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Asyl in den USA
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Der schwere Weg ins gelobte Land

Thomas Spang, El Paso 20.04.2019 0 Kommentare

Vom sogenannten Scenic Drive können Touristen das gesamte Grenzgebiet zwischen El Paso, Texas, und Juarez, Mexiko, überblicken.
Vom sogenannten Scenic Drive können Touristen das gesamte Grenzgebiet zwischen El Paso, Texas, und Juarez, Mexiko, überblicken. (Thomas Spang)

Zehn Tag lang drückte Marita kein Auge zu. Zusammen mit ihrem Vater Ernesto und Hunderten anderer Flüchtlinge aus Zentralamerika kauerte die junge Frau verängstigt unter der „Paso del Norte”-Brücke, die El Paso und Juarez miteinander verbindet. Vorläufige Endstation einer Flucht vor Gewalt und extremer Armut, die vor 14 Tagen in einem Dorf in Guatemala begonnen hatte. Während sich oben jeden Tag ein nicht abreißender Strom an Fußgängern, Autos und Lkw frei zwischen den USA und Mexiko bewegte, saßen unter der Grenzbrücke mehr als 1 200 Flüchtlinge aus Zentralamerika fest. Eingepfercht wie Vieh hinter einem Zaun und Stacheldraht. „Es war einfach schrecklich“, erzählt die 16-Jährige von ihrer Erfahrung nach der Ankunft im gelobten Land. 

Die Beamten der „Customs and Border ­Protection” drückten Marita eine Decke aus Mylar in die Hand, die wie ein großes Stück Aluminium-Folie aussieht. Diese half weder gegen den harten Schotter auf dem Boden noch gegen die eisige Kälte oder den Staub. Schwerer als der ständige Hunger oder die Angst vor den Ratten aber seien die Schreie der Kinder zu ertragen gewesen. „Es war schlimmer, als alles, was wir auf dem Weg durch Mexiko erlebt hatten.” Eine Erfahrung, die Flüchtlinge unabhängig voneinander in diesem Frühjahr immer wieder berichten. Kurz bevor das Lager unter der Brücke schloss, kamen Marita und ihr Vater auf freien Fuß. Mit der strengen Auflage, vor Gericht zu erscheinen, wenn ihr Asylverfahren eines Tages gehört wird. Das kann Jahre dauern, weil es jetzt schon einen Rückstau von 855.000 Fällen gibt.

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Jetzt wartet sie in einem Motel am Stadtrand von El Paso auf ihre Weiterreise zu Verwandten nach Tampa im US-Bundesstaat Florida. Noch Tage später hat die abgemagerte Marita dunkle Ringe unter den Augen. Aber sie ist froh, frische Kleidung zu haben, duschen zu können und auf herzliche Menschen zu treffen. Wie Alyssa Gillis (27), die Spanisch-Lehrerin aus South Carolina nahm unbezahlten Urlaub, um in El Paso den Flüchtlingen zu helfen. Alyssa arbeitet seit Januar für das „Annunciation House“, ein kirchliches Durchgangslager, das dafür sorgt, dass die von den Grenzern ausgesetzten Menschen nicht auf der Straße landen. Es sei „ein aufregender Moment“, sagt die Freiwillige, den Flüchtlingen bei Ankunft in der Hotel-Lobby sagen zu können, „dass sie nun frei sind und zu ihren Angehörigen reisen dürfen“. 

Das „Casa del Migrante“ in Juarez wird von der Katholischen Kirche betrieben und ist mit 600 Personen hoffnungslos überbelegt. Die mittel-­losen Flüchtlinge ­drohen nun, Opfer lokaler Gangs und Schmuggler zu ­werden.
Das „Casa del Migrante“ in Juarez wird von der Katholischen Kirche betrieben und ist mit 600 Personen hoffnungslos überbelegt. Die mittel-­losen Flüchtlinge ­drohen nun, Opfer lokaler Gangs und Schmuggler zu ­werden. (Thomas Spang)

Aufnahme-Kapazitäten reichen längst nicht mehr aus

Die Initiative geht auf Ruben Garcia (70) zurück, der seit vier Jahrzehnten Migranten in El Paso hilft. Weil die Aufnahme-Kapazitäten längst nicht mehr ausreichen, die täglich rund 750 Neuankömmlinge zu versorgen, verwandelte Garcia ein ehemaliges Cosco-Warenlager zu einer Notunterkunft. Auch für die 55 Räume, die Alyssa managt, zückte der „Engel von El Paso” die Kreditkarte. In dem Motel unweit der Autobahn lernen die Flüchtlinge das andere Amerika kennen, das seine Arme weit geöffnet hat.

