Gesellschaft Deutsch lernen - krass gemacht

Hamburg/Berlin. John nimmt den roten Doppeldeckerbus zur Schule und Jean-Luc kauft sich ein Baguette - wer Englisch oder Französisch lernt, tut dies meistens mit Bilderbuchfamilien aus London und Paris oder aus Schottland und der Provence.
18.05.2010, 10:32
Lesedauer: 3 Min
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Hamburg/Berlin. John nimmt den roten Doppeldeckerbus zur Schule und Jean-Luc kauft sich ein Baguette - wer Englisch oder Französisch lernt, tut dies meistens mit Bilderbuchfamilien aus London und Paris oder aus Schottland und der Provence.

Auch Deutsch bekommen viele Menschen so dröge beigebracht. Wer in ausländische Lehrbücher guckt, sieht die Ärztin aus Leipzig oder den Anwalt aus Heidelberg, es geht um den Besuch im klassischen Konzert oder auf dem romantischen Weihnachtsmarkt. Die Sprachlehrbuch-Parodie «Deutsch für den Ausländer» macht Schluss damit. Zwei Autoren konterkarieren das übliche Konzept und karikieren dabei die deutsche Gesellschaft.

Die Berliner Florian Lamp (33) und Johannes Heldrich (31) bringen angenommenen englischsprachigen Lesern die deutschsprachige Welt anhand einer Familie näher, die nicht den gewohnten Vorzeige-Kriterien entspricht. Ihr Buch ist eine Mischung aus didaktischem Ernst und derbem Humor und ihr erstes im eigenen Verlag.

Helden sind die Schmidts, eine «typisch deutsche Familie». Mutter Eve jobbt in einem Imbiss und liebt Wurst, Vater Helmut ist arbeitslos. «Er hat eine Ausbildung als Fallschirmspringer und Inoffizieller Mitarbeiter und trinkt sehr gerne sehr viel Alkohol.» Tochter Doreen schwänzt gern die Schule und möchte per Castingshow berühmt werden. Sohn Sven wäre gern ein Gangsta-Rapper.

In «Chapter 4» geht es um die Uhrzeiten - in einfachen Sätzen. 11 Uhr: «Helmut erwacht und steht auf. Zuerst trinkt er ein Aufwach-Bier. Er geht in die Küche und zündet sich eine Zigarette an. Dann schaut er aus dem Fenster und hetzt gegen Ausländer.» Die Geschichten rund um die Schmidts sind alles andere als «politisch korrekt». Die Mutter geht fremd, der Vater verliert den Führerschein. Der Imperativ wird gelehrt mit «Näss dich ein!» Die Übungen und Grafiken sind drastisch. Ein Schaubild zeigt am weiblichen Körper die Vokabeln «Monsterbrüste» und «Reiterhosen» und am männlichen «Rotzbremse» und «Klöten».

Schon während des Studiums der Neueren Deutschen Literatur und Medien in Marburg kam Autor Florian Lamp die Idee, eine Lehrbuch-Parodie zu verfassen, erzählt er. Bereits in der Schule in Montabaur habe ihn genervt, dass die Menschen in den Büchern immer so bürgerlich waren. Während eines Semesters in den USA unterrichtete Lamp selber Deutsch - mit einem Buch, das er viel zu brav und bieder fand.

Neben Grammatik- und Vokabel-Übungen kommt im Buch von Lamp und Heldrich auch Länderkunde vor, in Kapitel 15 zum Beispiel geht es um «German Celebrities». Darin werden Promis wie Günther Jauch, TV-Richterin Barbara Salesch oder Scooter-Frontmann H.P. Baxxter vorgestellt.

Es fehlen natürlich auch nicht: Angela Merkel («First 'chancellorette' in Germany if Hitler was not female...» - erste deutsche Kanzlerin, wenn Hitler keine Frau war), Thomas Gottschalk («former teacher now show master... His hair is said to be fake» - Ex-Lehrer, nun Showmaster... man sagt, sein Haar sei nicht echt), Papst Benedikt XVI. («The artist formerly known as Joseph Ratzinger» - der Künstler, der mal Joseph Ratzinger war) oder Heidi Klum («...worked for McDonald's and is the domina in 'Germany's Next Topmodel'» -. ..arbeitete für McDonald's und ist die Domina beim deutschen TV-Casting «Germany's Next Topmodel»).

Bitterböse ist auch das Kapitel über Comedy in Deutschland: Darin geht es etwa um Mario Barth («Successful like Hitler (70 000 watched his show in the Olympia Stadium)» - erfolgreich wie Hitler (70 000 Fans im Olympiastadion Berlin)) oder aber Oliver Pocher («Former Jehova's witness who thinks he's funny» - ehemaliger Zeuge Jehovas, der glaubt, er sei witzig).

Vor ein paar Jahren lachten viele Leute über «Reiseführer» für das fiktive Molwanîen in Osteuropa («Land des schadhaften Lächelns») oder das erfundene Phaic Tan in Südostasien («Land des krampfhaften Lächelns»). Die Parodien waren Bestseller. Wem sie damals gefielen, der wird auch «Deutsch für den Ausländer» mögen - bisher sind von dem Buch jedoch nur einige hundert Exemplare verkauft worden.

Literatur: Florian Lamp, Johannes Heldrich, Deutsch für den Ausländer, Großkonzern - der kleine Verlag, ISBN-13: 978-3-941934-00-9, 19,89 Euro (dpa)

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