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Algorithmus soll Bucherfolge vorhersagen

Katharina Frohne 17.05.2019 0 Kommentare

Das Programm von Gesa Schöning und Ralf Winkler kann Texte scannen und eine Bestseller-Prognose abgeben.
Das Programm von Gesa Schöning und Ralf Winkler kann Texte scannen und eine Bestseller-Prognose abgeben. (Bernd Kramer)

London 1996, der Verleger Barry Cunningham sitzt an seinem Schreibtisch und beugt sich über einen Stapel Papier. Ein englischer Spätsommerabend, dicke Regentropfen trommeln gegen die Fensterscheibe, hämmern geradezu. Cunningham hört den Regen nicht. Cunningham hört überhaupt nichts. Er liest und liest, stundenlang, die ganze Nacht. Kurz darauf trifft er die Absenderin des Manuskripts, eine junge Britin, die damals noch niemand kennt: Joanne K. Rowling, arbeitslos, Mutter einer Tochter, erfolglose Romanautorin. Das Buch gefalle ihm, sagt Cunningham, er werde es drucken, erst mal in kleiner Auflage. Trotzdem rät er ihr, sich einen richtigen Job zu suchen: „You'll never make any money doing this.“ Du wirst damit, mit dem Schreiben also, niemals Geld verdienen.

Harry-Potter-Fans kennen und lieben diese Geschichte. Und, vor allem, ihre Pointe. Denn Cunningham sollte sich gewaltig verschätzen. 23 Jahre später ist Rowling nicht nur weltberühmt, sondern auch steinreich. Kaum zu glauben (und für Fans: zu ertragen), dass es beinahe anders gekommen wäre; dass es Rowlings Romane um den Zauberlehrling und seinen Kampf gegen das Böse beinahe nicht gegeben hätte.

Der Branche fehlt das Personal

Bevor das Manuskript in Cunninghams Händen landete, hatte keiner der mehr als 20 Verlage, die Rowling kontaktiert hatte, Interesse daran bekundet. Für ein Jugendbuch zu dick, sagten die, die überhaupt reagierten. Die meisten sahen nicht einmal so genau hin. Das kann man schade finden, verständlich ist es allemal. Mehrere Tausend Buchrohfassungen erhalten Verlage jährlich, gelesen wird das Wenigste. Der regelmäßig das baldige Ableben prophezeiten Branche, deren Teams beständig schrumpfen, fehlt es schlichtweg an Personal.

Tragisch, findet Gesa Schöning. Viele tolle Geschichten würden vermutlich nie gelesen, fristeten ein trauriges Dasein auf Servern und in Schubladen. Damit sich das ändert, hat die 32-Jährige ein Start-up gegründet und eine Software für Verlage entwickelt: „Qualifiction“, eine Art Detektor für Bücher mit Bestsellerpotenzial. Der Algorithmus, mit dem das Programm arbeite, erklärt Schöning, analysiere Textdateien im Detail, identifiziere Themen und Spannungselemente, bewerte Dialoge, aber auch Stil und Lesbarkeit. Sie ist sicher: „Harry Potter hätte er mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit entdeckt.“

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Schöning, studierte Kulturwissenschaftlerin und Tochter eines Buchhändlers, sitzt an ihrem Schreibtisch in der Hamburger Altstadt. Ein Büro, das auch eine schöne Wohnung abgeben würde: hohe Decken, dunkler Holzboden, wenige Meter zum Nikolaifleet. Neben einem braunen Sofa stapeln sich Bücher. Darunter: der „Bestseller Code“, ein Sachbuch der Amerikanerin Jodie Archer, die schon 2016 per Künstlicher Intelligenz nach Mustern in erfolgreichen Büchern fahndete. Was Archer herausfand, bestätigte Schönings Vermutungen. „Ich habe schon immer geahnt, dass es gewisse Elemente in Bestsellern gibt, die sich mit der geeigneten Technik offenlegen lassen.“

Die geeignete Technik lieferte Mitgründer Ralf Winkler. Zusammengefunden haben Schöning und er über die Plattform Founderio, eine Art Datingbörse für Menschen mit Geschäftsidee, aber ohne Mitstreiter. Bevor Winkler, 41 und promovierter Mathematiker, nach Hamburg zog, berechnete er in Berlin für den Online-Modehändler Zalando, wie gut sich Jacken, Hosen und Turnschuhe verkaufen lassen werden. Jetzt also: Bücher.

