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Ex-Präsident gestorben
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Der Großvater der Nation

Birgit Holzer 26.09.2019 0 Kommentare

Viele Franzosen verbinden mit seinem Namen nostalgische Erinnerungen: Der frühere Präsident Jacques Chirac ist jetzt im Alter von 86 Jahren gestorben. Er galt als überzeugter Europäer, dem die Balance zwischen Volksnähe und staatsmännischer Würde
Viele Franzosen verbinden mit seinem Namen nostalgische Erinnerungen: Der frühere Präsident Jacques Chirac ist jetzt im Alter von 86 Jahren gestorben. Er galt als überzeugter Europäer, dem die Balance zwischen Volksnähe und staatsmännischer Würde gelang. Allerdings wird seine Präsidentschaft im Rückblick auch als Ära der Stagnation gewertet. (Villalobos/dpa)

Paris. Niemand konnte den Kühen auf der Pariser Landwirtschaftsmesse so zupackend-­zärtlich den Hintern tätscheln wie er. Stunden brachte er dort zu, um den guten Draht zu Frankreichs Bauern zu halten. Keinem anderen Politiker des Landes gelang die Balance zwischen schenkelklopfender Volksnähe und staatsmännischer Würde besser. Zwar erfuhr auch Jacques Chirac im Amt des Präsidenten zeitweise heftige Ablehnung. Doch in den letzten Jahren festigte sich sein Ruf als „Großvater der Nation“, von dessen gesundheitlichen Problemen man wusste. Am Donnerstag bestätigte Chiracs Familie dessen Tod im Alter von 86 Jahren.

Zahlreiche Politiker in Frankreich und weltweit würdigten am Donnerstag den Verstorbenen. Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte: „Er war ein erfahrener Politiker, ein geschichtsbewusster Europäer, ein charmanter Mensch. (...) Ich werde einen Mann vermissen, der mir zum Freund geworden ist.“ Russlands Präsident Wladimir Putin würdigte Chirac als weisen und weitsichtigen Staatsmann. Eine ganze Ära in der Geschichte Frankreichs sei mit seinem Namen verbunden, heißt es in einem Beileidsschreiben.

Als Chirac bei den Präsidentschaftswahlen 2007 nicht mehr antrat, überwog noch die Erleichterung über den Abtritt des Mannes, dem politischer Stillstand und Mangel an Reformmut vorgeworfen wurden. Sein Nachfolger Nicolas Sarkozy punktete mit dem Versprechen eines „Bruchs“ mit dem alten, verkrusteten System. Chirac war zwar ein geschickter Strippenzieher und herzlicher Bonvivant mit viel Humor und wenigen Berührungsängsten. Aber eine echte Vision fehlte ihm. Heute bewahren die Franzosen überwiegend ein verklärtes Andenken an den Mann, der für seinen riesigen Appetit bekannt war – auf sein Lieblingsgericht Kalbskopf, auf Bier und auch auf die Frauen.

Der milden Bewertung des Altpräsidenten tat auch der Prozess 2011 gegen ihn keinen Abbruch. Dabei wurde er zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe wegen Vertrauensbruchs, illegaler Vorteilnahme und Veruntreuung öffentlicher Gelder verurteilt. Das Gericht sah ihn „im Herzen des Systems“, durch das in seiner Zeit als Bürgermeister von Paris fiktive Posten geschaffen sowie Mitarbeiter von der Stadt bezahlt wurden, die für Chiracs konservative RPR-Partei arbeiteten.

Weil er gesundheitlich angeschlagen war, blieb ihm zumindest die Schmach erspart, auf der Anklagebank erscheinen zu müssen. Seit einem Gehirnschlag 2005 hatten sich seine Hör- und Gedächtnisprobleme zunehmend verstärkt. In der Öffentlichkeit sah man ihn immer seltener. Diskret nahmen die Medien Anteil an seiner zunehmenden Gebrechlichkeit. Der Tod seiner Tochter Laurence im April 2016 mit nur 58 Jahren traf ihn schwer; seit ihrer Jugend litt sie an Magersucht, hatte mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen, fehlte auf offiziellen Fotos. Sie war vielleicht die empfindliche Stelle in dem sonst so glänzenden Leben Jacques Chiracs.

