.

.Dahinter verbirgt sich ein Kunstprojekt, das seit 2004 in den USA läuft und das Schultheiß vor vier Jahren in Deutschland begonnen hat. Die Idee dahinter: Jeder hat Geheimnisse, aber nicht immer jemanden, mit dem er sie teilen möchte oder kann. Um sich seinen Ballast trotzdem von der Seele schreiben zu können, kann man sein Geheimnis einfach auf eine Karte schreiben und an „Postsecret“ schicken, woraufhin sie dann ins Internet gestellt wird. Ganz anonym natürlich. Weder Schultheiß noch die Leser im Internet wissen, woher und von wem die Karte stammt. „Oft kann man noch nicht mal den Poststempel entziffern“, sagt der Tübinger.

Mit Problemen nicht allein

Die Geheimnisse, die Schultheiß bekommt, reichen von Liebeskummer bis hin zur Abneigung vor dem eigenen Körper. Online stellt er trotzdem alle – auch wenn sie manchmal verstörend wirken. „Einmal habe ich eine Karte bekommen, auf der sich jemand wünschte, dass Barack Obama tot sei“, erinnert er sich. Eine aktuelle Karte zeigt das Bild eines Models. Dazu hat jemand handschriftlich ergänzt: „Ich habe ANGST, dass ich WIEDER magersüchtig bin...“

Dass diese Karten nicht nur Eindruck bei Schultheiß hinterlassen, sondern auch bei den Lesern, zeigt ein Forum, das der US-Homepage angeschlossen ist. Dort diskutieren zahlreiche Benutzer die aktuellen Geheimnisse oder sprechen über ihre eigenen Probleme. Beispielsweise finden sich Diskussionen über Liebesprobleme, Drogenabhängigkeit oder mentale Störungen. Auch Schultheiß bekommt regelmäßig E-Mails, die sich auf zuvor veröffentlichte Geheimnisse beziehen. „Wenn ich die Postkarten veröffentliche, sehen die Leute, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind“, erklärt der 32-Jährige. Oft versuchen Leser den Geheimnisschreibern Mut zuzusprechen, besonders, wenn sie schon einmal eine ähnliche Situation durchlebt haben, beispielsweise bei Selbstmordgedanken.

Neben den Geständnissen fremder Leute, hat den Tübinger aber vor allem die grafische Gestaltung der Karten interessiert. Denn die wenigsten Geheimnisschreiber schicke eine gewöhnliche Postkarte. „Manchmal sind sie handgemacht, manche sind Fotos und andere haben Karten überklebt und selbst gestaltet“, erklärt er. Trotz aller Liebe zur Gestaltung von Postkarten, ein eigenes Geheimnis hat Sebastian Schultheiß noch nicht veröffentlicht.

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