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Kommentar zur Wutrede von Herbert Grönemeyer
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Reflexe der dauererregten Mediengesellschaft

Hendrik Werner 16.09.2019 19 Kommentare

Zeigt gerne mal, wo es politisch langgehen soll: Sänger Herbert Grönemeyer, hier bei einem Auftritt im Erfurter   Steigerwaldstadion Ende August.
Zeigt gerne mal, wo es politisch langgehen soll: Sänger Herbert Grönemeyer, hier bei einem Auftritt im Erfurter   Steigerwaldstadion Ende August. (Martin Schutt)

Dass der Ton die Musik macht, dass also die Form einer Äußerung wesentlich über die Wahrnehmung ihres Inhalts mitbestimmt, ist nicht nur eine Redensart, sondern eine bewährte Üblichkeit im Umgang zwischen Menschen. Wer besonders laut spricht, hat nicht automatisch das Recht auf seiner Seite. Wer seine Haltung auf polemische Weise artikuliert, läuft Gefahr, dass seine Argumente weniger zur Kenntnis genommen werden als seine Wortwahl. Das gängige Ideal einer konstruktiven, tendenziell sanften Gesprächskultur hat sich hierzulande auch in Abgrenzung zu zwei Diktaturen im 20. Jahrhundert entwickelt, die auf monologische Machtworte setzten statt auf pluralistischen Austausch.    

„Tumult“ heißt – nach seinem jüngsten Album – die aktuelle Tournee des deutschen Sängers Herbert Grönemeyer, die ihn am vergangenen Donnerstag nach Wien führte. Für Tumult in den sozialen Netzwerken sorgt seit diesem Auftritt ein Video, das den Musiker bei einer aufgewühlten Ansprache an das Publikum zeigt. Darin appelliert der 63-Jährige, der bei Konzerten seit Jahr und Tag gegen politische Extremismen wettert, „keinen Millimeter nach rechts zu rücken“ – und „Ausgrenzung, Rassismus und Hetze“ abzuwenden. Er tut dies, der jähen Aufwallung und dem hohen Geräuschpegel in der ausverkauften Halle geschuldet, naturgemäß nicht im Flüsterton, sondern er redet sich in Rage, wird sozusagen zum Lautsprecher. Diskreditiert dieser Umstand seine Botschaft? Nein, die Begleitklänge zeigen nur und immerhin, wie rasch Haltung in eine rhetorische Verhärtung, Engagement in einen Erregungszustand münden kann.

Aber das ist eine nachgeordnete Stilfrage, wenn man sich vor Augen führt, in welcher politischen Situation Grönemeyer sein Credo, das einer aus Sorge gewobenen Mahnung gleicht, herausgebrüllt hat. In Österreich finden am 27. September Nationalratswahlen statt; die Prognosen sehen die FPÖ trotz der Ibiza-Affäre erneut im Aufwind. Hierzulande ist die AfD unlängst bei Wahlen gleich in zwei Bundesländern zweitstärkste Kraft geworden; in Thüringen dürfte es im Oktober zumindest für den dritten Rang in der Wählergunst reichen. Europaweit sind rechtspopulistische Parteien zu politischen Größen avanciert – von Polen bis Italien.

Herbert Grönemeyer hat zu diesem Aufschwung und dazu, wie ihm zu begegnen sei, oft Stellung bezogen, etwa im Juli in Chemnitz beim zweiten Anti-Rechts-Konzert unter dem Leitwort „Wir bleiben mehr“. „Das Land ist unser Land„, hatte er damals ähnlich grenzpathetisch wie jetzt in Wien bemerkt. “Wir halten es fest und stabil und lassen es nicht nach rechts ausschwenken.“ Man ahnt: Wessen Herz voll ist, dessen Mund geht über.

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Kritiker der jüngsten Brandrede wie die AfD-Politikerin Beatrix von Storch beurteilen Grönemeyers Sprechduktus ohne jeden Versuch einer Binnendifferenzierung. Sie twitterte, bei dem Wortbeitrag handle es sich um "die furchterregendste, übelste, totalitärste Hassrede, die ich je gehört habe“. Grönemeyer praktiziere "Ton und Furor des neuen Terrors von links“. Wer das unterstütze, sei – wie Heiko Maas – "ein Fall für den Verfassungsschutz“. Der Bundesaußenminister war dem Sänger nach Bekanntwerden des von der AfD inkriminierten Videos beigesprungen und hatte ihm für seinen Einsatz bedankt. „Es liegt an uns, für eine freie Gesellschaft einzutreten und die Demokratie gemeinsam zu verteidigen“, schrieb er auf Twitter.

Doch Tonlage und Wortwahl Grönemeyers sind auch im linken Milieu umstritten. Moniert werden das für ihn handelsübliche Raunzen und Krakeelen, Blöken und Belfern, das an nationalsozialistische Ansprachen gemahne. Allein: Die Rede zu bemühen, mit der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1943 im Berliner Sportpalast den "totalen Krieg" beschwor, ist ein ebenso hanebüchener Vorwurf wie die Kritik an einer Grönemeyer-Formulierung: Wenn Politiker schwächelten – das sei in Österreich nicht anders als in Deutschland –, „dann liegt es an uns, zu diktieren, wie 'ne Gesellschaft auszusehen hat". Wer hier den Aufruf zu einer linken Diktatur herauszuhören glaubt, missversteht den Demokraten Grönemeyer absichtsvoll.

Das Schlusswort zur Causa, die beispielhaft Reflexe der dauererregten Mediengesellschaft bündelt, gebührt Satiriker Shahak Shapira: „Vergleichen Leute jetzt Grönemeyer mit Goebbels, nur weil er eine Rede in ähnlicher Lautstärke gehalten hat? Mein Föhn ist ungefähr so laut wie eine Kettensäge und ich bekomme trotzdem unterschiedliche Ergebnisse, wenn ich sie mir an den Kopf halte.“


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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