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Auf einen Spaziergang durch die Speicherstadt

Kathrin Aldenhoff 08.07.2015 0 Kommentare

Konzentriert bohrt Akin Kemal ein Loch in Hamburgs neues Weltkulturerbe. Dübel und Schraube rein, der Kupferdraht ist fixiert – nächstes Loch, nächster Dübel. Wenn etwas Weltkulturerbe wird, dann soll es, so wie es ist, für die Zukunft bewahrt werden. Doch Titel hin oder her – die Blöcke der Speicherstadt brauchen neue Blitzableiter.

Das Gebäude in der Mitte ist das alte Windenwärterhäuschen. Der Windenwärter tauschte kaputte Winden aus. Heute ist dort ein Restaurant mit Teekontor, das die Kräuterteemischung „Windenwächter“ als Souvenir verkauft
Das Gebäude in der Mitte ist das alte Windenwärterhäuschen. Der Windenwärter tauschte kaputte Winden aus. Heute ist dort ein Restaurant mit Teekontor, das die Kräuterteemischung „Windenwächter“ als Souvenir verkauft (Suhwa Lee)
Heute steht Akin Kemal also in einem blauen Boot und muss mit einem Wackerhammer doppelt verzinkte Metallstangen an der Kaimauer entlang neun Meter tief in den Boden rammen. Das Boot gehört Christian Oehler. Der 42-Jährige hat ein Seil durch den Schutenhalter in der Kaimauer gezogen, er hält es in der Hand und lehnt sich leicht zurück, damit sich das Boot nicht so stark bewegt. Ein wenig schaukelt es trotzdem.

Vielleicht könnte man sagen, dass Christian Oehler die Seele der Speicherstadt ist. Seit elf Jahren betreibt der Hamburger das Café im Fleetschlösschen, diesem winzigen Backsteinbau, den wahrscheinlich jeder Tourist fotografiert: mit seinen Blumen neben dem Eingang, dem Wein, der sich an der Mauer hochrankt und den entzückenden Türmchen.

Vom Boot aus neue Blitzableiter zu installieren, ist für Akin Kemal eine besondere Herausforderung.
Eindrücke aus der Hamburger Speicherstadt.
Christian Oehler betreibt das Café im ehemaligen Zollgebäude. Es steht in vielen Reiseführern – sogar Gäste aus Nordkorea habe er schon gehabt, erzählt er. 
Fotostrecke: Die Hamburger Speicherstadt in Bildern

Der Mann mit den blauen Augen und den blonden Locken kennt hier fast alle, interessiert sich für vieles, macht Dinge möglich. Der Chef von Akin Kemal saß mal bei ihm zum Kaffeetrinken und erzählte von seinem Auftrag: die Blitzableiter in der Speicherstadt warten. Christian Oehler bot ihm an, die Arbeiter mit seinem Boot durch die Fleete zu fahren, zu den Stellen, die nur übers Wasser zu erreichen sind.

Das Fleetschlösschen ist das erste Café in der Speicherstadt, auf der anderen Straßenseite beginnt schon die Hafen City. Tische und Stühle stehen auf dem Fußweg, Geranien in lila Blumentöpfen auf den Tischen. Die Sonne strahlt, eine Gruppe Österreicher trinkt Cappuccino und Rhabarbersaftschorle, Christian Oehler trägt zwei Tassen Milchkaffee zu der jungen Familie am anderen Tisch. Er ist – wie alle anderen in der Speicherstadt – Mieter der HHLA, der Hamburger Hafen und Logistik AG.

Im zweiten Weltkrieg zur Hälfte zerstört

Neben der Speicherstadt war auch das Kontorhausviertel mit dem Chilehaus Teil von Hamburgs Bewerbung bei der Unesco. Und es ist nun ebenso Träger des Titels. 
Neben der Speicherstadt war auch das Kontorhausviertel mit dem Chilehaus Teil von Hamburgs Bewerbung bei der Unesco. Und es ist nun ebenso Träger des Titels.  (Suhwa Lee)
Die HHLA entwickelt Nutzungskonzepte für die enormen Flächen in den Speicherblöcken, sie ist Nachfolgerin der Hamburger Freihafen-Lagerhaus Gesellschaft, die 1885 gegründet wurde und den Bau und die Vermietung der Speicher leitete. 1927 war die Speicherstadt fertig, auf rund 300 000 Quadratmetern Fläche lagerten jahrzehntelang Tee, Kaffee und Gewürze. Es roch nach Kakao, Vanille und anderen exotischen Gewürzen. Wer heute mit einem Boot durch die Fleete fährt, muss Glück haben, dann riecht auch er etwas. Wenn der Wind richtig steht, zieht der Duft von frischem Kaffee aus der Kaffeerösterei übers Wasser.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die halbe Speicherstadt zerstört, nicht alle Gebäude wurden wieder aufgebaut. In den Jahrzehnten danach wandelte sich der Handel: Waren wurden nun in Containern transportiert, die Lagerung in der Speicherstadt war umständlich und teuer. Doch es kamen neue Nutzer: Das Freihafengebiet wurde in den 1980er-Jahren zum größten Teppichlager der Welt.

