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Interview Michael Behrendt
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„Auch Heino kann für Zündstoff sorgen“

Alexandra Knief 29.03.2019 0 Kommentare

Der Journalist und Autor Michael Behrendt hat da mal einen Blick auf 100 Jahre Musikgeschichte geworfen.
Der Journalist und Autor Michael Behrendt hat da mal einen Blick auf 100 Jahre Musikgeschichte geworfen. (Ernst Stratmann)

Herr Behrendt, in Ihrem Buch „Provokation!“ versammeln sie 70 Songs der vergangenen 100 Jahre, die auf die eine oder andere Art für Zündstoff sorgten. Haben Sie einen musikalischen Lieblingsskandal?

Michael Behrendt: Eigentlich nicht, aber ich finde alle Skandale gut, die irgendetwas in der Gesellschaft bewirkt haben. Zum Beispiel Bob Dylan mit dem Song „Hurricane“, der die Wiederaufnahme des Gerichtsverfahrens eines zu Unrecht verurteilten Boxers erreichen konnte. Oder auch The Pogues (Anm. d. Red. „Streets Of Sorrow/Birmingham Six“), die im Nordirland-Konflikt die britische Justiz kritisiert hatten. Erst wurden sie deswegen boykottiert, später kam heraus, dass sie recht hatten, und ihr Song musste wieder gespielt werden.

Das heißt, Musik kann die Gesellschaft verändern?

Auf jeden Fall. Selten so konkret wie bei Dylan oder den Pogues, aber es sind symbolische Handlungen, die da in die Welt geschickt werden, und die begleiten zumindest Bewegungen, verstärken sie und tragen dazu bei, dass die Gesellschaft sich verändert.

In den 1960er-Jahren waren es noch Bands wie die Beatles, die provozierten, weil sie Pilzfrisuren hatten, E-Gitarre spielten und sich gegen die Rassentrennung in den USA aussprachen. Inwieweit hat sich Provokation in der Musik verändert?

Die Leute, die früher gegen das Establishment revoltiert und provoziert haben, sind heute selber das Establishment. Heute kommt die Provokation von rechts. Oder von Rappern mit Migrationshintergrund. Heute bekommt das Establishment eher von dieser Seite eins auf die Nuss, als dass man die Gesellschaft noch weiter in Richtung Liberalität oder Demokratie verändern will.

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Nach welchen Kriterien haben Sie die Songs in Ihrem Buch ausgewählt?

Ich wollte nicht nur deutsche und englische Beispiele, darum habe ich auch was Französisches und Italienisches dabei. Ich wollte auch nicht nur die ganz bekannten Beispiele nehmen und verschiedene Themengebiete abdecken: Sex, Drogen, Religion, Politik, Gleichberechtigung – solche Themen kommen immer wieder, da wird es irgendwann langweilig, wenn man 20 Beispiele zum selben Thema hat.

Welches Songbeispiel ist Ihrer Meinung nach besonders skurril?

Ein bisschen skurril ist die Geschichte zu „Flowers In The Rain“ von The Move. Das war eigentlich ein harmloses Pop-Liedchen, der Manager der Band hat aber das Gefühl gehabt, er müsse diesen Song mit einer politischen Postkarte bewerben. Auf der Karte hat er den damaligen Premierminister verunglimpft. Der war nicht begeistert, hat die Band verklagt und gewonnen. Der Manager wurde daraufhin natürlich gefeuert. Das ist ein Beispiel für eine sinnlose Provokation, die nach hinten losging.

Noch was?

Bei dem Stöhnsong „Love To Love You Baby“ von Donna Summer haben die Kritiker irgendwann angefangen, die Orgasmen zu zählen. Sie kamen alle zu verschiedenen Ergebnissen. Bei sowas muss man sich schon ein bisschen kaputtlachen. 

Sie sagten ja bereits, dass einige Themen immer wiederkommen. Gibt es auch Skandaltypen, die man unterscheiden kann?

