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1968: die Macht der Bilder
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Aufnahmen voll von Zorn und Hoffnung

Norbert Holst 26.08.2018 0 Kommentare

Die USA verrennen sich im Vietnam-Krieg: Bell-Helikopter landen in der Nähe des Dorfes My Lai. Dort werden bei einem Massaker mehr als 504 Zivilisten getötet.
Die USA verrennen sich im Vietnam-Krieg: Bell-Helikopter landen in der Nähe des Dorfes My Lai. Dort werden bei einem Massaker mehr als 504 Zivilisten getötet. (Ronald L. Haeberle/Getty Images)

Demonstrierende Studenten, Proteste an den Unis, Rudi Dutschke – Bilder, die für die 68er-Generation stehen. Aufnahmen, deren historischer Stellenwert vielen Zeitzeugen zunächst gar nicht klar war. Heute ist das anders: Es muss nur die Jahreszahl 1968 genannt werden, und sofort haben wir jede Menge Bilder im Kopf. Fallende Bomben in Vietnam, das Massaker von Mi Lai, Wasserwerfer und Polizisten im Laufschritt.

Oft sind es Fotos von Protest und Zorn, die uns aus jener Zeit in Erinnerung kommen. Doch es bleibt nicht  beim Dagegensein. Dem angeblichen Muff in Politik, Medien und Wissenschaftsapparat werden Utopien entgegengestellt: Die blanken Hintern in der Kommune 1, Hippies in bunten Gewändern und Blumen in den Jahren, Studenten skandieren „Ho, Ho, Ho Chi Minh“.

Die Bilder pushen die Konfrontationen auf: Fernsehen und Zeitungen zeigen die Polizei gern bei harten Einsätzen. Motto: Der Staat sorgt für Ruhe und Ordnung. Ein in der Nazi-Zeit oft gebrauchter Begriff findet wieder weite Verbreitung: Volksfeind. In den Augen vieler braver Bürger ist Rudi Dutschke der „Volksfeind Nummer 1“, wie man in jener Zeit immer wieder auf Plakaten lesen kann.

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Aber auch die andere Seite radikalisiert sich unter dem Einfluss der Bilder. Das Foto von Dutschkes Fahrrad, nebst Aktentasche, nach dem Attentat vom 11. April auf dem Berliner Kurfürstendamm schürt die Wut der Studenten. Kurz darauf kommt es in Berlin zu Straßenschlachten, Fahrzeuge des Springer-Konzerns gehen in Flammen auf.

Die immer schnellere Medienwelt transportiert die Bilder um den gesamten Erdball. Die Hippie-Bewegung in den USA findet in Westeuropa zahlreiche Nachahmer. Der Vietnam-Krieg politisiert junge Menschen auf der ganzen Welt. Auch außerhalb der Vereinigten Staaten findet Martin Luther King mit seinem Kampf für die Bürgerrechte zahlreiche Anhänger, aber auch die radikalere Black Power-Bewegung.

Unter anderem inspiriert durch die Studentenbewegungen in den USA und in Deutschland steht Frankreich im Mai 1968 am Rande des Bürgerkriegs. Linke Studenten errichten 60 Barrikaden in Paris, rund zwei Millionen Arbeiter streiken oder besetzen die Fabriken.

Betont desinteressiert

Manche Fotos bekommen erst durch die Zeitläufte ihre heutige Bedeutung: Panzer walzen den „Prager Frühling“ nieder, doch die Tschechen und Slowaken wehren sich mit bürgerlichem Ungehorsam. Die Aufnahmen aus Prag und Bratis­lava zeigen die Ohnmacht der Menschen, aber auch die Sehnsucht nach Freiheit. 21 Jahre später wird sie erkämpft.

Im Mai 1968 steht Frankreich am Rande eines Bürgerkriegs.
Im Mai 1968 steht Frankreich am Rande eines Bürgerkriegs. (Manuel Bidermanas/AKG-IMAGES)

Ein anderes Bild des Jahres wirkt auf den ersten Blick harmlos: Andreas Baader und Gudrun Ensslin räkeln sich betont desinteressiert auf der Anklagebank. Sie sind angeklagt im Zuge der Frankfurter Kaufhausbrände. Mit ihrem respektlosen Verhalten sagen sie dem Staat und seinen Institutionen den Kampf an. Als führende Köpfe der Rote Armee Fraktion (RAF) werden Baader und Ensslin den bewaffneten Kampf aufnehmen und Deutschland mit Terror überziehen.

