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Pflegekräfte aus dem Ausland
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Das Geschäft mit dem Notstand

Nico Schnurr 14.04.2019 1 Kommentar

„Ich hatte mein Visum nach zwei Monaten, andere warten ewig.“ Harun Bjeloglavic (rechts) ist Krankenpfleger. Andreas Deppermann Junior hat den Bosnier an eine Oldenburger Klinik vermittelt.
„Ich hatte mein Visum nach zwei Monaten, andere warten ewig.“ Harun Bjeloglavic (rechts) ist Krankenpfleger. Andreas Deppermann Junior hat den Bosnier an eine Oldenburger Klinik vermittelt. (Frank Thomas Koch)

Damit das Herz seines Vaters weiter arbeitet, schickt der junge Mann Geld auf ein bosnisches Bankkonto. Er überweist in Oldenburg, am Anfang jedes Monats. Geld für Medikamente, die sein herzkranker Vater braucht. 500 Euro, manchmal 600. Mehr als er vor einer Weile in seiner Heimat verdient hat, in Bosnien-Herzegowina. 

Harun Bjeloglavic ist Krankenpfleger. In den bosnischen Kliniken haben sie ihn mal für einen Monat beschäftigt, dann wieder nicht. Ständig auf Abruf, mit der Aussicht auf ein Gehalt, von dem er gerade so leben kann, der kranke Vater nicht. Dieses Leben hat ­Bjeloglavic, 23 Jahre alt, hinter sich gelassen.

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An diesem Tag sitzt er im vierten Stock der Bremer Baumwollbörse und berichtet von seiner neuen Stelle auf der Intensivstation eines Oldenburger Klinikums. Neben ihm zieht Andreas Deppermann Junior an einer E-Zigarette und bläst den süßlichen Rauch aus seinem kantigen Gesicht in den Büroraum. Deppermann nickt die kurzen Sätze, die sein Nebenmann auf Deutsch sagt, zufrieden ab. Er hat Bjeloglavic für das Treffen aus Oldenburg abgeholt. Deppermann vermittelt bosnische Pfleger, und Bjeloglavic soll ein Beleg dafür sein, wie gut sein Geschäftsmodell bereits funktioniert.

In Deutschland mangelt es an Pflegekräften. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit blieben bundesweit zuletzt 40 000 Pflegestellen unbesetzt. Weil die Gesellschaft altert, verschärft sich das Problem. Einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge werden im Jahr 2030 bereits eine halbe Million Pflegekräfte fehlen. „Die Not ist riesig“, sagt Deppermann, 27 Jahre alt, Bremer. Er hat das früh erkannt. Nach einem abgebrochenen Jura-Studium ließ er sich zum Personaldienstleister ausbilden, um zunächst arbeitslose Spanier an deutsche Kliniken holen. „Ein totaler Reinfall“, sagt er. „Viele Spanier haben abgebrochen. Wetter, Essen, Kliniken – das hat denen hier alles nicht gepasst.“

Bremer Agentur bringt bosnischen Pflegern Deutsch bei

Der Ort, an dem Menschen wie Harun ­Bjeloglavic noch von Jobs in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen träumen, liegt am Flussufer des Bosna, in einer Stadt im Tal, umschlossen von bewaldeten Bergen. In Zenica verdienten die Menschen ihr Geld einst in Berg- und Stahlwerken. Heute ist mehr als jeder Zweite arbeitslos. Zwischen grauen Betonriegeln glänzt hier ein gläsernes Büro. An der Fensterfront klebt ein Schriftzug: Profco. Darunter steht auf Deutsch: Fachvermittlung im Gesundheitswesen. In der Außenstelle von Deppermanns Bremer Agentur bringen sie bosnischen Pflegern Deutsch bei. Kümmern sich darum, dass die Behörden ihre Abschlüsse anerkennen. Suchen ihnen deutsche Arbeitgeber. Später zahlen die Pfleger der Agentur einige Hundert Euro für den Sprachkurs, die Krankenhäuser und Pflegeheime eine deutlich höhere Provision für die Vermittlung. 

„In Bosnien-Herzegowina habe ich gefunden, wonach ich gesucht habe“, sagt Deppermann. Aus keinem anderen Staat kommen aktuell so viele Pfleger nach Deutschland. „Die jungen Bosnier wollen raus. Sie sehen keine Zukunft“, sagt Bjeloglavic. Allein in den Jahren 2016 und 2017 haben 50 000 Menschen Bosnien Richtung Deutschland verlassen. Der Pflegenotstand verstärkt die Abwanderung. Die Probleme sind groß, auf beiden Seiten, bei der bosnischen Jugend und in den deutschen Kliniken. Und das macht das ­Geschäft mit dem Notstand anfällig. Längst haben auch Kriminelle den Markt für sich entdeckt.

