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Kommentar über das Phänomen Thunberg
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Ankläger aus der Komfortzone

Silke Hellwig 29.09.2019 28 Kommentare

Nach ihrer stark moralisierenden und emotionalisierenden Rede beim Klimagipfel, kommt erstmals Kritik an Greta Thunberg und ihrer Fridays-for-Future-Bewegung auf. Zurecht, findet Silke Hellwig.
Nach ihrer stark moralisierenden und emotionalisierenden Rede beim Klimagipfel, kommt erstmals Kritik an Greta Thunberg und ihrer Fridays-for-Future-Bewegung auf. Zurecht, findet Silke Hellwig. (Jason Decrow/dpa)

Vor wenigen Tagen musste man noch bedauern, dass so etwas wie Wispern in der Schriftsprache unmöglich ist. Denn – wenn überhaupt – schien man besser im Flüsterton oder hinter vorgehaltener Hand über die Fridays-for-Future-Bewegung samt ihrer Ikone Greta Thunberg zu lästern. Ansonsten lief man Gefahr, mindestens als Egoist und Umweltferkel, als engstirnig und kaltherzig zu gelten und also gar nicht das zu sein, was man derzeit zu sein hat: bewegt, achtsam, aufgewühlt.

Durch die maximal moralisierende Rede der Jeanne d'Arc der Umweltaktivisten beim Uno-Klima-Gipfel in New York hat sich das Blatt jedoch gewendet. Schon früher hat das Mädchen mit dem braven Zopf polarisiert, aber durch die Art des Auftritts hat ihr Heiligenschein offenbar eine unschöne Delle bekommen. Karikaturisten verhohnepiepeln die Aktivistin, der einstige CDU-Bundestagsfraktionschef Friedrich Merz hat Kritik an ihrer Rede geübt, und kein Geringerer als „Poptitan“ Dieter Bohlen, vermerkt die Boulevard-Presse, ist von der Schwedin genervt.

Stimmung kippt

Auch bei weniger Prominenten scheint die Stimmung zu kippen. Kabarettist Dieter Nuhr sagte vor wenigen Tagen im Ersten: „Ich bin gespannt, was Greta macht, wenn es kalt wird. Heizen kann es ja wohl nicht sein“ und erntet für diesen schlichten Scherz begeistert Beifall. Als Küchenpsychologe könnte man vermuten, dass solche Spitzen eine Ventilfunktion erfüllen: Nuhr sprach aus, was viele denken, aber nicht zu sagen wagen.

Nuhr darf das, der macht nur Spaß. Aber ebenfalls zu Wort melden sich eine Reihe von Autoren, denen der Greta-Hype aus diversen Gründen aufs Gemüt drückt. Im Magazin „Cicero“ – in Fridays-for-Future-Kreisen kaum der bevorzugte Resonanzboden – stellt Kolumnist Alexander Kissler fest: „Um das Klima zu retten, verabschieden sich viele Aktivisten von den Standards der Aufklärung. Sie lassen keinen Widerspruch zu, verunglimpfen Kritiker und drohen mit der Apokalypse.“

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Die Welt teilt sich aber weiterhin nicht in Weiß und Schwarz beziehungsweise in Grün und Schwarz. Greta Thunberg, ihre Durchsetzungskraft, ihr Beharrungsvermögen sowie ihr Geschick in der Selbstvermarktung (für die gute Sache selbstverständlich) muss selbst den größten Umweltsündern Hochachtung abringen und jeden PR-Strategen vor Neid erblassen lassen. In kürzester Zeit die Rolle einer internationalen Anklägerin zu übernehmen, bei den mächtigsten Frauen und Männern der Welt Gehör zu finden und das schlechte Gewissen des 21. Jahrhunderts zu personifizieren – das muss man erst mal schaffen.

Auch dass sich etwa 30.000 Menschen auf dem Bremer Marktplatz versammelten, um mehr Klimaschutz einzufordern, nötigt durchaus Respekt ab – begleitet von einem merkwürdigen Unbehagen. Das liegt insbesondere an der betont schlichten und bewusst einseitigen Sicht auf die Welt, aus der sich die Maximalforderungen der Bewegung ableiten, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Akzeptanz wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zwänge.

Impressionen von der Bremer
Impressionen von der Bremer
Impressionen von der Bremer
Impressionen von der Bremer
Fotostrecke: Klimastreik in Bremen: Fotos von der Demonstration

Die jungen Menschen legen ihre Fingerchen auf die Wunde und klagen zu Recht Inkonsequenz, faule Kompromisse und falsche Versprechungen aufseiten von Politik und Wirtschaft an. Das birgt eine gewisse Doppelmoral. Gemäß Theodor W. Adornos „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ lässt es sich weiterhin angenehm in der eigenen Komfortzone leben. Schließlich ist ein schulpflichtiger Zwerg machtlos: Wie könnt Ihr es wagen, die Steckdosen in meinem Jugendzimmer mit Kohlestrom zu versorgen und Chips in Plastiktüten zu verpacken?

Kein Protest bei Bremens Verfehlen der Klimaziele 2018

Gegenfrage: Wo waren diese 30.000 Menschen im Januar 2018, als der rot-grüne Senat einräumte, seine selbst gesteckten Klimaziele verfehlt zu haben? Bis 2020 sollte der Kohlenstoffdioxid-Ausstoß gegenüber 1990 um 40 Prozent sinken. Doch Bremen war Anfang 2018 noch weiter von diesem 40-Prozent-Ziel entfernt als Deutschland insgesamt. Die neue Regierung verdeutlicht vorsorglich in ihrem Koalitionsvertrag, warum ein Protest vor ihrer Senatstür wenig Zweck hat: „Das Erreichen unserer Bremer Klimaziele ist maßgeblich von den Rahmenbedingungen von Bundesregierung und EU abhängig.“ Ach so, na dann.

Dann muss man wohl auch nicht bedauern, dass nicht wenigstens 300 Menschen auf dem Marktplatz zusammenkommen und niemand eine Wutrede hält, obwohl seit Jahren nicht genug gegen die hohe Kinderarmutsquote in Bremerhaven und Bremen unternommen wird. Ohne eine Greta wird daraus auch nichts. Aber eine Greta gibt es dort nicht, und eben das ist das Problem.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?
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