Seine zweite Tochter Claude fungierte als Sprecherin und Beraterin im Hintergrund, während auch Ehefrau Bernadette Chirac Einfluss bewahrte, trotz mancher Meinungsverschiedenheiten. Während sie im Wahlkampf 2012 Sarkozy unterstützte, verhehlte Jacques Chirac seine Abscheu vor seinem Nachfolger kaum – stand er doch im erbitterten Machtkampf um die Präsidentschaftskandidatur 1995 auf der Seite seines innerparteilichen Rivalen Edouard Balladour. So sprach sich Chirac 2012 für die Wahl von Sarkozys Gegner, dem Sozialisten François Hollande, aus. Dieser hatte seine Karriere wie Chirac im Département Corrèze begonnen.

Chiracs Eltern stammten aus dieser ländlichen Gegend, doch er wurde in Paris geboren. Beim Studium in einer Elitehochschule lernte er seine spätere Ehefrau kennen. Die Verbindung mit der aus einem bourgeoisen Milieu stammenden Bernadette Chodron de Courcel öffnete ihm den Weg in elitäre Kreise. Engagierte sich Chirac als Student kurzzeitig für die Kommunisten, so begann er seine politische Karriere bei den Konservativen, wurde 1965 Gemeindeberater in der Corrèze und zwei Jahre später Abgeordneter. Zeitgleich trat er ins Kabinett ein, wo er verschiedene Regierungsposten innehatte.

1977 wurde Chirac Bürgermeister von Paris und blieb es 18 Jahre lang. Zweimal verlor er bei Präsidentschaftswahlen gegen François Mitterrand, als dessen Premierminister er ab 1986 fungierte. Erst 1995 gelang ihm der Einzug in den Elysée-Palast. Sein Versuch, umfangreiche Sozial- und Rentenreformen durchzusetzen, scheiterte an heftigen Massenprotesten. Scharf kritisiert wurde er auch für eine Reihe von Nuklearversuchen im Südpazifik. Er setzte eine Militärreform mit dem Aufbau einer Berufsarmee durch und betrieb die Annäherung Frankreichs an die Nato.

Was für viele von den beiden Amtszeiten Chiracs bleibt, der das Mandat der Präsidenten von sieben auf fünf Jahre verkürzte, ist zum einen das „Non“ zu einer Beteiligung am Irak-Krieg der USA. Zum anderen brach er ein Tabu, indem er 1995 als erster Präsident die Mitverantwortung seines Landes bei der Judenverfolgung der Nazis eingestand. In seine Amtszeit fielen auch die Ablehnung der Franzosen eines europäischen Verfassungsvertrages 2005 sowie heftige Jugend-Unruhen in den Vorstädten, in deren Folge er den Ausnahmezustand ausrief.

Außerdem initiierte Chirac das Museum für außereuropäische Kunst am Quai Branly in Paris. Als Liebhaber Asiens und Kämpfer für die Bewahrung seltener Sprachen und bedrohter Völker hob er damit die Bedeutung des Dialogs der Kulturen hervor. In Zeiten der dauerhaften Stärke der extremen Rechten erscheint dies als wichtiges Vermächtnis eines Staatsmannes, der Frankreichs vergangene Jahrzehnte geprägt hat.


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Leserkommentare
cklammer am 23.10.2019 09:05
Na, wir wissen ja, wie das geht: etwas gleichartiges wird ja am Weserstadion schon beim jedem Heimspiel von Werder umgesetzt.

Da wird ...
oharena am 23.10.2019 09:04
wen soll man jetzt mehr "lieben" - die Polizei, de Anschläge verhindert hat - oder die "lieben" Terroristen, die keine Anschläge verübt haben?
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