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Wie leicht es ist, in Bosnien-Herzegowina an einen Pflegeabschluss zu kommen, zeigt eine bosnische Investigativreporterin. Anfang des Jahres wird Azra Omerovic in 17 Tagen zur Krankenpflegerin. Ein Informant spielt dem Online-Magazin „Zurnal“ Ministeriumsdokumente zu, in denen es um gefälschte Abschlüsse geht, dazu eine Liste mit Mittelsmännern. Omerovic nimmt Kontakt auf, wenig später trifft sie einen Mann in einem Hotel in Sarajevo. Er verspricht ihr, einen Abschluss zu besorgen.

Für umgerechnet 1250 Euro. Sie müsse bloß zahlen, mehr nicht. Die Journalistin zahlt und sitzt 17 Tage später wieder im Hotel, vor ihr der Mann und das Zeugnis. Ihr Pflegediplom kommt aus Sanski Most, einer Kleinstadt im Nordwesten des Landes, von einer privaten Medizinschule, die online damit wirbt, dass die Abschlüsse in Deutschland anerkannt werden. Das Diplom, das auf dem Tisch vor Omerovic liegt, bescheinigt ihr gute bis sehr gute Noten in Fächern wie Anatomie und Hygiene. Alles ist notariell beglaubigt, auf dem Zeugnis prangt der offizielle Schulstempel.

Staatsanwaltschaft unternimmt kaum etwas

Omerovic gelingt ein Coup, über den das ganze Land spricht. Das Video, das die Recherche dokumentiert, wird hunderttausendfach aufgerufen. Die Journalistin schätzt, dass 5000 solcher Zeugnisse im Umlauf sind. Ihr Kollege Avdo Avdic, der an der Recherche beteiligt ist, kritisiert die bosnischen Behörden. Die Staatsanwaltschaft habe seit Monaten vom Betrug gewusst, doch sie unternehme kaum etwas, sagt Avidc gegenüber dem „Deutschlandfunk“. Solange sich das nicht ändere, sagt der Journalist, „können die Deutschen nichts Anderes tun, als bosnische Arbeitskräfte zu meiden“.

Am Morgen nach dem Coup setzen sich die beiden Journalisten ins Auto. Es geht von ­Sarajevo gen Nordwesten. Sie fahren eine gute Stunde, vorbei an Bosna und Betonbauten, bis sie vor einem gläsernen Büro stehen. Profco ist eine der wenigen deutschen Agenturen mit offiziellem Sitz in Bosnien-Herzegowina. Also wollen Omerovic und Avdic nun von der Bremer Firma wissen, wie sie mit Betrugsfällen umgeht. Die Journalisten fordern Einsicht in die Unterlagen der vermittelten Pfleger. Doch bei Profco geben sie sich bedeckt. Keine Auskunft, Datenschutz. So schildert es Selma ­Civic, die das Büro in Zenica leitet.

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Ein Freitagmittag in Bremen, streikende Schüler ziehen mit ihren Plakaten an der Baumwollbörse vorbei. Vier Stockwerke weiter oben lehnt sich Andreas Deppermann Junior zurück in seinem Stuhl und streicht betont gelassen über seinen Fünftagebart. Die Aufregung um gefälschte Abschlüsse? Findet er überzogen. Ja, sagt er, es gebe die Möglichkeit, in Bosnien-Herzegowina Pflegezeugnisse zu kaufen. „Wir wissen es, alle dort wissen es. Das ist schon lange ein offenes Geheimnis.“ Trotzdem sei das kein Grund zur Panik, findet Deppermann. „Mit diesen Zeugnissen schafft es kaum einer nach Deutschland.“ 

Bei Profco sitze man ganz sicher keinen Betrügern auf, sagt Deppermann. Man rufe bei bosnischen Behörden an, bei Krankenhäusern und Pflegeschulen. Jede Angabe werde geprüft. Jährlich kämen ihnen drei, vielleicht vier Abschlüsse unter, bei denen getrickst worden sei. Diese Bewerber nehme man sofort aus dem Vermittlungsprogramm. Ob er den Betrug anzeige? „Sinnlos, keine Chance, so läuft das dort nicht“, sagt er. „Wir können das Problem nur feststellen und sagen: Toller Versuch, aber nicht mit uns.“ Wenn man Deppermann über die kriminellen Geschäfte reden hört, wenn man ihn dabei milde lächeln, den Kopf schütteln und dann an seiner E-Zigarette ziehen sieht, glaubt man, er spricht über ein weit entferntes Problem, das seine Bremer Agentur nicht betrifft. Doch der Eindruck täuscht.