Doch der gesellschaftliche Umbruch spiegelt sich nicht nur in der Politik wider. Ein frischer Wind weht etwa auf den Theaterbühnen, nicht zuletzt in Bremen, im Film und in der Musik. Janis Joplin steht auf dem Höhepunkt ihrer kurzen Karriere – sie stirbt 1970 an einer Überdosis Heroin – und wird zu einer Ikone der Hippie-Generation. Auch John, Paul, George und Ringo präsentieren sich im Flower-Power-Look und besuchen den  Guru Maharishi in Indiden, auf der Suche nach der ultimativen Bewusstseinserweiterung.

Selbst im Sport etwas Besonderes

Der Zeitgeist prägt auch die Filmindustrie. Künstlerische Meilensteine aus dem Jahr 1968 sind der Science-Fiction-Film „Planet der Affen“ mit Charlton Heston in der Hauptrolle und der Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone. In beiden Filmen geht es auch um Angepasstheit und Aufbegehren. Das ist auch das Thema in einem Meisterwerk, dass 50 Jahre nach seiner Produktion noch immer junge Erdenbürger auf der ganzen Welt in Verzückung versetzt: die schwedisch-deutsche Fernsehserie „Pippi Langstrumpf“ nach den Romanen von Astrid Lindgren.

Pippi lebt etwas unkonventionell zusammen mit dem Totenkopfäffchen „Herr Nilsson“ und einem großen Schimmel in der „Villa Kunterbunt“. Die zentrale Botschaft der Serie ist ihrer Zeit weit voraus: Kleine Mädchen können ganz schön stark sein! Selbst im Sport ist das Jahr 1968 ein ganz besonderes. Die Höhenluft bei den Olympischen Spielen in Mexico City beschert in Leichtathletik und im Schwimmen eine Flut an Rekorden.

Bis heute unvergessen ist Bob Beamons „Sprung in das nächste Jahrtausend“: Er schraubt den Weltrekord im Weitsprung von 8,35 auf 8,90 Meter – eine Fabelweite. Und es waren auch die Spiele eines US-Amerikaners namens Dick Fosbury. Der gewinnt zum Erstaunen – auch der Fachwelt – den Hochsprung-Wettbewerb, in dem er rückwärts über die Latte setzt. Mit seiner neuen Technik revolutioniert Fosbury den Hochsprung.

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Die politischen Proteste des Jahres machen aber auch vor Olympia nicht halt. Symbolisch dafür steht das Bild der Siegerehrung im 200-Meter-Lauf. Am Ende der Zeremonie, in der die Nationalhymne des Siegers gespielt wird und die Landesfahnen der Medaillengewinner hochgezogen werden, recken Tommie Smith und John Carlos jeweils eine Faust mit schwarzem Handschuh in den Himmel.

Dieses Bild geht 1968 um die Welt: Der Polizeichef von Saigon, General Nguyen Ngoc Loan, erschießt am 1. Februar einen mutmaßlichen Offizier des Vietcong.
Dieses Bild geht 1968 um die Welt: Der Polizeichef von Saigon, General Nguyen Ngoc Loan, erschießt am 1. Februar einen mutmaßlichen Offizier des Vietcong. (Eddie Adams/dpa)

Die beiden Sprinter demonstrieren mit der Geste ihre Unterstützung für die Black-Power-Bewegung in den USA. Der Protest geht damit um die Welt, denn die Olympischen Spiele können durch die Satelliten-Technik erstmals in vielen Ländern live und in Farbe gesehen werden. Das Bild wird zur Ikonografie für den Zorn der Afro-Amerikaner.

1968 war das Jahr einer kulturellen Revolution. Es war aber auch ein Jahr der Gewalt: Mit dem Attentat auf Dutschke, der Jahre für seine Genesung brauchte, wird die deutsche Studentenbewegung ihres Wortführers beraubt. Im April wird Martin Luther King in Memphis erschossen, die US-Bürgerrechtsbewegung verliert damit ihr Idol. Im Juni stirbt Robert Kennedy bei einem Attentat in Los Angeles, das liberale Amerika verliert ihren Hoffnungsträger. Und in Deutschland münden Demo-Jahre und WG-Spaßzeiten schließlich auch in den Terror der RAF.


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Leserkommentare
theface am 18.10.2019 20:54
Das kann so nicht stimmen, sonst wären SPD und Grüne ja nicht mehr in der Landesregierung.
Opferanode am 18.10.2019 20:48
Ich hatte die gleiche Frage. Aber eine vernünftige Antwort würde mir besser gefallen, als so schulmeisterlich daherzukommen, mit der Aufforderung, ...
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