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Streamingportale mischen Branche auf
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Kinos kämpfen gegen Netflix und Co.

Sebastian Krüger 12.02.2018 4 Kommentare

Streamingportale wie Netflix sind im Aufwind - das macht sich auch bei den Zahlen der Kinobesuche bemerkbar.
Streamingportale wie Netflix sind im Aufwind - das macht sich auch bei den Zahlen der Kinobesuche bemerkbar. (dpa)

Ein stabiler Wirtschaftszweig ist es nicht: „Das Kino hat immer seine Probleme“, sagt Wolfgang Mühl-Benninghaus, Professor für Theorie und Geschichte des Films an der Humboldt-Universität Berlin. Auch mit dem Erfolg von Streamingdiensten wie Netflix befürchten Kinobetreiber einen Wandel ihrer Branche. In den vergangenen Jahren haben Streamingdienste schon Videotheken schwer zu schaffen gemacht. 2007 gab es nach Angaben des deutschen Verbands des Video- und Medienfachhandels (IVD) 3181 Videotheken, 2016 waren es nur noch 917. Bremen stellt keine Ausnahme dar: Von 35 Videotheken in 2007 sank die Zahl bis 2016 auf magere elf. Ein Trend, der sich auch auf die Kinobranche niederschlägt.

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Streamingdienste übten Druck auf das Kino aus, konstatiert Mühl-Benninghaus. Aber: „Neue Formen der Vermarktung gehen immer zulasten des Kinos.“ In den vergangenen Jahren gab es immer weniger Kinobesuche. 2016 schauten sich 121,1 Millionen Deutsche einen Film auf der großen Leinwand an – 2001 waren es noch 177,9 Millionen. Mühl-Benninghaus sieht viele Gründe dafür: gestiegene Eintrittspreise, die Ausstattung der Kinos und natürlich das Filmangebot. Um die Jahrtausendwende hätten Filmreihen wie „Harry Potter“ oder „Herr der Ringe“ die Kinokassen klingeln lassen. Da solche Erfolgsreihen nicht jedes Jahr produziert werden, kommt es mitunter zu starken jährlichen Schwankungen in den Bilanzen. Das Phänomen sei nicht neu, sondern bereits seit den 1980er-Jahren deutlich zu beobachten, sagt er.

Das Kinopublikum wird älter

Relativ neu hingegen sei, dass Streamingdienste eine ernsthafte Konkurrenz für Kinobetreiber darstellen. Die einfache Begründung: „Unsere Freizeit ist begrenzt. Wer einen Film oder eine Serie auf Netflix schaut, geht nicht ins Kino.“ Der Wissenschaftler betont, dass es dazu noch keine verlässlichen Zahlen gebe, da langjährige Erfahrungswerte fehlen würden.

Das Kinopublikum werde älter, erläutert Mühl-Benninghaus. Da sich ein älteres Publikum stärker für europäische Independent-Produktionen interessiere, gebe es für solche Filme mehr Abspielplätze in den Filmkunstkinos. Multiplexkinos würden sich eher auf US-Blockbuster konzentrieren, welche an ein tendenziell jüngeres Publikum gerichtet seien. Ein Manko der großen Häuser: Ein gemütliches Beisammensein nach Filmende ist dort meist nicht möglich. Dabei steht beim Kinobesuch zunehmend der Eventcharakter im Vordergrund. So verkleiden sich viele Fans, wenn kultige Filme aus dem Anime-Bereich oder aus der „Star Trek“-Reihe gezeigt werden. „Man trifft sich mit Freunden, trinkt anschließend noch ein Glas Wein oder ein Bier“, sagt Mühl-Benninghaus. Für ihn ist die Frage entscheidend, was der Einzelne mit dem Kinobesuch verbindet. Da spielen die angebotenen Filme und die Gestaltung des Kinos eine Rolle.

„Kino ist etwas anderes, als zu Hause einen Film zu schauen“

Thomas Settje - Kino und Streaming
Thomas Settje, Geschäftsführer des Cinema im Ostertor, ist optimistisch. Konkurrenz durch Streamingdienste sieht der Kinobetreiber nicht. (Christina Kuhaupt)

„Streaming hat keinen Einfluss auf den Kinobesuch“, betont dagegen Thomas Settje, Geschäftsführer des Cinema im Bremer Ostertor. Wer Filme zu Hause auf dem Tablet schaut, sei kein Kunde fürs Kino. Konkurrenz durch Netflix gebe es daher nicht, versichert er. 2017 sei für alle deutschen Kinobetreiber zufriedenstellend gewesen. Schwankungen in den Jahresbilanzen erklärt er, wie Mühl-Benninghaus, mit dem Filmangebot. Für Arthouse-Betreiber seien „La La Land“ und „Moonlight“ im vergangenen Jahr Kassenschlager gewesen. Auch „Hidden Figures“ habe einen sehr erfolgreichen Lauf in seinem Kino gehabt.