Seit 30 Jahren hat Ali Motamedi seinen Teppichhandel im Speicher V. Die Eingangstür ist mit einer Alarmanlage gesichert, es riecht nach Tee und arabischen Gewürzen, in zwei Käfigen sitzen quietschgelbe Kanarienvögel und zwitschern. Bei Ali Motamedi gibt es nur alte Teppiche: 90, 200 oder sogar 400 Jahre sind sie alt. Alles Einzelstücke natürlich, aus dem Iran, der Türkei, aus Indien. Sammler kommen zu ihm und Privatleute, die einen alten Teppich wollen. Und ihn sich leisten können. Seine Mitarbeiter waschen und pflegen Teppiche, bessern sie aus, wenn sie nach vielen Jahrzehnten Löcher bekommen haben. Auch Christian Oehler hat mal einen Teppich vorbeigebracht.

Unnahbar und abweisend

Ali Motamedi sagt, dass es für ihn und seine Kollegen komplizierter geworden sei, seit die Speicherstadt 2003 ihren Freihafenstatus verloren habe – es seien viel mehr Regeln zu beachten. Früher habe es rund 300 Teppichlager gegeben, heute seien es knapp 30. Christian Oehler nimmt einen Schluck Tee und nickt. „Die Mode verdrängt jetzt die Teppiche“, sagt er. Nach Angaben der HHLA ist die Modebranche inzwischen mit fast 30 000 Quadratmetern einer der größten Nutzer der Speicherböden.

So wie die neuseeländische Textilfirma Icebreaker, die vor drei Jahren mit einem Showroom in den Speicher nebenan gezogen ist. Andere Outdoormarken haben ihre Showrooms auch hier, das wollte man nutzen. Und das Flair sei einfach ganz besonders, sagt Manager Sascha Labahn. In den renovierten Lagerhäusern koste der Quadratmeter zwischen 15 und 20 Euro Miete. Icebreaker belegt rund 180 Quadratmeter. Lohnt sich das? Ein Nicken.

Still und erhaben stehen die Lagerhäuser der Speicherstadt an den Fleeten, unnahbar und abweisend wirken sie auf Touristen. Die sehen sie meist nur von außen, wenn sie sich in Barkassen übers Wasser fahren lassen und den Stimmen der Kapitäne lauschen, die ihnen von den großen Handelstraditionen der Speicherstadt erzählen. Die Bugwelle rauscht, Schiffe hupen. In wenige Speicher können sie offiziell hinein: Es gibt ein Speicherstadtmuseum und seit vergangenem Jahr auch ein Hotel, außerdem natürlich das Miniatur-Wunderland mit der größten Modelleisenbahn der Welt.

Dort waren sie vorbereitet: Als das Museum am Montag öffnete, prangten auf einem Modell-Lagerhaus schon die Plaketten mit dem Unesco-Schriftzug und dem Weltkulturerbe-Symbol. Im vergangenen Jahr hat diese bizarre Welt aus künstlichen Bergen und Modelleisenbahnen 1,1 Million Besucher angezogen – mehr als jedes andere Museum in Hamburg.

Dörflichkeit zeichnet die Speicherstadt aus

Die Inhaber des Miniatur Wunderlands waren bestens vorbereitet auf die Entscheidung der UNESCO, die Speicherstadt auf die Welterbeliste zu setzen. 
Die Inhaber des Miniatur Wunderlands waren bestens vorbereitet auf die Entscheidung der UNESCO, die Speicherstadt auf die Welterbeliste zu setzen.  (Suhwa Lee)
Davon, was in den anderen Speichern vor sich geht, bekommen Touristen eigentlich nichts mit. Sie wissen zum Beispiel nicht, dass der Tuchhändler Thilo von Hahn seit zwei Jahren seinen Showroom in einem der Speicher hat. Gemeinsam mit zwei Innenarchitektinnen und einem Kunstberater nutzt er den 2. Boden – so heißen hier die Etagen. Die Kombination ist beeindruckend: An den Backsteinwänden hängen großformatige moderne Gemälde, elegante Sessel stehen auf dem Holzfußboden, auf dem vor Jahrzehnten Tee und Schokolade lagerten. Neben der Warenluke zur Straßenseite hin hängen Proben der Stoffe, edel und hochwertig, versichert der 43-Jährige. Seine direkten Kunden sind Innenarchitekten. Doch weil es so schön und exklusiv hier ist, kommen die gerne auch mit ihren Auftraggebern.

Einen Boden über dem Tuchhändler bereitet ein Mieter alte Elektrogeräte wieder auf, einen Boden weiter unten hat sich schon vor 15 Jahren ein Architektenbüro angesiedelt. Und nebenan dreht der NDR schon seit Jahren seine Kinderkrimiserie „Die Pfefferkörner“.

Thilo von Hahn beschwert sich dann ein wenig, dass die Mieter die Ladezone nicht mehr als Parkplatz nutzen können – das habe immer so gut funktioniert: Man legte seine Visitenkarte ins Fenster, und wenn es Probleme gab, rief man kurz an. Doch das ist vorbei, nun laufen Politessen durch die Speicherstadt und verteilen Knöllchen. Das Dörfliche, das die Speicherstadt auszeichne, und dass jeder jeden kenne, das gehe verloren, sagt er. Christian Oehler stimmt zu. Sie blicken aus dem Fenster, schauen sich an, dann fangen sie an zu lachen. Sie wissen: Viel Grund, sich zu beschweren, haben sie nicht.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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