Neben Alyssa sorgen hier fünf Freiwillige für das, wie sie sagen, „am besten organisierte Chaos“. Darunter Debbie Mulligan (53) aus Philadelphia, die Fahrdienste erledigt. Oder die Ärztin Martha D’Ambrosio (64) aus Colorado Springs, die hilft, Flug- und Bustickets für den Weitertransport zu organisieren. „Ich bin empört, was mein Land macht”, erklärt die ehemalige Freiwillige des „Peace Corps” ihre Motivation. „Das ist nicht das Amerika, das ich kenne.”

Den Ton für den Umgang mit den Flüchtlingen hat der US-Präsident höchstpersönlich gesetzt. „Wir sind voll”, hetzte Donald Trump im März bei einer Kundgebung an der Grenze. „Das sind alles illegale Einwanderer. Wir können niemand mehr nehmen.” Tatsächlich passten die Neuankömmlinge des vergangenen Monats alle in ein großes Football-Stadion. Bei ihnen handelt es sich nicht mehr um junge Desperados aus Mexiko, die auf der Suche nach Arbeit über die Grenze kommen. Stattdessen tauchen seit 2014 vor allem Familien und allein reisende Kinder aus Honduras, Guatemala und El Salvador auf.

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„Weder Zäune, Mauern noch Grenzbeamte können sie daran hindern”, sagt die Politologin Irasema Coronado, „denn ein Antrag auf Asyl ist nach US-Recht legal”. Ungefähr drei von vier Schutzsuchenden können bei der Erstbefragung glaubhaft machen, begründete Angst vor Verfolgung zu haben. Behandelt werden sie trotzdem wie Kriminelle. Während ihrer Erfassung werden sie in überfüllten Haftanstalten festgehalten, die so unterkühlt sind, dass sie bei den Flüchtlingen einfach nur „Hielera“ (dt. Eistruhe) heißen. 

In seiner Wut über die Aussicht, binnen Jahresfrist mehr Flüchtlinge aufnehmen zu müssen, wie die von ihm so oft gescholtene Angela Merkel, feuerte Trump kürzlich seine Heimatschutz-Ministerin Kirstjen Nielsen. Die Frau, die mit der Zwangstrennung von Familien an der Grenze für einen globalen Aufschrei gesorgt hat, gilt dem Präsidenten als zu weich.

Ein Strom an Fußgängern, Autos und Lkw bewegt sich auf der „Paso del Norte”-Brücke, die El Paso und Juarez miteinander verbindet, zwischen den USA und Mexiko. Mittendrin: viele Flüchtlinge aus Zentralamerika.
Ein Strom an Fußgängern, Autos und Lkw bewegt sich auf der „Paso del Norte”-Brücke, die El Paso und Juarez miteinander verbindet, zwischen den USA und Mexiko. Mittendrin: viele Flüchtlinge aus Zentralamerika. (Thomas Spang)

Zustand in Internierungslager ist „surreal"

Dabei ist Nielsen nicht nur dafür mitverantwortlich, dass Grenzbeamte Eltern die Kinder wegnahmen und oft tausende Kilometer entfernt in Pflegeeinrichtungen brachten. Ohne diese Politik hätte es auch das Internierungslager von Tornillo nicht gegeben, einer Zeltstadt vor den Toren El Pasos, in der zeitweilig bis zu 800 Jugendliche festsaßen. Über Wochen, manchmal sogar Monate. Der Jesuit Rafael Garcia (65) gehört zu den wenigen Außenstehenden, die das streng abgeschirmte Lager hinter Stacheldraht besuchen durften, um dort an vier Sonntagen die Messe zu lesen. Was er dort mitbekam, empfand der Ordensmann als „surreal”.

In zwei Schichten hätten in dem militärisch organisierten Lager hunderte Aufpasser gearbeitet. Tornillo erinnerte Garcia „an eine Kreuzung aus Disneyland und einem Konzentrationslager”. Es sei ein „unmoralischer Platz” und „Symbol einer völlig falschen Politik”. Aufgrund massiver Proteste verschwand der Schandfleck im Januar 2019.

Bevor das Lager schloss, sicherte Garcia Kunstwerke, die dessen Insassen geschaffen hatten. Einen Teil davon zeigt die Ausstellung „Uncaged Art” (dt. Befreite Kunst) an der Universität von EL Paso. Die beiden Geschichtsprofessoren Yolanda Leyva (52) und David Romo (55) wollen damit ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Auffällig häufig hätten die Jugendlichen den Papageien-Vogel Quetzal gezeichnet, ein Freiheitssymbol in Zentralamerika. „Einen Quetzal kannst Du nicht einsperren“, erklärte ein Junge das Motiv.

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„Er stirbt sonst vor Traurigkeit.”  „Das ist organisierte Kindesmisshandlung”, hält Romo der Regierung vor. Seine Kollegin Leyva meint, El Paso sei wegen seiner Abgeschiedenheit historisch stets ein Experimentierfeld für die Grenzpolitik gewesen. Deshalb wundere es sie nicht, dass die drei Autostunden von der nächsten größeren Stadt gelegene Region heute „Ground Zero” für Trumps Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik sei. 

