Kommentar über den Streit um Gas

Größenwahn in der Ägäis

Der Streit zwischen Griechenland und der Türkei in der Ägäis eskaliert. Doch für die türkische Regierung geht es keineswegs nur um Gas- und Ölvorkommen, meint Ferry Batzoglou.
03.09.2020, 05:00
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Von Ferry Batzoglou
Größenwahn in der Ägäis

Das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis" erkundet Gasvorkommen in der Ägäis – und ist ein Streitobjekt.

Ibrahim Laleli

Im sich stetig zuspitzenden Streit zwischen Griechenland und der Türkei beäugen sich in der Ost-Ägäis und im östlichen Mittelmeer rund um die Uhr gegenseitig Kriegsschiffe und U-Boote. Und am Himmel fliegen Kampfjets. Der gefährliche Konflikt droht zu eskalieren. Der Grund: die nun schon wochenlange Suche des türkischen Forschungsschiffs „Oruc Reis“ vor den griechischen Inseln nach Gasvorkommen.

Es geht dabei aber nicht nur um die dort vermuteten, irgendwann mehr oder minder einträglichen Gas- und Ölvorkommen. Der Türkei geht es um viel mehr. Stichwort: „Blaues Vaterland (Mavi Vatan)“, die Doktrin für die Meerespolitik des Landes. Das Dogma Ankaras: Das östliche Mittelmeer gehört in großen Teilen uns.

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Nachdem die griechische Regierung unter Premier Kyriakos Mitsotakis erst kürzlich für das Seegebiet im Westen des Landes die Ausdehnung der Hoheitsgewässer von bislang sechs auf zwölf Seemeilen verkündet hat, läuten in Ankara die Alarmglocken. Zudem vereinbarte Griechenland ein Abkommen mit Ägypten über die Festlegung von ausschließlichen Wirtschaftszonen. Dabei versucht Athen mit der – auf den Westen – begrenzten Ausdehnung seiner Hoheitsgewässer bewusst, die Türkei nicht zu provozieren. Denn das türkische Parlament hatte im Jahr 1995 eine eventuelle Ausdehnung der griechischen Hoheitsgewässer in der Ägäis zum Kriegsgrund erklärt. Die Regierung hat diese Drohung jüngst bekräftigt.

Mitsotakis wiederum hat erklärt, Athen sei zu einem Dialog über die Festlegung des Festlandsockels sowie der ausschließlichen Wirtschaftszone bereit. Mitsotakis' Vorschlag: „Die Provokationen stoppen, und der Dialog beginnt.“ Sein Ruf verhallt. Demgegenüber häufen sich am Bosporus die Stimmen, die Griechenland unverhohlen mit Krieg drohen. Im Stakkato der zunehmenden Kriegsrhetorik lehnte sich Mesut Hakki Casin, der außenpolitische Berater von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, weit aus dem Fenster: „Griechen, ihr seid Zwerge. Und die Türkei ist Gulliver!“

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Womöglich wollte der Fanatiker bei seinem Chef nur Eindruck schinden – und dabei gleich noch ein paar Lacher auf seiner Seite haben. Ernster wird die Sache aber, wenn man sich die jüngste Kolumne des Erdogan-Vertrauten Ibrahim Karagül im Istanbuler Blatt „Yeni Safak“ zu Gemüte führt. „Wir kämpfen an großen Fronten. Der gesamte Status quo nach dem Ersten Weltkrieg bricht zusammen. Die westliche Politik, die darauf abzielt, diese Region neu zu gestalten, zu verwalten, unter Kontrolle zu halten und ihre Ressourcen zu plündern, bricht zusammen“, schreibt der Chefredakteur von „Yeni Safak“. Erdogan erschüttere diese nachkoloniale Ordnung, schrieb er. Und keilte auch noch gegen die Europäische Union. Für die Türkei und die Türken sei „Europa kein reizvolles Ziel mehr“, so Karagül.

Genau dies ist das Denkmuster des Systems Erdogan: antiwestlich, hegemonial, aggressiv. Die Türkei, der Täter, wird zum Opfer stilisiert. Um dann umso härter zuzuschlagen. Erschreckend ist, dass auch die türkische Opposition der Irrfahrt der „Oruc Reis“ im östlichen Mittelmeer nicht vernehmbar widerspricht. Europa muss diesen Größenwahn stoppen. Es ist höchste Zeit. Schon im Februar belegte der EU-Ministerrat als Reaktion auf die nicht genehmigten Bohrtätigkeiten zwei beteiligte Manager mit Sanktionen.

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Man fror deren Vermögen ein, zudem wurde ein Einreiseverbot in die EU verhängt. Es war eine erste Reaktion, die aber nicht weit genug ging. Deutlich härtere Sanktionen müssen her, falls Ankara in diesem Konflikt nicht einlenkt. Die Türkei darf nicht der Illusion verfallen, sie könne den Gulliver im Land der Zwerge spielen. Griechenland ist kein Zwerg – und Europa schon gar nicht.

Natürlich muss die Diplomatie Vorrang haben. Können sich die Regierungen in Athen und Ankara nicht einigen, sollten beide Länder endlich internationale Gerichte anrufen. Jedenfalls ist dem Expansionsstreben der Türkei Einhalt zu gebieten, notfalls auch mit militärischen Mitteln. Dass Frankreich an der Seite Griechenlands Flagge zeigt und mehrere Kriegsschiffe entsendet hat, ist ein starkes Signal. Abschreckung pur. Vielleicht die einzige Sprache, die Erdogan versteht.

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