Wetter: Regen, 10 bis 18 °C
Kultusminister tagen in Bremen
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Ziel: Mehr gemeinsame Schule für Behinderte und Nicht-Behinderte

Bernd Schneider 21.06.2010 0 Kommentare

Während die Kultusminister im Haus der Bürgerschaft tagte, gab es auf dem Marktplatz eine Aktion, mit der Eltern und Kin
Während die Kultusminister im Haus der Bürgerschaft tagte, gab es auf dem Marktplatz eine Aktion, mit der Eltern und Kin (Frank Thomas Koch)

Bremen. Gemeinsame Schulen für behinderte und nicht behinderte Kinder - dieses Ziel hat die Kultusministerkonferenz (KMK) gestern in Bremen in den Blick genommen. KMK-Präsident Ludwig Spaenle (CSU), Staatsminister für Unterricht und Kultus in Bayern, sprach von einem 'wichtigen Signal in Richtung gesellschaftliche Teilhabe'. Die Tagung sei die 'beginnende Antwort auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen'.

Inklusion - das ist der Kernbegriff in der UN-Behindertenrechtskonvention (von: to include, einschließen). Die UN gesteht Menschen mit Behinderungen damit unter anderem den Zugang zu einem Bildungssystem 'ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit' zu. Vereinbart ist in Artikel 24 ein 'integratives Bildungssystem auf allen Ebenen'.

Wie Inklusion konkret an Schulen aussieht, wenn 16 Bundesländer mit ganz unterschiedlichen Bildungssystemen an den Start gehen, darüber beraten seit gestern rund 150 Experten aus den Kultusministerien. Schon seit Monaten arbeiten Experten hinter den Kulisse an einer Vereinbarung, die alle mittragen können. 'Behinderte sollen einbezogen werden in das allgemeine Schulsystem', fasst Bremens Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) den Kerngedanken zusammen.

Davon ist die Republik noch weit entfernt. Nur 18,4 Prozent aller behinderten Schüler werden inklusiv beschult, fast 82 Prozent ausgesondert, sagt Adolf Bauer, Sprecher des Deutschen Behindertenrates (DBR). Allerdings gebe es große Unterschiede unter den Ländern: 'Bremen ist weiter als andere.' 40 Prozent würden hier inklusiv beschult, Schlusslicht sei Niedersachsen mit fünf Prozent. Bayern, wo Spaenle Kultusminister ist, komme auf 23 Prozent. Im europäischen Vergleich nimmt sich das sehr bescheiden aus: Andere Nationen - Niederlande, Skandinavien, Italien - unterrichteten 80 bis 100 Prozent inklusiv.

'Was aber für sich allein betrachtet kein Qualitätsmerkmal ist', gab Spaenle zu bedenken. So setzen die Bundesländer nicht auf volle Inklusion. Förderschulen für hör- und sehgeschädigte sowie schwerst mehrfach behindere Kinder haben sogar im bremischen Schulgesetz einen festen Platz - dem Gesetz, das den Anspruch auf Inklusion am weitesten verwirklicht. Renate Jürgens-Pieper: 'Die Eltern haben sich das gewünscht.' So solle etwa gesichert bleiben, dass Hörbehinderte die Gebärdensprache lernen, 'es ist absolut wichtig, dass wird diese Förderzentren behalten'.

'Da stimmen wir sogar zu', betonte Behinderten-Vertreter Adolf Bauer: 'Einrichtungen für schwerst Mehrfachbehinderte wird es weiter geben.' Entscheidend sei aber die Wohnortnähe. 'In den Flächenländern haben wir zum Teil Anfahrtwege von 50 Kilometern', sagte er. 'Die Frage ist, ob das zumutbar ist.'

'Schule definiert Behinderung'

Inklusion - das wird vor allem jene betreffen, denen das Schulsystem im Laufe ihrer Karriere das Etikett 'behindert' angeheftet hat. 'Die Schule definiert selbst Behinderungen, nämlich solche des Lernens und Verhaltens.' So formulierte es etwa der Züricher Pädagogik-Professor Jürgen Oelkers in einem Vortrag auf der Tagung der Kultusminister. Das sei deshalb für die Debatte bedeutsam, 'weil das nämlich außerhalb der Schule gar keine Behinderungen sind.'

In der Praxis zeigt sich das so: Förderschüler, also behinderte Schüler, seien in der Regel Kinder aus zugewanderten Familien, aus sozial schwierigen Verhältnissen - und überwiegend Jungen, sagt Bauer. Sie würden 'ausgegliedert in Sondereinrichtungen, weil man mit ihnen nicht fertig geworden ist.' In Bremen stammten 90 Prozent alle Förderschüler aus einfachsten Verhältnissen, bestätigt die Bildungssenatorin: 'Förderzentren sind vielfach Schulen für Kinder mit Migrationshintergrund.'

Wenn die Tagung der Kultusministerkonferenz heute endet, werden konkrete Beschlüsse nicht gefasst sein. Nicht einmal auf einen Termin für die vollständige Inklusion in allen Ländern der Bundesrepublik will Spaenle sich festlegen lassen. Er müsste ja Wahrsager sein, wenn er das voraussehen könnte, gibt er zu verstehen.

Würde er nur Bremen betrachten, dann müsste er es nicht: 2017 sollen die Förderschulen nach Plänen von Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper vollständig aufgelöst werden, zumindest, wenn die Haushaltslage sich nicht deutlich ändert.

Ganz ohne Ergebnis wird die Tagung in Bremen aber heute auch nicht zu Ende gehen. Wenn alles gut geht, und es sieht danach aus, werden am Ende 'Empfehlungen' verabschiedet, 'möglichst mit 16 zu null Stimmen', so Spaenle. Die 'Letztverantwortung' für die Umsetzung bleibe dann aber in der Hoheit der Länder.

Beunruhigen muss das nicht: Schon 1994 hatten die Länder auf KMK-Ebene Vereinbarungen für die sonderpädagogische Förderung getroffen - auch als Empfehlungen. 'Und danach ist sehr viel in Bewegung gekommen', betonte Ulrich Heimlich, Professor für Behindertenpädagogik in München vor 150 Teilnehmern.

Ein konkretes, wirklich gemeinsames Ziel, so ergänzte Renate Jürgens-Pieper, könne es aber sein, die Leistungsstandards festzulegen, an denen Förderschüler sich überall in Deutschland messen lassen müssen. Drei Viertel von ihnen schaffen derzeit nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Dass sich das mit der Inklusion dramatisch ändert, darf nicht angenommen werden.


job4u - Das Ausbildungsportal
job4u - Das Ausbildungsportal

job4u ist die regionale Plattform, wenn es um Lehren und Lernen geht. Neben dem WESER-KURIER, der Handelskammer und der Handwerkskammer Bremen machen sich hiesige Firmen für junge Leute stark. 

Ihr Wetter in Bremen
Temperatur: 18 °C / 10 °C
Vormittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/Regen.png
Nachmittag:
/__wetterkontor/images/wr/50/wolkig.png
  Regenwahrscheinlichkeit: 90 %
WESER-KURIER Kundenservice
Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
Es gibt nur eine Chance wieviel Artikel beschrieben. Und jetzt schwindet mit dem Artikel von Stefan Rahmstorf das Argument, dass die BRD nur für ...
Bremen99 am 21.10.2019 20:41
Das Parken in Wild-West-Manier rund um den Freimarkt hat Tradition. Vor über 40 Jahren konnte man auch schon regelmäßig beobachten wie dreiste ...
Anzeige