Zu abgedrehte Szenarien sind schwierig

Winkler rollt auf seinem Stuhl zu Schöning an den Schreibtisch, öffnet das Analyse-Programm. Um zu demonstrieren, wie der Algorithmus arbeitet, haben die beiden ihn vorab mit Sebastian Fitzeks Psychothriller „Passagier 23“ gefüttert. Das Buch ist längst erschienen, im Oktober 2014 war das. Innerhalb von 14 Tagen kletterte es auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste, zwei Monate später war es immer noch dort. Ein Riesenerfolg, aber ein erwartbarer. Fitzeks Romane, in denen sehr böse Menschen sehr viel metzeln, verkaufen sich verlässlich hunderttausendfach. Wenn einer weiß, wie Bestseller geht, dann Fitzek.

Weiß das auch der Computer? Winkler klickt sich durch Folien, die das Ergebnis der Analyse abbilden: Säulendiagramme, Listen, Zahlen. Unter dem Punkt Top-Ten-Themen führt das Programm inhaltliche Aspekte und ihre anteilige Gewichtung auf: „Jugendliche Welt“ (4,3 Prozent), „Körperliche Nähe und Berührung“ (3,6 Prozent), „Verschwinden und Fliehen“ (3,4 Prozent). Die thematische Exklusivität bemisst der Algorithmus mit 62 Prozent. Heißt: Die Wahrscheinlichkeit, dass Krimileser schon einmal etwas Ähnliches in der Hand hatten, ist gering.

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Ein guter Wert, sagt Winkler. Zu abgedrehte Szenarien seien schwierig, langweilige sowieso. Winkler, ein Freund vieler Beispiele, erläutert: Eine komplizierte Romanze zwischen zwei Vampiren? Thematisch durch, „Twilight“, klar. Eine Beziehung zweier Hunde auf dem Mars? Nie dagewesen, extrem innovativer Stoff also, aber zu bizarr, als dass er Massen begeistern könnte. Gut verdeutlichen lasse sich das an „Harry Potter“. Die Romane böten eine Mischung aus Vertrautem (Gut gegen Böse, Erwachsenwerden, Freundschaft) und Ungewohntem (Zaubererinternat, sprechende Hüte, dreiköpfige Hunde).

Winkler blättert weiter. Auf einer anderen Folie zeigt eine Spannungskurve an, wo der Roman Fahrt aufnimmt und wo es eher betulich zugeht. Eine weitere benennt die Erzählperspektive, eine andere bewertet, wie groß der Wortschatz ist, wie variabel das Vokabular, wie umfangreich das Personal, ob Kammerspiel-Besetzung oder Tolstoi-Ausmaße. Kurzum: Alles, was sich messen lässt, wird gemessen, gewichtet, verrechnet. Am Ende spuckt das Programm eine Zahl aus: den Bestseller-Score. In Fitzeks Fall sind das 98 Punkte von 100. Darunter verkündet das Programm die frohe Botschaft: „Dieses Werk besitzt ein sehr hohes Potenzial, ein Bestseller zu werden.“

Grundlage der Prognose sind Zehntausende Bücher, die Schöning und Winkler bereits eingelesen haben. Regelmäßig kommen neue hinzu, einschließlich ihrer Verkaufszahlen. „Wir füttern den Algorithmus mit Informationen wie ein kleines Kind“, sagt Winkler. „Er lernt ständig dazu, und irgendwann weiß er dann, wie er arbeiten muss.“

Der Algorithmus entwickelt sich

Was kann es inzwischen, das immerhin zweijährige Software-Kind? Schöning erzählt von einer Begegnung im März: Leipziger Buchmesse, an ihrem Stand hatte das Start-up Live-Analysen angeboten. Autoren konnten ihre Manuskripte auf dem USB-Stick einreichen. Die meisten Texte, erzählt Schöning, seien bei fünf bis 15 Punkten gelandet. Keine Schande, Standardwert. Spannend werde es ab 50. Dann: Alarm! Bestsellerpotenzial! Fast schon aufgeregt seien sie deshalb gewesen, als auf dem Bildschirm plötzlich 76 Punkte leuchteten. Sofort bei einem der Verlage vorbeischauen, rieten sie dem Tester. Der gab zu: Hatte er längst; er war bei Random House unter Vertrag, auch einen Bestseller hatte er schon geschrieben. Er sei nur neugierig gewesen – ob das ominöse Programm aus Hamburg wirklich funktioniere. Schöning und Winkler fühlten sich bestätigt.

