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Lothar Probst über Helmut Schmidt
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"Dieser Stil würde heute nicht mehr passen"

11.11.2015 10 Kommentare

Lothar Probst (63) ist Politikwissenschaftler an der Universität Bremen und Geschäftsführer des Instituts für Interkulturelle und Internationale Studien. Sein Spezialgebiet ist die Parteien- und Wahlforschung. Im Interview spricht er über den am Dienstag gestorbenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt.

Helmut Schmidt im Jahr 1982.
Helmut Schmidt im Jahr 1982. (dpa)

Herr Probst, haben Sie Helmut Schmidt auch einmal persönlich erlebt?

Lothar Probst: Nein, leider hatte ich nie das Vergnügen, ihn einmal live zu erleben.

Wie kam er Ihnen als Mensch vor?

Sein legendärer Ruf als Macher wurde ja schon 1962 als Manager der Flutkatastrophe in Hamburg begründet. Diesen Ruf hat er auch später behalten. Dadurch wirkte er in der Öffentlichkeit immer ein bisschen technokratisch – ihm fehlten die soften Eigenschaften, die zum Beispiel Willy Brandt hatte. Im Alter hatte man dann den Eindruck, er schwebt über allem. Er dozierte gern auch ein bisschen, manchmal bis zur Arroganz, und hat andere dabei häufig schlecht aussehen lassen. Ich glaube, als Mensch war er weniger nahbar als seine Frau. Erst im Doppelgespann mit Loki Schmidt wurden auch seinen sympathischen Züge sichtbar.

Was ist das größte Verdienst des Politikers Helmut Schmidt?

Dass er sich in schwierigen Situationen als Krisenmanager bewährt hat – – auch wenn er dafür einen Preis zahlen musste. Die Staatsräson stand bei ihm an erster Stelle – zum Beispiel 1977 bei der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Schmidt hat allen Widrigkeiten zum Trotz in dieser Situation Standhaftigkeit bewiesen und in Kauf genommen, dass man in der Politik nicht „unschuldig“ bleiben kann, sondern auch schmerzhafte Entscheidungen treffen muss..

Wo liegen seine Versäumnisse?

Ich denke, er hat nicht rechtzeitig erkannt, was sich gesellschaftlich und politisch in den 1970er-Jahren geändert hat. Das lag auch am Stil, am Festhalten an seinem Macherimage. Wenn man beispielsweise an die von ihm mit betriebene Durchsetzung des damaligen zivilen Atomprogramms denkt oder an die Stationierung von Mittelstreckenraketen – da hat er ein bisschen den Zugang zu dem verloren, was in seiner Partei passiert ist. Sie ist ihm dann ja auch mehr oder weniger in den Rücken gefallen. Die aufkommende Ökologie- und Friedensbewegung hat er jedenfalls nicht ernst genug genommen. Da fehlte ihm einfach das politische Sensorium. Letzten Endes hat das mit dazu beigetragen, dass seine durchaus erfolgreiche Kanzlerschaft vorzeitig geendet hat.

Lothar Probst.
Lothar Probst. (Frank Thomas Koch)

Warum war Helmut Schmidt auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt so beliebt bei den Deutschen?

Das trifft mit Sicherheit auf viele aus seiner eigenen Generation zu. Bei der Kriegsgeneration hatte er ein hohes Ansehen, weil sie sich in ihm, der immer klare Kante gezeigt hat, spiegeln konnte. Aber mit zunehmendem Alter hat er in vielen Teilen der Gesellschaft, auch bei Jüngeren, Anerkennung und Respekt erfahren. Das hat natürlich auch mit dem zeitlichen Abstand zu seiner Kanzlerschaft zu tun. Je größer die zeitliche Distanz zum früheren Amt und Wirken wird, desto größer ist oft die Verklärung einer Person. Man muss aber anerkennen, dass Helmut Schmidt es als Elder Statesman bis ins hohe Alter verstanden hat, sich eloquent öffentlich einzumischen und dabei zu überzeugen. Selbst viele junge Leute waren von seiner Biografie, seiner Person, seine Geradlinigkeit und seiner Fähigkeit, auch im hohen Alter noch klar zu denken und zu reden, fasziniert.

Schmidt war sehr pragmatisch. Wer Visionen hat, soll zum Arzt, sagte er einmal. Bräuchte man heute mehr Politiker wie ihn?

Nein. Ich glaube, alles hat seine Zeit. Das gilt auch für Politiker und ihre Art zu regieren und zu reden. „Schmidt Schnauze“, wie er genannt wurde, war berüchtigt für seine scharfe Rhetorik. Weder dieser Stil noch die Machereigenschaften würden heute ohne Weiteres passen, auch wenn sich mancher angesichts der Flüchtlingsdramatik genau nach solchen Machereigenschaften sehnen mag. Und sicherlich mangelt es der Politik heute auch weniger an Pragmatismus, sondern eher an Visionen. Ich glaube nicht, dass man das, was ihn ausgezeichnet hat, als Maßstab an heutige Politiker anlegen kann.

Das Interview führte Norbert Pfeifer.


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Leserkommentare
kkahle am 21.10.2019 15:04
Achtung, Achtung!
Der kleine Jan hat sich im Internet verlaufen und sucht jetzt seine Mutti.
Wer ihm begegnet, möge ihm den Weg nach ...
suziwolf am 21.10.2019 15:04
Weit weg ... @Jubi ... ist Erdogan.

Nicht nur geografisch, sondern auch
,Ihrer Vorfreude entsprechend‘ 🙀 !

Und, wenn ...
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