Labor der Republik

Wie der Landkreis Heinsberg gegen das Coronavirus kämpft

Im rheinischen Kreis Heinsberg kam am Karnevalsdienstag „Patient 1“ auf die Intensivstation. Die Zahl der Infizierten und Toten ist enorm seither. Jetzt wird die Region zum Modell für das ganze Land
02.04.2020, 07:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Deike Diening
Wie der Landkreis Heinsberg gegen das Coronavirus kämpft

Idylle im Westen: Im Kreis Heinsberg geschah der erste große Coronavirus-Ausbruch von Deutschland – ausgelöst durch eine Karnevalssitzung.

Jonas Güttler

Stephan Pusch, CDU, Landrat des Kreises Heinsberg, hat der chinesischen Millionenstadt Wuhan für später, nach der Viruskrise, wenn sie dann noch wollen, eine Städtepartnerschaft angeboten. Was beide teilen, ist die Erfahrung der Stigmatisierung. „Menschlich kann ich die Erfahrungen der Chinesen nachvollziehen“, sagt Pusch am Telefon. Er weiß jetzt selbst, wie es ist, der erste zu sein, bei dem eine Seuche auftritt. Wie es ist, wenn die Welt mit dem Finger auf einen zeigt.

Vergangene Woche kam die Nachricht, dass die Kurve der Neuansteckungen im Kreis Heinsberg endlich stagniert, sich die neu Infizierten mit den Geheilten die Waage halten. Zum ersten Mal, seit am Karnevalsdienstag „Patient 1“, Deutschlands erster „beatmungspflichtiger Covid-19-Patient“, hustend, Teil keiner Risikogruppe, dennoch infiziert mit dem Coronavirus, auf der Intensivstation des Hermann-Josef-Krankenhauses in Erkelenz eingeliefert wurde. 1264 Personen haben sich inzwischen in dem beschaulichen Landkreis im äußersten Westen Deutschlands infiziert, 35 Menschen sind an den Folgen der Covid-19-Krankheit gestorben.

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Erfahrungsvorsprung

Die Heinsberger waren die ersten, die auf alles Antworten finden mussten. Sie haben den so bitteren Corona-Erfahrungsvorsprung. Spätestens seit dem heutigen Montag ist der Kreis auch offiziell die Schule der Nation. Seit Montag schwärmen im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung, und unter der Regie des Virologen Hendrik Streek von der Universitätsklinik Bonn, 20 medizinische studentische Hilfskräfte aus, um im Landkreis Patienten nach ihren Krankheitsverläufen zu befragen. Heinsberg gilt als Modellregion, von der die Wissenschaft und Deutschland lernen kann.

Seitdem der Landkreis als Risikogebiet gilt, ist das Hinfahren verboten. Aber anrufen kann man in diesem neuen „Normal“, das im Rest der Republik gerade erst beginnt. Seit bald fünf Wochen bedeutet das: tägliches Treffen des Krisenstabs von Politik und Krankenhäusern, schnelle Entscheidungen über Sachverhalte ohne Beispiel, Stillstand des öffentlichen Lebens. Der einen Hektik und der anderen Stillstand wird unterbrochen von Nachrichten über Infektion oder Tod bei Freunden und Bekannten – jeder kennt ja jemanden, der jemanden kennt…

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Atemschutzmasken wurden knapp

„Wir hatten keine Zeit, Angst zu entwickeln“, sagt Pusch am Telefon. Sie mussten handeln: sich um die Krankenhäuser kümmern, um Eltern, deren Kinder nicht mehr in die Schulen gingen, um die Selbstständigen ohne Arbeit. Als bei seinen drei Kliniken in Erkelenz, Heinsberg und Geilenkirchen die Atemschutzmasken knapp wurden, hat Pusch zuerst der Bundeswehr Druck gemacht. Als das erst nicht zu fruchten schien, schrieb er am 23. März über das Konsulat in Düsseldorf einen Brief an China und bat um Unterstützung. Inzwischen hat nicht nur die Bundeswehr geliefert – auch aus China kam eine Zusage.