Der ehemalige Chefredakteur der „El-Paso Times”, Bob Moore, beobachtet, wie der Präsident hier versucht, Gesetze und Gerichte mit Abschreckung zu umgehen. „Er gebraucht Grausamkeit als Instrument seiner Politik.” Trump mache Schikane zur Methode. So hätten US-Grenzer auf der „Paso del Norte“-Brücke wiederholt Menschen zur Umkehr gezwungen, bevor diese ihren Antrag auf Asyl stellen konnten. Moores Frau Kate erzählt, wie in einem anderen Fall Beamte am Tag vor Heiligabend 150 Flüchtlinge mittellos an einer Greyhound-Busstation ausgesetzt hätten. „Weihnachten in Amerika”, sagt Kate, die in einer gemeinsamen Kraftanstrengung mit dem „Annunciation House” und der Stadt die Menschen von der Straße holte.   

Eine Blockade löst das Flüchtlingsproblem nicht

Derweil wird Trump nicht müde, den Ballungsraum am „Paso del Norte“ in den düstersten Farben darzustellen. Als er kürzlich damit drohte, alle oder einzelne der 47 offiziellen Grenzübergänge an der Südgrenze zu Mexiko zu schließen, platzte dem Bürgermeister von El Paso, Dee Margo, der Kragen. Er verstehe nicht, wie eine Blockade der Grenze das Flüchtlingsproblem löse, sagt der Republikaner in einem Gespräch mit dem WESER-KURIER.

„Das ist idiotisch und macht rational keinen Sinn”. Der Bürgermeister beklagt das Versagen des US-Kongresses, eine umfassende Reform der Einwanderung zu beschließen. „Die Rechte ist fremdenfeindlich, und die Linke will total offene Grenzen”, klagt Margo. „Wir müssen wieder etwas in der Mitte finden.” Auf dem Weg aus seinem Büro zeigt er stolz ein Bild, das bei George W. Bush im Weißen Haus hing. Das war das letzte Mal, als Washington den vergeblichen Anlauf auf eine Reform machte. Mit Trump gibt heute ein anderer Teil der Partei den Ton an. Der behauptet Dinge, die nachweislich nicht stimmen.

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Etwa, dass die bereits seit 2008 mit einem Grenzzaun von Juarez geteilte Stadt El Paso so gefährlich sei, wie kaum eine zweite in den USA. Das Gegenteil ist richtig. Und nicht einmal auf die boomende Schwesterstadt trifft das heute noch so zu. Es ist eher anders herum. Die Flüchtlingspolitik des Präsidenten destabilisiert die Lage in Juarez. Bevor ein Gericht in San Francisco die US-Regierung Anfang April daran hinderte, Asylbewerber aus Zentralamerika bis zum Abschluss ihres Verfahrens zurück nach Mexiko zu schicken, überforderte die Menge der Flüchtlinge die Aufnahmekapazitäten dort. 

Das „Casa del Migrantes” in einem Industriegebiet von Juarez ist immer noch so überfüllt, dass für Besuche schlicht und einfach keine Zeit ist. Weil Juarez lange nur eine Durchreisestadt war, fehlt es an Alternativen zu dem kirchlichen Haus, das mit 600 Personen schon überbelegt ist. Eine Schwester, die betont, keine offizielle Auskunft geben zu dürfen, gibt durch das Gitter des Auffanglagers aber ihren Frust zu erkennen. „Ich weiß nicht, ob die wissen, was sie tun”, klagt die Ordensfrau über die US-Regierung. Die mittellosen Flüchtlinge drohten nun, Opfer lokaler Gangs und Schmuggler zu werden.  

Marita und ihr Vater Ernesto gehören zu den Glücklichen, die es auf die andere Seite nach El Paso geschafft haben. Sie wissen, wie eng der Weg über den Paso del Norte geworden ist. Ihre Mutter wird ihn vorerst nicht beschreiten. Und ob Maritas Traum wahr wird, eines Tages als Ingenieurin in den USA zu arbeiten, ist so ungewiss wie ihre Zukunft in Tampa, der sie im Greyhound-Bus entgegen reist.


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Leserkommentare
suziwolf am 19.10.2019 16:09
Anmerkung von @suziwolf
D o p p e l t ... hält nicht immer besser.

Nun also das 3. Mal:

Die Luft ist erfüllt von ...
butenbremer_in_altona am 19.10.2019 15:40
Das Schiff an Land aufpallen, sturmfest machen und aufhübschen. Dann kann Bremerhaven das Museumsstück behalten und man muss kein Geld ausgeben, um ...
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