Es gibt die beißende Satire, das, was zum Beispiel Frank Zappa mit „Bobby Brown“ gemacht hat. Es gibt die nihilistische Provokation, die die Sex Pistols gemacht haben, es gibt natürlich auch den kritischen Protestsong, der eine Botschaft durchbringen will. Und dann gibt es noch die kalkulierte Provokation, wie zum Beispiel beim russischen Duo t.A.T.u., das so getan hat, als sei es lesbisch, um zu provozieren.

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In Ihrem Buch finden sich auch Künstler wie Heino, der nicht unbedingt für Skandal steht. Kann jeder Musiker einen Skandalsong schreiben?

Ich glaube, das kann jeder – wenn er denn will und einen Ansatzpunkt findet. Bei Heino ist es zum Beispiel eine szeneinterne Provokation. Der Erste, der das gemacht hat, war Bob Dylan, indem er seine Folksong-Fans verschreckt hat, weil er plötzlich eine E-Gitarre in der Hand hatte und apokalyptische Texte gesungen hat. Er hat die Erwartungen nicht erfüllt und seine Leute vor den Kopf gestoßen.

Und Heino hat sich am deutschen Indie/Rock-Establishment – von den Toten Hosen bis hin zu Rammstein – gerächt, indem er ihre Songs in typischer Heino-Volkslied-Manier gecovert hat. Jan Delay hat Heino daraufhin ja sogar als Nazi beschimpft, weil er so sauer war. Das wiederum hat Heino nicht auf sich sitzen lassen. Also auch ein Heino kann für Zündstoff sorgen.

Sie differenzieren in Ihrem Buch zwischen dem Song-Ich, dem Show-Ich und dem biografischen Ich. Warum ist diese Unterscheidung wichtig?

Das biografische Ich ist der Autor, der einfach in seinem Alltag lebt. Das Song-Ich ist das, was aus den Lyrics spricht. Wenn Frank Zappa singt „My name is Bobby Brown“, ist klar, dass Bobby Brown nicht Frank Zappa ist. Und das Show-Ich ist die schillernde Bühnenpersönlichkeit. Wichtig wird diese Unterscheidung, wenn es um den Ernst einer Botschaft geht. Wenn ein Protestsänger sagt, er will, dass der Krieg aufhört, gibt es wahrscheinlich eine Einheit zwischen den Ichs.

Hip-Hopper allerdings spielen bewusst mit diesen drei Elementen. Die bauen große dicke Show-Ichs auf, behaupten in ihren Songs schlimme Sachen und sagen dann, dass sie das alles gar nicht so gemeint haben und es sich nur um ein rhetorisches Spiel handelt.

Können Jugendliche immer unterscheiden, was ernst gemeint ist und was nicht? Oder muss man sich als Erziehungsberechtigter bei einigen Rap-Texten Sorgen machen?

Ich finde schon, dass man sich Sorgen machen sollte. Aber es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Jugendliche sehr wohl auch zwischen Kunst und Realität differenzieren können. Allerdings kam auch heraus, dass labile Charaktere sich durchaus von solchen Gangster-Rap-Songs mit sexistischen, homophoben oder antisemitischen Tendenzen beeinflussen lassen.

Ist es noch Kunstfreiheit, wenn Songtexte derartige Inhalte enthalten?

Hier ist wieder die Frage, ob diese Inhalte ernst gemeint oder Teil eines rhetorischen Spiels sind. Hip-Hopper und einige latente Rechtsrocker beherrschen es sehr virtuos, sich immer an der Grenze zu dem zu bewegen, was man noch sagen kann. Manchmal hilft es, sich die Biografie der Künstler angucken, um abzuschätzen, wie ernst Dinge wohl gemeint sind. Es gibt aber durchaus auch Künstler, bei denen selbst die Szene sagt: Mit dem wollen wir nichts mehr zu tun haben. Da distanzieren sich dann harte Jungs von anderen harten Jungs.