Untätig dürften Kinobetreiber dennoch nicht sein. Bild- und Tontechnik müssten stets auf dem neuesten Stand sein. „Das Kinoerlebnis muss ein Vergnügen sein“, findet Settje. Die letzte große Neuerung in seinem Haus sei die Digitalisierung vor drei Jahren gewesen. Klassische Projektoren werden seitdem nicht mehr verwendet, das letzte Exemplar steht zur Zierde im Foyer. Mit den Multiplex-Kinos muss Settje in der Hinsicht nicht konkurrieren. Die Gewohnheiten und Ansprüche der Filmgänger seien konstant, was er auf die inhaltliche Ausrichtung seines Kinos zurückführt. „Soundtechnik wie für ,Star Wars‘ ist in Programmkinos nicht notwendig“, sagt er. Auch 3D-Technik spiele im Cinema keine Rolle. Ihm ist es wichtiger, das Kino zu einem Treffpunkt zu machen. „Kino ist etwas anderes, als zu Hause einen Film zu schauen“, betont er. Daher sei Gastronomie auch für kleinere Kinos eine wichtige Einnahmequelle, ebenso wie die Werbung vorm Hauptfilm.

ARD und ZDF sind Hauptsponsoren für deutsche Kinofilme

Angesichts der jüngeren Entwicklung probieren manche Kinobetreiber alternative Modelle aus, um wettbewerbsfähig zu bleiben. So bieten 30 österreichische Programmkinos seit vergangenem September 150 Filme zum Streamen an. Für 4,90 Euro können Nutzer einen Film 48 Stunden lang auf der Website des entsprechenden Kinos anschauen. Die Einnahmen gehen zu je einem Drittel an das Kino, die Rechteinhaber des Films sowie die Streamingplattform. Bei den 150 gestreamten Filmen handelt es sich ausschließlich um österreichische Produktionen. Die Veröffentlichung via Stream erfolgt sechs Monate nach Kinoausstrahlung. Im Gegensatz zu Anbietern wie Netflix funktioniert das österreichische Modell nicht als Abo zum monatlichen Festpreis, sondern über das dem Kino nicht unähnlichen Prinzip Pay-per-View: Wer einen Film anschauen möchte, bezahlt einmalig.

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Am Markt gebe es immer Verlierer, betont Mühl-Benninghaus – zusätzliche Möglichkeiten der Filmverwertung allerdings auch. Einen Zusammenschluss der Kinobetreiber nach österreichischem Vorbild hält er in Deutschland für unwahrscheinlich, hier gebe es dafür zu viele kleine Produzenten und Verleiher. Unter diesen Bedingungen eine Dachgesellschaft zu gründen wäre schwer. In Deutschland gebe es eine Produzentenallianz, Streaming sei allerdings eher eine Sache des Vertriebs. ARD und ZDF seien hierzulande die Hauptsponsoren für Kinofilme. Die Sendeanstalten sichern sich die Rechte an den Filmen für fünf Jahre, erklärt Mühl-Benninghaus. Das gebe es in den USA nicht. Allerdings stecke im dortigen Filmmarkt wesentlich mehr Geld. „Hier hat niemand so viel Geld wie Netflix in den USA.“

Netflix trickst Filmfestival aus

In Frankreich hingegen steht Netflix vor einer besonderen Ausgangslage. Im französischen Recht genießt das Kino einen hohen Schutz. Nach der Kinoverwertung müssen Streamingdienste drei Jahre warten, ehe sie ihre eigenen Produktionen ausstrahlen dürfen. Die Folge: Anbieter werden es sich zweimal überlegen, ob sie ihre Filme überhaupt im Kino zeigen oder sich auf die eigene Plattform beschränken. Das Filmfestival von Cannes hat sich in der Sache klar positioniert. 2017 durften die Netflix-Eigenproduktionen „Okja“ und „The Meyerowitz Stories“ am Wettbewerb um die Goldene Palme teilnehmen. Beide gingen allerdings leer aus. Als Reaktion auf die heftigen Proteste vonseiten der Kinobetreiber zeichnet die Jury von diesem Jahr an nur noch Filme aus, die auch für das Kinoprogramm vorgesehen sind.

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Die Krux: „Okja“ lief anschließend in südkoreanischen Kinos. Die drei größten Kinoketten des Landes jedoch boykottierten den Film des Regisseurs Bong Joon-ho. Die wenigen kleinen Häuser, die „Okja“ im Programm führten, konnten sich indes über verhältnismäßig hohe Besucherzahlen freuen. Trotzdem spielte das märchenhafte Abenteuer mit knapp 300.000 verkauften Eintrittskarten kaum mehr als zwei Millionen US-Dollar ein – bei einem Budget von 50 Millionen US-Dollar. In Cannes wurde der Film nach technischen Schwierigkeiten zu Vorführungsbeginn und Buhrufen angesichts des Netflix-Logos im Vorspann schließlich mit Standing Ovations bedacht.

Settje begrüßt, dass nur noch potenzielle Kinofilme in Cannes zu sehen sind. Werden Filme dort erfolgreich gezeigt, sind sie für den laufenden Kinobetrieb attraktiv. Produktionen ohne geplante Kinoverwertung bezeichnet er daher als Zeitverschwendung. Cannes sei ein Festival für Kinofilme, für reine Streamingproduktionen sollte es ein eigenes Festival geben.


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Leserkommentare
hopfen am 21.10.2019 11:38
Ein sehr gutes Beispiel dafür wie realitätsfern Politiker inzwischen sind. Würden alle fast identische Ferienzeiten bekommen, würde das absolute ...
admiral_brommy am 21.10.2019 11:29
Zitat: ".....und die Behörden lehnen seinen Asylantrag ab. "

Ausreisepflichtig scheint er aber nicht zu sein. Warum?
Warum ...
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