Zertifikate können nicht nachgeprüft werden

Brigitte Bösch ist im Auto unterwegs, als der Geschäftsführer des Klinikums Diepholz sie anruft. Sie solle schnell das Radio einschalten. Bösch, die kaufmännische Leiterin des Klinikums, hat gerade einen Vertrag mit Profco abgeschlossen. Es geht um fünf bosnische Pflegekräfte, die Deppemanns Firma vermitteln soll. Nun stellt sie den „Deutschlandfunk“ an und hört von Azra Omerovic und ihrer Recherche. Ihr wird sofort klar: Das können wir nicht machen. Umgehend löst sie den Vertrag mit der Bremer Agentur auf. „Wenn ich nicht nachprüfen kann, auf welchem Weg die Zertifikate erworben wurden, weil auch die gekauften Zeugnisse echt sind, dann habe ich ein grundsätzliches Problem“, sagt Bösch. „Diese Unsicherheit hat uns sehr betroffen gemacht. Das Misstrauen ist jetzt groß.“

Andreas Deppermann Junior hält das für ein Missverständnis. Er sagt: „Wir sind nicht Teil des Problems. Wir sind Teil der Lösung.“ Deswegen würden seine Kunden nicht weniger, sondern mehr. Gerade erst ist er mit den Verantwortlichen eines Klinikverbunds aus Nordrhein-Westfalen in Zenica gewesen. Deppermann lädt dann in ein Balkan-Restaurant ein, es gibt Vorstellungsgespräche und später deutsche Arbeitsverträge für die bosnischen Pfleger. Selten verlassen die Klinik-Chefs das Land nach solchen Reisen, ohne sich in der Größe einer Fußballmannschaft verstärkt zu haben. „Es läuft gut“, sagt Deppermann. „Wir entwachsen langsam der Kategorie Start-up.“

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Die deutschen Behörden sind vorsichtiger geworden. Das Programm Triple Win, das unter anderem von der Bundesagentur für Arbeit aufgelegt wird, vermittelt seit Juni 2018 keine Umschüler mehr von privaten Pflegeschulen aus den westlichen Balkanstaaten nach Deutschland. Das privatwirtschaftliche Geschäft mit dem Pflegenotstand läuft dagegen bislang weitgehend unreguliert. Doch das könnte sich bald ändern. Nach Informationen des WESER-KURIER beraten in Berlin Experten aus drei Bundesministerien darüber, die Agenturen künftig zu zertifizieren. Sie wollen das Geschäft aus dem Graubereich holen. Nur wer gewisse Standards einhalte, würde als Vermittler zugelassen. Darüber könnte möglicherweise ein Beirat entscheiden. Ein Kriterium könnte dann etwa sein, ob die Kosten allein die Kliniken tragen, nicht die Pfleger.

In Oldenburg angekommen

Harun Bjeloglavic wohnt seit einigen Tagen in seiner ersten eigenen Wohnung. Zwei Zimmer, 55 Quadratmeter, im Zentrum von Oldenburg. Die Behörden haben inzwischen seine Pflegeausbildung anerkannt, er verdient nun mehr. Bald will sich Bjeloglavic zum Anästhesisten fortbilden. Alle zwei Monate fliegt er nach Sarajevo und fährt dann weiter nach Zenica zu seinem kranken Vater. In Oldenburg aber fühlt er sich angekommen. 

„Ich habe großes Glück“, sagt er. „So viele Bosnier wollen nach Deutschland, aber das geht fast nur als Pfleger. Ich hatte mein Visum nach zwei Monaten, andere warten ewig.“ Er wisse von Landsleuten, die sich ein gefälschtes Pflegediplom gekauft hätten. Nicht um als Pfleger zu arbeiten, sondern um an ein Visum zu gelangen. In Deutschland verdienten sie ihr Geld dann in anderen Berufen. „Das bekommt man öfter mit.“ Deppermanns Augen weiten sich. Er stößt ein kurzes Lachen aus und fragt: „Achja, wirklich? So etwas gibt es?“ Dann nimmt er einen tiefen Zug von seiner E-Zigarette.​​


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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...
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