President Evil beschreiben ihren Musikstil als
Sascha Reinmann, im Oktober 1973 geboren, ist ein deutscher Musiker und Rapper. Bekannt wurde er als Ferris MC. Reimann verbrachte seine Kindheit unter anderem in Bremen-Tenever. In nahezu all seinen Musikstücken thematisiert er seine wechselvolle, nicht sehr glückliche Kindheit und Jugend. Seit 2008 ist er festes Mitglied der Band Deichkind - unter dem Namen Ferris Hilton.
Immo Wischhusen wurde im September 1975 in Bremen geboren und ist unter dem Namen FlowinImmO bekannt. Der deutsche Rapper zählt zu den Veteranen des deutschen Hip-Hop. Zusammen mit Ferris MC und DJ Pee gründete er die Rap-Musikgruppe Freaks Association Bremen. Ihr erstes Album Freaks erschien 1995, es folgten diverse Singles und im Jahre 1997 die ERiCH Privat EP, welche die letzte Veröffentlichung war. Nach einem Streit löste sich F.A.B. Ende 1997 auf.
We had to leave ist ein Indie-Elektro-Trio aus Bremen. 2013 fanden sich Julian Bendixen, Torben Germer und Christian Heinze zum ersten Mal in der heutigen Konstellation zusammen. Seitdem reisen sie regelmäßig durch die Weltgeschichte: zahlreiche Konzerte der Band fanden sowohl in Deutschland als auch im europäischen Ausland statt.
 
Fotostrecke: Bands mit bremischen Wurzeln
Haben Sie da ein Beispiel?

G-Hot hat zum Beispiel 2007 in seinem Song „Keine Toleranz“ sinngemäß gesungen, dass man alle Schwulen umnieten und sich für die Rechte der Heterosexuellen einsetzen soll. Das war nicht satirisch, das war nicht lustig, der hat einfach nur irgendwas nicht richtig kapiert. Da haben selbst Rapper von Aggro Berlin gesagt: Damit wollen wir nichts zu tun haben.

Sie stellen in Ihrem Buch trotzdem die Frage, ob man „den Scheiß nicht einfach verbieten kann“. Kann man? Oder besser: Sollte man?

Die Antwort lautet: Scheiße, nein! (lacht) Weil wir eine Demokratie sind, weil wir Kunst- und Meinungsfreiheit haben. Das sind sehr hohe Güter, die es gerade in dieser Zeit zu bewahren gilt. Deshalb sollte man einfach genau gucken, was da passiert. Oft kann man sich ja nach einem zweiten Blick auch erleichtert zurücklehnen, weil man feststellt, ist alles doch nicht so wild.

Was würden Sie denn prognostizieren, wie die Thematiken auf dem Musikmarkt sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln werden?

Ich denke, rechtspopulistische Songs werden uns noch eine Weile beschäftigen. Wir sehen aber ja auch gerade viele andere Entwicklungen, zum Beispiel die „Friday for Future“-Proteste für den Klimaschutz. Ich hoffe, dass die jungen Leute auch mit den entsprechenden Songs reagieren. Es wird immer neue Provokationen und neue Gegenbewegungen geben. Die Provokation ist nicht tot.

Das Gespräch führte Alexandra Knief.

Zur Person

Michael Behrendt ist Journalist und beschäftigte sich schon zu Studienzeiten mit dem Thema Musik. Auch während seiner Arbeit beim Magazin „Prinz“ und dem Stadtmagazin „Journal Frankfurt“ lag sein Schwerpunkt auf pop- und rockmusikalischen Themen. Heute arbeitet Behrendt als freiberuflicher Lektor und Autor. In seinem neuesten Buch „Provokation!“ präsentiert er Songs aus 100 Jahren Musikgeschichte, die für Aufsehen sorgten.

Weitere Informationen

Michael Behrendt: Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en. Theiss/wbg, Darmstadt. 296 Seiten, 20 €


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Leserkommentare
suziwolf am 23.10.2019 17:47
Diese
,langsame und (auch) demonstrierende‘ Dame
war sich sicherlich darüber im Klaren,
dass 15km/h für einen 🚴🏿‍♀️ ganz schön ...
FloM am 23.10.2019 17:45
"Da sind wir wir letztlich recht nah beieinander"
Häufig ist das so, wenn man erst mal mehr als 140 Zeichen miteinander ausgetauscht hat ...
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