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Das Grundgesetz als Magazin

Katharina Frohne 05.12.2018 0 Kommentare

Gemeinsam mit dem Grafikdesigner Andreas Volleritsch hat der Journalist Oliver Wurm das Grundgesetz in Magazinform gegossen.
Gemeinsam mit dem Grafikdesigner Andreas Volleritsch hat der Journalist Oliver Wurm das Grundgesetz in Magazinform gegossen. (André Karkalis)

Oliver Wurm redet über das Grundgesetz wie andere über ergreifende Lyrik. Er spricht von „wunderschönen Sätzen“, von der Wucht der Worte, von Textstellen, die ihn „umgehauen haben“. Wurm weiß, dass das erst mal komisch klingt. Trocken, das sei wohl eher das Adjektiv, das den meisten zu Artikeln und Paragrafen einfalle. Aber er glaubt auch: Das liegt nur daran, dass kaum jemand so genau hinsehe.

Wurm kennt das. Er, Jahrgang 1969, habe selbst zuletzt in der Schule im Gesetzestext geblättert. Bis er vor einem Jahr fernsah und bei Markus Lanz hängen blieb. In der Sendung war der Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator Ranga Yogeshwar zu Gast. Ganz beiläufig, sagt Wurm, habe der von der deutschen Verfassung geschwärmt, diesem „sensationellen“ Text, den jeder gelesen haben sollte. Ein bemerkenswertes Lob aus dem Munde eines Sprachliebhabers, fand Wurm. Er sah nach. Und stellte fest: Yogeshwar hat recht.

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Dann kamen mehrere Dinge zusammen. Wurm ist Medienentwickler und Journalist, seit zehn Jahren konzipiert er Magazine, Apps, Facebook-Seiten und neue Varianten der Panini-Sammelhefte. Schon 2009 wagte er sich an einen Text, dem wohl die wenigsten sonderlich großen Unterhaltungswert zugetraut hätten: das Neue Testament.

Jetzt also das Grundgesetz. Wurm tat sich mit dem Grafikdesigner Andreas Volleritsch zusammen und entwarf eine Zeitschrift mit dem programmatischen Titel „Das Grundgesetz als Magazin“. 124 Seiten, weiß-gelbes Hochglanzcover, wertiges Papier, Spielereien mit verschiedenen Schriftarten und -größen, großformatige Fotografien. Anzeigen gibt es im Grundgesetz-Magazin nicht. Finanziert hat Wurm das Heft mit der Unterstützung von 70 deutschen Unternehmen. 100 000 Exemplare wurden bisher gedruckt, seit vergangener Woche liegen sie in Bahnhofsbuchhandlungen und ausgewählten Kiosken aus.

Adenauer verkündet vor 70 Jahren die neue Verfassung Deutschlands

Der Zeitpunkt passt: In wenigen Monaten, am 23. Mai 2019, hat das Grundgesetz Geburtstag. 70 Jahre ist es dann her, dass Konrad Adenauer, damals noch Ratspräsident, in Bonn die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland verkündete.

Der ideale Anlass für eine Hommage, fand Wurm. Seine Idee: eine Zeitschrift, die den Gesetzestext einmal ganz anders wirken lässt. Einige Artikel füllen ganze Seiten. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, prangt in fetten schwarzen Lettern auf knallrotem Grund. Wer weiterblättert, liest schwarz auf weiß: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Oder: „Politisch Verfolgte genießen Asyl.“ Wohlbekannte Sätze, die knallen, als läse man sie zum ersten Mal. Deren ungebrochene Relevanz einem fast schmerzlich bewusst wird.

Auf Kommentierungen, Erklärungen, Erläuterungen oder Analysen hat Wurm verzichtet. Nur im hinteren Teil des Heftes gibt es ein wenig Zusatzmaterial: eine Übersicht über die bisherigen Bundespräsidenten, 1200 Jahre deutsche Geschichte oder die Wappen der 16 Bundesländer. Er habe sich nur gestalterisch einmischen wollen, sagt Wurm. Der Inhalt sei seit 70 Jahren da, und er sei großartig: klug, weitsichtig, zeitlos in seiner Klarheit. „Pures Gold“, sagt Wurm. Nur die Form, die habe Brillantes bisher eher bieder wirken lassen. Schnöde Broschüren, „unlesbare Bleiwüsten“, in denen große Worte gnadenlos untergingen. Wurm will Lesenswertes lesbarer machen. Und das gelingt.

Wie gut kennen Sie eigentlich das Grundgesetz? Testen Sie Ihr wissen in unserem Quiz.

Durchbrochen wird der Text einzig von Fotografien der Erde, die der deutsche Astronaut Alexander Gerst von der internationalen Raumstation ISS angefertigt hat. Wurm erschien das passend: die Welt von oben, ein frischer Blick auf allzu Vertrautes. „Und vielleicht die Erkenntnis: Manches, das wir haben, ist schon ziemlich gut. Auf das sollten wir aufpassen.“

Den Blick zu schärfen für etwas, das in seiner Allgegenwart selbstverständlich erscheint, das ist der wohl große Verdienst dieses Heftes, dem gelingt, was so schön vielleicht nur die Kunst kann: Alltägliches mit anderen Augen zu sehen.


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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...
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