Was der Virologe Christian Drosten für das Land ist – täglicher Anker im schwimmenden Alltag –, das ist im Kreis Heinsberg der Landrat. Täglich gibt Pusch per Facebook aus seinem Büro ein Update für die Heinsberger: Pusch-Nachrichten, die unverblümt, zugewandt, klar und nicht länger als nötig sind. Er mahnt, warum Hamsterkäufe jetzt nicht angesagt sind, redet über Sport und gegen die Angst. Er erzählt von seinen Bemühungen, dass Eltern irgendwann die Gebühren für die Kita erstattet bekommen.

Man sieht den Landrat in den Filmchen mal erschöpft, mal stolz und immer eindringlich. Jedes beendet er mit dem inzwischen zum Mantra gewordenen Slogan: „hsbestrong!“ Zusammen ergeben diese Nachrichten eine Art Tagebuch, eine Chronologie der Krise, die dokumentiert, wie eine Region nach Lösungen sucht. Was kann man also von Heinsberg lernen? Die Front ist keine Linie. Sie besteht aus vielen, einzelnen Punkten, an denen jeweils Sieg oder Niederlage möglich sind. Der erste Punkt ist das Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz.

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Infektion am Karnevalsdienstag

In der Telefonleitung zu Jann Habbinga, Verwaltungsdirektor, wird es kurz still, während er nach frischen Zahlen sucht: 20 Covidpatienten aktuell, „aber wenn ich da jetzt runterginge, können es auch schon wieder 23 sein.“ Runter ins Erdgeschoss, wo sie jetzt die Covidpatienten auf eine Isolierstation gelegt haben. Dort lag am Karnevalsdienstag, den sie hier „Veilchendienstag“ nennen, der „Patient 1“. Separat gelegt haben sie ihn sofort, weil jeder, der auf einer Intensivstation stark hustet, eine Gefahr für die anderen ist.

Er fiel in keine Risikogruppe, aber einen Abstrich machten sie trotzdem, wegen des Hustens. Sie waren vorbereitet: Eine Woche zuvor hatten sie auf Ebene der Chefärzte Szenarien mit Corona-Infizierten durchgespielt, das Virus war längst aus China nach Italien gekommen. Um 17 Uhr kam das Testergebnis „positiv“ zurück, um 18 Uhr tagte der Krisenstab. Ab dem 26. Februar saß Heinsberg zu Hause. Schulen geschlossen, Kontaktvermeidung, Hände waschen. Der Kreis hat 370 Intensivstationsbetten pro 100 000 Einwohner.

Als die Kapazitäten knapp wurden, haben die drei Krankenhäuser in Heinsberg, Geilenkirchen und Erkelenz zusammengearbeitet. Erkelenz, das größte unter ihnen, hat Patienten aus Heinsberg aufgenommen. Sie selbst haben acht Menschen verlegt, nach Aachen und Düsseldorf. Es war nicht nötig, für eine Behandlung eines Menschen die eines anderen auszusetzen. Denn Deutschland, sagt Habbinga, plane in diesen Dingen immer mit Puffer: Fahrstühle würden auch nur zugelassen, wenn sie in Wahrheit das Doppelte der genehmigten Last tragen können.

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Hashtag: #hsbestrong

Stephan Pusch würde sagen: „hsbestrong!“ Der Heinsberger Krisenslogan, der noch am ersten Abend entstand, der inzwischen auf Flaggen und T-Shirts gedruckt ist und den der Landkreis zuletzt sogar als Marke schützen ließ. Der Unternehmer Frank Reifenrath hat ihn erfunden. Sein Modus aktuell: 20 Stunden am Tag die Facebook-Seite „hsbestrong“ pflegen, eine Stunde Sport treiben, drei Stunden schlafen. Den Slogan habe er ja fast aus Versehen rausgehauen, abends auf der Couch. Seine Frau habe den platt gefunden und sich lustig gemacht.

Aber jetzt, da die Aufmerksamkeit von bis zu 60 000 Menschen aus der Region dafür schon einmal da ist, könne man mit ihm auch etwas bewirken. Reifenrath sagt, es verändere sich jetzt viel zum Guten. Ehemals technikscheue Mittelständler leiten traumwandlerisch Videokonferenzen. Er sei beeindruckt davon, wie die Bürgermeister der kleinen Orte im Kreis „plötzlich Fahrt aufgenommen haben“. Und er beobachte genau, wie unter dem Druck der Krise Charaktereigenschaften zutage treten: „Die einen werden zu Helden, die anderen sind Fluchttiere.“ Die buddeln sich ein.

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