Was die beiden vorführen und erzählen, ist beeindruckend. Einerseits. Andererseits haben sie etwas Beunruhigendes, die Umschreibungen der Fähigkeiten des Algorithmus, die eher nach Mensch klingen als nach Maschine. Er „lernt“, er „weiß“, er entwickelt sich. Könnte das Programm die menschliche Überprüfung überflüssig machen? Regieren bald Künstliche Intelligenzen den deutschen Buchmarkt?

"Es gibt Tipps, mehr nicht"

Winkler und Schöning kennen sie, diese Bedenken. „Die Angst ist definitiv da – damit müssen wir umgehen“, sagt Winkler. Acht Verlage lassen den Algorithmus bereits für sich arbeiten, bei allen brauchte es erst einmal Überzeugungsarbeit. Dabei, sagt Winkler, sei völlig klar: „Die Software kann den Menschen nicht ersetzen, das soll sie auch gar nicht; sie assistiert ihm.“ Die Texte, die das Programm scanne, würden andernfalls wohl nie gelesen, es setze also da an, wo die Arbeit des Lektors noch gar nicht begonnen habe. „Es gibt Tipps, mehr nicht“, sagt Schöning. Entscheiden, ob das Buch ins Verlagsprogramm passe und ob die Chemie zwischen Autor und Team stimme, müssten die Verlage selbstverständlich selbst.

Trotzdem sträubt sich da etwas. Ist es wirklich wünschenswert, dass Literatur nur dann verlegt wird, wenn sie Kassenschlagerpotenzial hat? Muss das Land der Dichter, Denker und unberechenbaren Genies da nicht auf die Barrikaden gehen? Die freie Kunst verteidigen? Schöning sieht‘s pragmatisch: Ihr Algorithmus berechne die Erfolgschancen eines Buches. Punkt. „Gut und schlecht sind Attribute, mit denen wir nicht arbeiten“, sagt sie. „Wir würden nie sagen: Ein Text, dem das Programm wenig Punkte gibt, taugt nichts.“

Seit wenigen Tagen bietet das Start-up die Software auch für Autoren an, Schreiber können per Selbstanalyse ihr Werk sezieren lassen, Bestseller-Prognose inklusive. „Harry Potter“-Schöpferin Rowling brauchte diese Hilfe nicht. Sie glaubte auch ohne den Zuspruch eines Algorithmus daran, dass ihr Roman eines Tages entdeckt werden würde. Selbstverständlich sei diese Zuversicht nicht, sagt Schöning. Wer wisse schon, wie viele Geschichten nie gelesen würden, weil ihre Schöpfer irgendwann den Mut ­verloren.

Zur Sache

Was ist ein Bestseller?

Eine deutsche Entsprechung des Wortes Bestseller gibt es nicht; am ehesten wohl: Verkaufsschlager. Doch warum gibt es mehrere Bestseller-Listen, etwa im „Spiegel“ oder in der „Bild“? Müssten nicht alle das Gleiche anzeigen? Nein – denn die Rankings werden auf Basis der Abverkaufszahlen einer Auswahl von Händlern errechnet. Im Falle des „Spiegel“ etwa wird auf die Zahlen von 400 deutschen Buchhandlungen zugegriffen, die „Bild“ orientiert sich an den Verkaufzahlen des Online-Marktplatzes Amazon. Die Zahlen können deshalb variieren.


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Leserkommentare
HB-Maennchen am 23.10.2019 09:23
Da möchte man als schlichter Leser des Weser-Kuriers der jetzt wieder doch etwas deutlicher wahrnehmbaren schreibenden Stimme der Chefredakteurin ...
cklammer am 23.10.2019 09:05
Na, wir wissen ja, wie das geht: etwas gleichartiges wird ja am Weserstadion schon beim jedem Heimspiel von Werder umgesetzt.

Da wird ...
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